Dopingverdacht

Widersprüche über Schumanns Arztbesuche

Von Hans-Joachim Waldbröl und Michael Reinsch, Frankfurt

Wann äußert sich Nils Schumann?

Wann äußert sich Nils Schumann?

21. November 2006 Sowohl Befürworter als auch Gegner eines Anti-Doping-Gesetzes beharren nach der Strafanzeige, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) am Montag beim Amtsgericht Magdeburg gegen Jos Hermens und Miguel Angel Peraita erstattet hat, auf ihren Positionen.

Dem niederländischen Leichtathletik-Manager wie dem spanischen Arzt wird vorgeworfen, zumindest die Sportler Grit Breuer aus Magdeburg und Nils Schumann aus Frankfurt mit Dopingmitteln versorgt und damit gegen das deutsche Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben (Siehe auch: Kampf gegen Doping: Der DLV nimmt das Verfolgungsrennen auf). Gegen die beiden Sportler ist lediglich ein verbandsrechtliches Dopingverfahren eingeleitet worden, da die staatlichen Rechtsmittel in ihren Fällen nicht greifen.

Bach sieht keine Notwendigkeit für ein Gesetz

Dopingverfahren gegen Schumann (li.) und Breuer

Dopingverfahren gegen Schumann (li.) und Breuer

DLV-Präsident Clemens Prokop verwies darauf, daß nicht etwa die vorhandenen Zugriffsmöglichkeiten im Rahmen des Arzneimittelgesetzes zur Strafverfolgung von Hermens und Peraita geführt hätten, „sondern, wenn man so will, glückliche Umstände, die allein den Nachforschungen des DLV zu danken sind“. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg hatte im Prozeß gegen den wegen Minderjährigen-Dopings zu sechzehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilten Leichtathletiktrainer Thomas Springstein auf die Auswertung weiterer Unterlagen verzichtet. „Das haben wir nachgeholt und darin die Grundlage für die zwei Strafanzeigen und die beiden Sportgerichtsverfahren gefunden.“

Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), sieht auch weiterhin keine Notwendigkeit für ein eigenes Anti-Doping-Gesetz und die Besitzstrafbarkeit für Athleten; vielmehr kritisierte er die unzureichende Nutzung der vorhandenen Instrumentarien durch die Magdeburger Staatsanwaltschaft. Der DOSB-Präsident verlangte von der Politik eine Verschärfung des Arzneimittelgesetzes und lobte am Dienstag bei einer sportjuristischen Konferenz in Berlin das Vorgehen des DLV. Dies sei eine beispielhafte Arbeitsteilung zwischen Sport und Staat gewesen.

Hermens: „Ich habe nichts Verbotenes getan“

Peter Danckert, der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, reagierte unwillig auf Bachs Worte: „Wir wollen wissen, wie Bach und der DOSB sich vorstellen, den Besitz von verbotenen Substanzen festzustellen und zu sanktionieren“, sagte er. „Seine flüchtigen Ausführungen will ich nicht kommentieren.“ Bachs Forderung nach Telefonüberwachung bei Dopingfällen durch ein verschärftes Arzneimittelgesetz nannte Danckert überzogen und parlamentarisch nicht durchsetzbar. „Die SPD unterstützt von Beck bis Struck eine Gesetzgebung gegen Doping, und wir halten daran fest, daß eine Besitzstrafbarkeit eingeführt wird“, sagte Danckert.

Einen Tag nach dem Eingang der Strafanzeigen bei der Magdeburger Staatsanwaltschaft nahm Hermens ausführlich gegenüber dem „Sportinformationsdienst“ Stellung. „Ich möchte endlich wissen, weshalb ich da angeschuldigt werde. Ich habe nichts Verbotenes getan“, sagte der Niederländer, der sich im Urlaub auf den Kanarischen Inseln befindet. Hermens, der mit weltweit rund 120 Athleten geschäftliche Beziehungen unterhält, darunter bis zu ihrem Rückzug am Jahresanfang auch Grit Breuer sowie bis 2003 Nils Schumann, räumte ein: „Ich glaube schon, daß Nils Schumann und Grit Breuer bei Peraita waren.“ Doch daß dabei Doping im Spiel gewesen sei, bezeichnete Hermens als „alles Blödsinn. Ich tue viel für die Athleten. Aber ich bin kein Manager des Dopings.“

„Ich habe Nils gesagt, er solle sich nicht äußern“

Selbstkritischer äußerte sich der Athleten-Manager gegenüber dem Berliner „Tagesspiegel“: „Insgesamt waren drei Athleten von mir bei Peraita: Nils Schumann, Amewu Mensah und Grit Breuer.“ Peraita habe „revolutionäre Methoden bei Kreatinen und homöopathischen Mitteln entwickelt“. Hermens räumte allerdings ein: „Ich war vielleicht ein bißchen dumm. Irgendwann hätte ich mir mehr Fragen stellen sollen, was Peraita genau macht.“ Anfang August hatte Schumann gesagt, er könne sich nicht vorstellen, im Umfeld der spanischen Dopingärzte gesehen worden zu sein.

Der jetzige Manager Schumanns, Frank Thaleiser, versicherte gegenüber dieser Zeitung: „Ich weiß zwar, daß seine damalige Freundin Amewu Mensah bei Peraita war, aber daß Nils ein Patient dieses Arztes war, davon steht nichts in den Akten.“ Thaleiser lehnte es ab, inhaltlich zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen, „solange ich nicht weiß, was genau ihm vorgeworfen wird. Ich habe auch Nils gesagt, er solle sich nicht äußern.“ Schumann und Breuer haben sieben Werktage Zeit, zu den Anschuldigungen Stellung zu nehmen, müssen sich demnach bis zum kommenden Dienstag äußern. Erst danach kann das förmliche Verfahren seinen Lauf nehmen.

Wie will man die Beschuldigten vor Gericht bringen?

Während Grit Breuer und Nils Schumann für den DLV leicht zu „greifen“ sein dürften, sieht es für die Staatsanwaltschaft bei Hermens und Peraita schwieriger aus. Wie will man die beiden Beschuldigten - falls die Strafverfolger in Magdeburg überhaupt Ermittlungen aufnehmen und es zu einem Strafverfahren kommen sollte - vor Gericht bringen? „Man könnte versuchen, einen europäischen Haftbefehl zu erwirken“, sagte Prokop.

Über Rechtshilfeabkommen mit den Niederlanden und Spanien biete sich eine weitere Möglichkeit. Sollte das Verfahren in Deutschland abgewickelt werden und es zu einer Verurteilung in Abwesenheit der Angeklagten kommen, könnten beide nicht mehr nach Deutschland einreisen - was im Falle Peraitas ohnehin höchst unwahrscheinlich wäre, Hermens jedoch wegen seiner deutschen Klientel hart treffen könnte.

Text: F.A.Z. vom 22. November 2006
Bildmaterial: AFP, dpa

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