Expansionspläne

Basketball ohne Grenzen: Bekommt Berlin ein NBA-Team?

Von Jürgen Kalwa, New York

02. April 2008 Das Milliardenland China mag für die amerikanische Profi-Basketball-Liga auf Dauer zum größten ausländischen Absatzmarkt werden. Aber für eine Erweiterung des Spielbetriebs kommt bis auf weiteres nur Europa in Frage. Der alte Kontinent bietet „die beste Grundlage“ für eine eigene Gruppe mit örtlichen Klubs. So sieht es jedenfalls David Stern, seit 24 Jahren unumstrittener Geschäftsführer der National Basketball Association und der Architekt der Globalisierung, die mit dem Dream Team bei den Olympischen Spielen 1992 begann und die in Peking Nationalmannschaften erleben wird, die mit einer ganzen Reihe von NBA-Profis antreten werden.

Stern, der ewige Optimist, weiß zwar auch nicht, ob die erhoffte Ausdehnung nach Europa tatsächlich stattfinden wird. Aber er ist zuversichtlich, dass er und die Repräsentanten der derzeit 30 Klubs in spätestens zehn Jahren eine realistische Chance haben werden, das Experiment zu wagen. Dass eine Ausdehnung über den Atlantik hinweg logistische Probleme mit sich bringt, betrachtet Stern schon seit geraumer Zeit nicht mehr als wirkliche Hürde. So erklärte er kürzlich Journalisten bei einer Telefon-Pressekonferenz, dass die Distanzen, die die Mannschaften dieser Tage auf ihren Reisen in den Vereinigten Staaten zurücklegen müssen, bereits enorm seien. Davon abgesehen: „Von Boston nach Paris ist es näher als von Boston nach Portland“, sagte er.

Hornissen und Zauberer in Friedrichshain

Darüber hinaus bieten neue Hallen in London und demnächst auch in Berlin erstmals jene Größe und jene zeitgemäße Ausstattung mit Luxus-Suiten und Restaurants, die in den Vereinigten Staaten zum Standard geworden sind. Weshalb die Liga im Herbst vor Beginn der nächsten Saison mit den New Orleans Hornets und den Washington Wizards zwei Mannschaften zu einem Schau-Wettkampf in die neue O2-World-Arena in die deutsche Hauptstadt schicken wird. Die Halle auf dem Gelände des ehemaligen Ostbahnhofs im Stadtteil Friedrichshain gehört zu den Ecksteinen einer offensiven Werbekampagne: „Berlin ist ein besonderer Markt für uns. Deutschland ist potentiell ein riesiger Markt für uns.“

Wie riesig, das wird sich erst noch zeigen. Selbst mit einem so prominenten und erfolgreichen deutschen Spieler wie Dirk Nowitzki bekommt die Liga in dessen Heimat bei Liveübertragungen im Fernsehen nur bescheidene Einschaltquoten. Und über die eigentlichen wirtschaftlichen Hürden spricht Stern nicht so gern, weil eine Analyse der damit verbundenen Zahlen die Stimmung dämpft: Um neue Klubs einzurichten, müssen sich Investoren finden, die mindestens 300 Millionen Dollar pro Team in die NBA einzahlen, und Fernsehverträge ausgehandelt werden, die pro Mannschaft rund 50 Millionen Dollar pro Jahr an Lizenzen einspielen. Das sind nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge utopische Summen, besonders wenn man sie mit den Zahlen aus dem Fußball vergleicht.

Schulden wegen der hohen Spielergehälter

Die teure Einlage entspringt einer Geschäftstradition der amerikanischen Ligen, die sich wie ein Kartell verhalten und jedem Neuzugang eine sogenannte „expansion fee“ abverlangen. Diese Aufnahmegebühr wird an die existierenden Klubs ausgeschüttet, öffnet aber gleichzeitig dem Eigentümer des neuen Teams den Hahn aus den zwei großen Einnahmequellen, über die die Liga verfügt: die Fernsehverträge mit den amerikanischen und internationalen Sendern und die Zentralvermarktung von Logos, Kappen, Hemden, Jacken und anderen Souvenirartikeln, die zu einem enormen Geschäftszweig herangewachsen sind. Die gegenwärtige Konstruktion an Lizenzvereinbarungen mit amerikanischen Fernsehfirmen bringt allein jedes Jahr 930 Millionen Dollar. Die Merchandising-Einnahmen liegen bei etwa 150 Millionen Dollar.

Trotz solch lukrativer Verhältnisse und eines florierenden Eintrittskartenverkaufs, in dessen Rahmen knapp über 90 Prozent aller Tickets abgesetzt werden, verlieren einige Klubs Geld. Kein Wunder: Von den Gesamteinnahmen von zuletzt 3,6 Milliarden Dollar pro Jahr gehen zwei Milliarden an die Spieler.

Keine Eile beim NBA-Boss

Spitzenreiter in der Hitparade der Verluste sind die New York Knicks, die mehr Geld für Gehälter ausgeben als jedes andere Team, eine hohe ligainterne Abgabe entrichten und teure Altlasten abtragen, die durch vorzeitige Kündigungen von Trainern entstanden sind. Deren Minus belief sich zuletzt laut Berechnungen des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ auf 42 Millionen Dollar.

Ob David Stern noch im Amt sein wird, wenn die Entscheidung für oder gegen eine Ausdehnung nach Europa gefällt wird, weiß sicher nicht mal er selbst. Der studierte Historiker und Jurist ist 65 Jahre alt und gibt sich zumindest kämpferisch: „Wir wissen, wir müssen die Zuschauerbasis entwickeln“, sagte er neulich. „Und das wird Zeit brauchen. Wir sind nicht in Eile.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
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