05. November 2007 Im Ziel ließ sich Paula Radcliffe mit ihrem Baby Isla auf dem Arm feiern und herzte Ehemann Gary Lough. Was für ein Comeback: Nur neun Monate nach der Entbindung verblüffte die britische Weltrekordlerin mit ihrem Sieg am Sonntag beim New-York-Marathon nicht nur die Sport-, sondern auch die Medizinwelt.
Ich war hier so viele Male und ich wusste, das ist mein Terrain. Ich habe es wirklich vermisst, sagte die 33-Jährige, den Union Jack um die Schulter gelegt. Diese Atmosphäre hier zu erleben, das ist es, was mich im Training immer motiviert. Über Radcliffe hatte die britische Läuferlegende Sebastian Coe einmal gesagt: Was Paula erreicht hat, geht weit über die Leichtathletik hinaus. Sie setzt neue Maßstäbe im Frauensport. Mehr als es je jemandem zuvor gelungen ist, hat sie die Kluft zwischen Männern und Frauen im Sport überwunden.
Zwei Wochen nach Geburt wieder in Laufschuhen
Jetzt hat die 1,73 Meter große und 54 Kilo leichte Läuferin abermals eine Ausdauerleistung unter ganz speziellen Vorzeichen vollbracht. Seit ihrem WM-Sieg 2005 in Helsinki hatte Radcliffe keinen Marathon mehr bestritten. Am 17. Januar dieses Jahres brachte sie ihre Tochter zur Welt - unter großen Schwierigkeiten. Die Geburt hat 27 Stunden gedauert und die Ärzte mussten mir eine große Menge Medikamente spritzen, damit sich Muskeln, Sehnen und Gelenke lockerten. Dabei zog sich die Ausdauerspezialistin einen Ermüdungsbruch am Kreuzbein zu. Nur zwei Wochen danach zog Radcliffe wieder ihre Laufschuhe an.
Viel zu früh, wie sie später feststellte. Noch im Juli, als klar war, dass sie bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften im August in Osaka/Japan ihren Titel nicht würde verteidigen können, räumte sie ein: Ich habe erst vor zwei Wochen wieder mit dem Laufen begonnen. Eine Million Zuschauer an der Strecke in Big Apple sahen nun die Gala-Vorstellung Radcliffes und den Sieg bei den Männer von Martin Lel (Kenia/2:09:04). Erst 400 Meter vor dem Ziel im Central Park entschied die Britin das Rennen für sich, als sie ihre hartnäckige Verfolgerin Gete Wami abschüttelte. Sie siegte zum zweiten Mal nach 2004 beim bekanntesten Marathon der Welt in 2:23:09 Stunden. Die Kenianerin Wami hatte ihr als einzige folgen können.
Heute war ich davon überzeugt, das wird mein Ding
Während Radcliffe 170.000 US-Dollar (etwa 117.400 Euro) durch ihre Laufarbeit verdiente, konnte sich die Berlin-Siegerin mit dem Gewinn des 500.000 US-Dollar schweren Jackpots der World Marathon Majors trösten. Sie war einfach zu stark, lobte Wami Miss Marathon Radcliffe. Ich bin schon so oft mit Gete Schulter an Schulter auf die letzten 400 Meter eingebogen. Heute war ich davon überzeugt, das wird mein Ding. Ich glaube, es war ein kleiner Vorteil, dass es leicht bergauf ging und kein Bahnrennen war, sagte Radcliffe, die sich freute, dass sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte: So etwas hier macht natürlich mehr Spaß als Training im Pool oder im Fitness-Center.
Zwei große Ziele hat Radcliffe, die sieben ihrer acht Marathon- Läufe gewonnen hat und nur 2004 bei den Sommerspielen in Athen entkräftet aufgeben musste, noch vor Augen: Im nächsten Jahr will sie in Peking endlich olympisches Gold über die 42,195 Kilometer. Und vier Jahre später in London hofft sie auf ein erfolgreiches Heimspiel. Bei Olympia im eigenen Land zu starten ist das Größte. Dann bin ich 38 Jahre alt. Mit fünf Jahren könnte Isla dann auch ein bisschen verstehen, was ihre Mutter alles auf die Beine gestellt hat.
Ryan Shay war der Inbegriff eines Athleten
Getrübt wurde das sonnige Marathon-Wochenende im Big Apple durch den tragischen Tod des früheren amerikanischen Meisters Ryan Shay, der am Samstag bei der Olympia-Qualifikation der Amerikaner nach neun Kilometern zusammenbrach - alle Rettungsversuche für den 28-Jährigen kamen zu spät. Unmittelbar vor dem Rennen hatten die Läufer eine Gedenkminute für Shay eingelegt - erst danach ertönten Frank Sinatras Superhit New York, New York und der Startschuss. Er lief vor mir und stieg plötzlich aus, beschrieb Konkurrent Marc Jeuland die Situation. Umgehend wurde versucht, Shay zu reanimieren - vergebens. Zwar wurde er noch mit einem Krankenwagen ins Lenox-Hill-Hospital in Manhattan gebracht, doch die Ärzte konnten dort um 8.46 Uhr Ortszeit nur den Tod bestätigen.
Aufschluss über die genaue Todesursache soll eine Autopsie bringen. Shays Trainer Joe Vigil betonte, sein Athlet habe keinerlei Herzprobleme gehabt. Er hatte eine sehr starke Physis, wahrscheinlich die stärkste von allen Läufern im Feld. Er war der Inbegriff eines Athleten, hat immer gesund gelebt, hart trainiert und sich hohe Ziele gesetzt. Ich dachte, heute wird sein Tag. Ryan hatte so hart trainiert, Gewicht verloren und war einfach bereit für das Ticket nach Peking, ergänzte der Silbermedaillen-Gewinner von Athen, Meb Keflizighi. Shay gehörte bereits bei den US-Trials 2004 zu den Favoriten, zog sich damals aber eine Oberschenkel-Verletzung zu und verpasste als 23. die Olympia-Qualifikation.
Neue Bestmarke für Tour-Sieger Lance Armstrong
Unterdessen eilte der siebenmalige Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong in New York zu einer neuen Bestmarke. Der 36 Jahre alte Athlet aus Texas absolvierte den Marathon in 2:46:43 Stunden und war damit fast 13 Minuten schneller als bei seinem ersten Lauf über die klassische Distanz von 42,195 Kilometern vor einem Jahr an gleicher Stelle. Damit belegte Armstrong bei den Männern den 214. und insgesamt den 233. Platz unter 39.085 Teilnehmern.
Ich glaube, dass ich diesmal besser vorbereitet war. Ich fühle mich auch besser nach dem Lauf, als es im vergangenen Jahr der Fall war. Da konnte ich wegen meiner Probleme an den Schienbeinen erst wieder nach vier oder fünf Monaten mit dem Laufen beginnen, sagte der Amerikaner und kündigte an, mit dem Laufen weiterzumachen. Armstrong stand an der Spitze von 130 Läufern, die sich für die Krebsforschung einsetzen. Der einstige Radprofi überlebte eine Hodenkrebserkrankung und gewann 1999 den ersten seiner sieben Titel bei der Frankreich-Rundfahrt.
Alex Zanardi mit Platz vier bei den Handbikern
Ein erfolgreiches Debüt auf dieser Strecke und Distanz feierte Armstrongs Landsmann Alex Zanardi. Der 41 Jahre alte ehemalige Formel-1-Pilot und zweimalige amerikanische Cart-Meister, der am 15. September 2001 auf dem EuroSpeedway Lausitz bei einem schweren Unfall beide Beine verlor, belegte in der so genannten Handbike-Division eine beeindruckenden Zeit von 1:33:17 Stunden den vierten Platz. Sieger Alejandro Albor benötigte 1:17:48 Stunden.
Auch Katie Holmes, Ehefrau von Tom Cruise, nahm erfolgreich am Rennen teil. Sie absolvierte die Distanz in fünf Stunden und 29 Minuten und wurde am Ziel von ihrem Mann und ihrer Tochter Suri empfangen, wie Organisatoren des Rennens mitteilten. Sie hatte sich unter anderem Namen für das Rennen angemeldet, um nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
