22. Oktober 2006 Das Höhenbergsteigen ist ein weitgehend rechtsfreies Metier, eine anarchische Angelegenheit, wie Reinhold Messner sagt. Auf mehr als 8000 Metern gibt es keine Imperative und keine Gesetze - außer die der Natur und des eigenen Körpers.
Demnach gibt es auch keine Gesetzeshüter, die aufdecken oder ahnden könnten, wenn jemand Dopingpräparate nimmt. Der Deutsche Alpenverein macht zwar seit zehn Jahren regelmäßig Kontrollen, allerdings ausschließlich bei Wettkampfkletterern. Von den etwa hundert Proben, die bislang genommen wurden, waren zwei positiv - wegen des wiederholten Haschischkonsums einer Athletin.
Wettbewerbsvorteile gegenüber den Konkurrenten
Unter Doping versteht man die Anwendung unerlaubter medizinischer Methoden und die Einnahme verbotener Substanzen zur Leistungssteigerung im Sport. Das Verbot der Substanzen gründet vor allem auf der Annahme, ein Athlet wolle sich durch deren Einnahme Wettbewerbsvorteile gegenüber den Konkurrenten verschaffen.
Ob man vom Bergsteigen als einem sportlichen Wettkampf sprechen kann, ist allerdings fraglich. Reinhold Messner, der mehr als hundert Erstbegehungen in seinem Gipfelbuch stehen hat und der erste war, der alle 14 Achttausender bestiegen hatte, sagt: Nein - und wenn, dann allenfalls in einem spielerischen Sinn.
Der Abstieg war desaströs
Zumindest für die fünfziger und sechziger Jahre, die Zeit des Eroberungsbergsteigens, trifft das nicht zu. Damals, als der Imperialismus auf den Bergen eine Renaissance feierte, war das Bergsteigen ein erbitterter Wettkampf. Um die höchsten Gipfel der Erde zu besteigen und damit Weltruhm zu erlangen, war beinahe jedes Mittel recht.
Die ersten, die auf dem Gipfel eines Achttausenders standen, waren am 3. Juni 1950 die Franzosen Maurice Herzog und Louis Lachenal. Der Aufstieg auf die 8091 Meter hohe Annapurna muß hart, der Abstieg desaströs gewesen sein.
Am Gipfel mehr oder weniger plemplem
In seinem Buch Annapurna, erster Achttausender schreibt Herzog, der später unter Charles de Gaulle zu Ministerehren kam, wie sich Hautfetzen von seinen erfrorenen schwarzen Händen lösten und der Expeditionsarzt Jacques Oudot nach und nach die Glieder seiner Finger amputieren mußte.
Oudot war auch für den umfangreichen Medikationsplan der Seilschaft zuständig: Vitamintabletten, Schlafmittel, Aspirin und - Aufputschmittel. Herzog und Lachenal waren wegen der Medikamente am Gipfel mehr oder weniger plemplem, sagt Messner. Daß sie nach unten gekommen sind, kommt einem Wunder gleich.
Pervitin, ein Amphetamin der Wehrmacht
Auch 1953, beim Alleingang des Tiroler Eigenbrötlers Hermann Buhl auf den gefürchteten Nanga Parbat, an dem zuvor berühmte Bergsteiger wie Willy Merkl oder Sigi Löw tödlich verunglückt waren, spielte ein Arzt eine maßgebliche Rolle: Karl Maria Herrligkoffer, der die Seilschaft zusammengestellt hatte, stand in der Szene im Ruf, alles dafür zu tun, daß seine Leute den Gipfel erreichen.
Zur Grundausstattung von Herrligkoffers Rucksackapotheke gehörte Pervitin, ein Amphetamin, das die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg als Wachhalter für sich entdeckt hatte. Ich erinnere mich an das Pervitin, schreibt Buhl in seinem Expeditionsbericht.
Es ist verlockend, würde mir wieder neue Kraft geben, neuen Auftrieb, doch nein, die Wirkung hält nur sechs bis sieben Stunden an, dann ist's vorbei, dann tritt die Reaktion ein, und die könnte böse Folgen haben. Schließlich nimmt er zwei Tabletten, erreicht den Gipfel - und schafft es gerade noch nach unten.
Mit erbärmlichen Ausrüstung in völliges Neuland
Herzog, Lachenal und Buhl waren bewunderte Pioniere auf ihrem Gebiet. Denen verzeihe ich, wenn sie was genommen haben, sagt der Südtiroler Hans Kammerlander, der ohne künstlichen Sauerstoff 13 von 14 Achttausendern bestiegen hat - sieben gemeinsam mit Messner - und 1996 mit den Skiern vom Gipfel des Mount Everest ins Tal abgefahren ist.
Die haben sich mit einer erbärmlichen Ausrüstung in völliges Neuland vorgewagt. Thomas Urban, Dopingfachmann des Deutschen Alpenvereins, sieht das genauso. Im übrigen, sagt er, hätten Buhl und Herzog damals mit dem Begriff Doping noch gar nichts anfangen können.
Tatsächlich ist Doping erst in den sechziger Jahren allmählich ins Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt - am erschütterndsten, als der Engländer Tom Simpson 1967 bei der Tour de France mit einem Amphetamincocktail im Blut vom Fahrrad fiel und starb. Erst ein Jahr zuvor waren bei der Radrundfahrt Dopingkontrollen eingeführt worden.
3D-Cocktails
Pervitin kam zu der Zeit allmählich aus der Mode. Die recht unverkrampfte Diskussion über Mittel zur Leistungssteigerung ging unter Spitzenbergsteigern allerdings weiter. Das Zauberwort der siebziger Jahre war Diamox, das Symptome eines Hirnödems bei akuter Höhenkrankheit abmildern kann, ohne jedoch zu einer Beschleunigung der biologisch notwendigen Anpassung an die Höhe zu führen.
Zusammen mit Dexamethason, einem Cortisonpräparat, und Dexidrin, einem Amphetamin, das amerikanische Bomberpiloten in Afghanistan verwendet haben sollen, ist Diamox Bestandteil des 3D-Cocktails, der sich in einschlägigen Internetforen noch heute reger Nachfrage erfreut.
Viagra nehmen auch Bergsteiger ein
In den vergangenen 20 Jahren wurde die Palette medizinischer Hilfsmittel erweitert: Seit Untersuchungen gezeigt haben, daß der Wirkstoff Sildenafil, besser bekannt als Viagra, den Lungendruck senkt und dadurch die Sauerstoffaufnahme verbessert, nehmen auch Bergsteiger das Medikament ein.
Selbst mit dem Hormonpräparat Epo, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt, dürfte experimentiert werden. Ob Epo allerdings die Anpassung an die Höhe beschleunigt oder vielmehr zu einer lebensgefährlichen Blutverdickung führt - darüber gehen unter Medizinern wie Bergsteigern die Ansichten auseinander.
Genügend Leute, die lügen
Das gilt auch für die Frage nach der Verbreitung medizinischer Hilfsmittel. Messner, der 1970 mit Herrligkoffer am Nanga Parbat war, sagt, er habe selbst nie etwas genommen außer einem Aspirin zur Blutverdünnung. Er glaube aber, daß es genügend Leute gebe, die Medikamente zu sich nehmen und lügen.
Für die Top-Bergsteiger wie den Amerikaner Steve House, der zusammen mit Vince Anderson 2005 für die Begehung einer neuen Route an der Rupalwand des Nanga Parbat den Bergsteigeroscar Piolet d'or gewann, würde er aber seine Hand ins Feuer legen.
Aufputschmittel bedeuten eine tödliche Gefahr
Auch Oswald Oelz, ein bekannter Höhenmediziner und Bergsteiger, der 1978 drei Tage nach Reinhold Messner und Peter Habeler auf dem Mount Everest stand, hält die Leistungen der Spitzenleute ohne Medikamente für durchaus möglich.
Aufputschmittel bedeuteten bei den hochriskanten und oft tagelangen Touren eher eine tödliche Gefahr denn eine große Hilfe: Sich selbst jederzeit zu spüren und Gefahren richtig einzuschätzen ist für einen Bergsteiger, der sich in Grenzbereichen bewegt, unerläßlich. Franz Berghold, Sportmediziner und Bergführer, mag den Spitzenbergsteigern soviel Vernunft nicht zutrauen: Er wisse aus Gesprächen, daß etwa der 3D-Cocktail nach wie vor zum Einsatz komme.
Guter Stil in den Weltbergen
Auch der Schweizer Ueli Steck, einer der besten Kletterer und Höhenbergsteiger der Gegenwart, hat in seiner Bergapotheke Amphetamine. Die nehme er aber nur, wenn es um Leben und Tod geht. Auch Diamox gehöre für ihn ausschließlich zur Notfallversorgung. Das sagen die meisten der besten Alpinisten.
Schon im 19. Jahrhundert hatte Albert Frederick Mummery, der 1895 am Nanga Parbat umkam, das Bergsteigen by fair means propagiert. Reinhold Messner hat den Slogan später aufgegriffen. Auch die Tirol Deklaration zur Best Practice im Bergsport des Weltbergsteigerverbands UIAA, die vom deutschen und österreichischen Alpenverein mitgetragen wurde, ist davon inspiriert.
Guter Stil in den Weltbergen, heißt es darin, bedeutet den Verzicht auf Fixseile, leistungssteigernde Drogen und Flaschensauerstoff. Kaufkräftigen Amateuren, die sich heute von Trekking-Agenturen für 80 000 Dollar auf den Everest schleppen lassen können, ist das oft gleichgültig. Denen, sagt Kammerlander, geht es nur darum: Gipfel oder nicht Gipfel.
Text: F.A.Z., 23.10.2006, Nr. 246 / Seite 11
Bildmaterial: AP