Klitschko besiegt Ibragimow

Pfiffe und Buhrufe für den doppelten Weltmeister

Von Hans-Joachim Leyenberg, New York

24. Februar 2008 Schön praktisch, wenn man einen Fürsprecher hat, dessen Urteil als Fachmann etwas gilt. Die Pfiffe im Madison Square Garden waren die Stimme des Volkes, aus Lennox Lewis wiederum sprach der Insider des Boxgeschäfts. Nein, jene 14.000 in der nicht ausverkauften Arena, die Wladimir Klitschko gegen Sultan Ibramigow boxen sahen, hatte der souveräne Punktsieg nie groß in Wallung bringen können.

Am Ende reichte es - in jeder Hinsicht. Jetzt ist der Ukrainer Klitschko also Doppelweltmeister im Schwergewicht, ohne dass ihm auch nur ein Haar gekrümmt worden wäre. „Die Hauptsache ist es, zu gewinnen“, kommentierte Lewis das Geschehen im Ring. Der Brite ist ein Boxkollege, der nach seinem Abbruchsieg über Witali Klitschko Schluss gemacht hat mit der Karriere im Ring. Seitdem beurteilt der ehemalige Weltmeister seine Nachfolger so leidenschaftslos wie es Börsenanalysten auf ihrem Feld tun.

Klitschko hält sich den risikoscheuen Gegner vom Hals

„Zwei Weltmeistergürtel hat er, zwei fehlen ihm noch“, rechnete Lewis hoch. Dann wäre Wladimir Klitschko das, was Lennox Lewis einmal war: Der Weltmeister aller Verbände. Die Aktie Klitschko ist gestiegen, nachdem er Ibragimow dessen WBO-Gürtel abgenommen hat, aber um die Gunst des Publikums zu gewinnen, wird er noch zulegen müssen.

Wladimir habe „intelligent“ geboxt, lobte ihn Witali unter Brüdern und berief sich auf die strikt eingehaltene Strategie, die drauf hinauslief, stets die Kontrolle über das Geschehen zu behalten. Der um 15 Zentimeter größere IBF-Champion fuhr seinen linken Arm wie einen Fühler aus, hielt sich damit den ebenfalls risikoscheuen Ibragimow vom Hals.

Nur keine Blöße geben, den Kampfplan minutiös einhalten

„Ich habe den ganzen Kampf auf seine Rechte gewartet“, beklagte Ibragimow hinterher. So habe er kein Schlupfloch für seine Fäuste vorgefunden. Den Gefallen tat ihm der Ukrainer so wenig wie dem Publikum. Nur keine Blöße geben, den Kampfplan minutiös einhalten war das oberste Gebot. Ehe die rechte Schlaghand erstmals zum Einsatz kam, war bereits die vierte Runde eingeläutet.

Schon zum Ende des dritten Durchgangs steuerte Ibragimow kopfschüttelnd seine Ringecke an. Das Bild wiederholte sich. Dieser Mann ließ seine Sekundanten wissen: So wird das nichts! Runde für Runde verging nach einem ähnlichen Strickmuster. Wer wie Wladimir Klitschko alles unter Kontrolle hat, erstickt neben den eigenen Emotionen auch die des Publikums.

„Die schwierigsten Kämpfe liegen noch vor mir“

Wladimir Klitschko macht sich etwas vor, wenn er behauptet, „jede Sekunde dieses Sports zu genießen“. Im Ring zumindest ist nur noch Anspannung pur bis zur Verkrampfung zu spüren. Vielleicht ist es die Prüfungsangst eines Kandidaten, der schon drei Kämpfe verloren hat und nie wieder durch das Examen rauschen will. Schließlich hat K2, die Firma der Inhaber Klitschko noch viel vor: Als Brüderpaar alle zu vergebenden Titel einzukassieren.

„Die schwierigsten Kämpfe liegen noch vor mir“, sagt der jüngere, während das Comeback des älteren Witali bereits ein WM-Duell um den Gürtel der WBA sein wird. Bliebe als Kandidat Wladimir Klitschkos für den nächsten Vereinigungskampf der Sieger vom 8. März in Cancun. Dort duellieren sich WBC-Titelverteidiger Oleg Maskajew (Kasachstan) und Herausforderer Samuel Peter (Nigeria). „Gegen den Sieger wird Wladimir anders boxen“, ist sich Lewis sicher.

„Mein Pulver ist noch trocken und unverbraucht“

Das wäre dann mal eine Perspektive für Boxfreunde, zumal in Europa. „Mein nächster Kampf wird in der europäischen Zeitzone stattfinden“, legte sich der Sieger von New York bei aller Vorsicht, die er gerne walten lässt, fest. Zwar hat er es mit 31 Jahren eilig, seine Titelsammlung zu vervollständigen, aber es gibt noch andere Optionen. Etwa ein Rendezvous mit seinem Landsmann Alexander Powetkin. „Das wäre interessant, weil er offensiv boxt“, sagte der IBF/WBO-Champion.

Die Buh-Rufe in einer Arena, die einst den epischen Fight zwischen Joe Frazier und Muhammad Ali erlebte, werden Klitschko als sensiblen Zeitgenossen nicht kalt gelassen haben. In den kommenden Tagen wird er nachbessern, in New York von Talkshow zu Talkshow ziehen und dabei wieder punkten können. Im Idealfall mit Bruder Witali, dessen Namensnennung durch den Sprecher einen Sturm der Begeisterung im Madison Square Garden auslöste. „Mein Pulver ist noch trocken und unverbraucht“, kündigt er eine krachende Rückkehr an und zitiert ein russisches Sprichwort: „Seine Fähigkeiten kann man nicht versaufen.“

Kein Mumm und kein Konzept in dieser Liga

Andererseits kann niemand aus seiner Haut. Im Vergleich zum technisch beschlagenen, talentierteren Wladimir ist Witali ein entschlossener Haudrauf, der Lennox Lewis 2003 am Rande einer Niederlage hatte. Aber dann stoppte den Ukrainer eine Verletzung. Auf neutralem Boden in Los Angeles haben sie ihn gefeiert wie einen Helden, aber im Kampfrekord blieb eine Niederlage zurück. Der allzeit wohltemperierte Wladimir Klitschko wiederum kultiviert den Stil, der ihm die Chef-Rolle im Ring lässt, ohne viel dafür zu tun, sofern es die andere Seite nicht abverlangt.

Ibragimow war ein dankbarer Gegner, der die Misere des Schwergewichts offen legte. Kein Mumm, kein Konzept in dieser Liga. Ein wenig mehr Action, ein paar entschlossene Schlagkombinationen Klitschkos hätten ausgereicht, innerhalb seiner üblichen K.o. - Quote zu bleiben. Aber das Prinzip Vorsicht blieb geschlagene zwölf Runden ein höheres Gut als die Umsetzung der Prognose von Trainer Emanuel Steward. Der hatte angekündigt, dass Klitschko Katz und Maus mit Ibragimow spielen, ihn in Runde vier oder fünf stellen und nicht mehr entkommen lassen würde.

„Der boxt quasi in einem anderen Stockwerk“

Nun ist ein Boxkampf kein Comic. Anders als bei Tom und Jerry waren Jagdfieber und Raffinesse nicht gefragt an diesem Abend des sterilen Preisboxens. Sultan Ibragimow war zu unbedarft, um Wladimir Klitschko zu fordern. Es gibt bessere Kandidaten dafür. Zum Beispiel den Zwei-Meter-Dreizehn-Mann Nikolai Walujew.

„Wir wünschen ihm alles Gute“, sprach Witali Klitschko auch für seinen Bruder. „So einen Gegner brauchen wir, der ist in den USA gut zu verkaufen“. Der ist eine andere Hausnummer, boxt quasi in einem anderen Stockwerk. Da werden sie am Broadway aufhorchen. Im Augenblick aber herrscht der Eindruck vor: Wladimir Klitschko war lediglich in New York, um seinen „Job zu machen“. Für diesen Job genügte der Jab.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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