30. November 2008 Helge Meeuw war begeistert. Weniger von sich selbst, obwohl er als Sieger über 100 und Zweiter über 50 Meter Rücken bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften der Schwimmer in Essen keinen Grund zur Klage hatte. Diesmal aber galt Meeuws Überschwang einem anderen. Es ist einfach geil, was der Paul hier abzieht, sagte er. Gerade hatte der Paul, der Olympia-Fünfte Paul Biedermann, im Finale über 200 Meter Freistil eine weitere Spitzenzeit erzielt, 1:41,42 Minuten, keine sechs Zehntelsekunden über seinem eigenen Weltrekord. (Siehe: Paul Biedermann: Heute ist Weltrekordzeit).
Über 800 Meter Freistil war er zuvor in Europarekordzeit von 7:35,23 Minuten erfolgreich gewesen, und am Sonntag schrammte er zur Krönung über 400 Meter Freistil in 3:34,98 Minuten um eine halbe Sekunde am Weltrekord vorbei. Es blieben der dritte Titel und der zweite Europarekord. Die Zeit ist schön und gut, sagte er, aber erst wenn ich bei der EM in zwei Wochen neben den Top-Schwimmern bestehe, sehe ich mich bestätigt. Der 22 Jahre alte Biedermann war der herausragende, nicht aber der einzige Schwimmer, der bei den Titelkämpfen mit guten Leistungen überzeugte, und so befand Meeuw denn auch: Manche dachten ja, wenn jetzt ein paar Leute aufhören, ist alles aus. Aber man sieht: Es geht weiter.
Hulk schwamm zwei Europarekorde
Wir fangen nicht bei Null an - wie ein Mantra hatte Bundestrainer Dirk Lange diesen Satz bei seinem Einstand vor zwei Wochen wiederholt. (Siehe: Schwimmen: Querkopf Lange für den neuen Blickwinkel). Angesichts der katastrophalen Bilanz der deutschen Schwimmer bei Olympia in Peking klang das jedoch für manche schwer nach Pfeifen im Walde. Nun wurde Lange bestätigt. Eine Reihe von Athleten machte in Essen zum ersten oder auch zum wiederholten Mal auf sich aufmerksam.
Johannes Dietrich beispielsweise. Zwei Europarekorde erzielte der 23 Jahre alte Schwimmer vom SC Wiesbaden über 50 Meter Schmetterling, und das, gab er zur Kenntnis, sei zwar erfreulich, keineswegs aber oberstes Ziel gewesen. Ich wollte Weltrekord schwimmen, sagte er. Tatsächlich fehlten dafür ganze zwölf Hundertstelsekunden - ein Wimpernschlag, zumal Dietrich noch deutliche Defizite in seinem Finallauf ausmachte: Die Wende war Kacke, und der Anschlag war auch nicht optimal.
75. deutscher Meistertitel für Thomas Rupprath
Mit der Erklärung, was man mitbringen müsse, um so schnell zu sein, war er ebenso flott bei der Hand wie mit der Rennanalyse: 105 Kilo und 1,83 Meter Größe. Tatsächlich hat der Kurzbahnspezialist, Spitzname Hulk, nach der verpassten Olympia-Qualifikation zwölf Kilogramm zugelegt. Drei Monate lang trainierte er mit Bobfahrern, fünf Stunden am Tag bin ich im Kraftraum gehangen. Die zusätzliche Schnellkraft kommt ihm nun zugute, vor allem auf den Sprintdistanzen. Über 100 Meter Schmetterling musste er Thomas Rupprath den Vortritt lassen, der in 50,34 Sekunden seinen 75. deutschen Meistertitel gewann.
Neue Hoffnung weckte auch Steffen Deibler. In Peking landete er auf seinen Strecken 100 und 50 Meter Freistil noch auf den Plätzen 33 und 38. Nun waren ihm die Erleichterung und die Genugtuung anzumerken, nachdem er seinen deutschen Rekord über 100 Meter auf 46,67 Sekunden gesteigert hatte - und bei der 50-Meter-Durchgangszeit nur eine Hundertstelsekunde langsamer war als der Schwede Stefan Nystrand bei seinem Weltrekord. Am Sonntag legte er im 50-Meter-Finale nach: In 21,30 Sekunden schaffte der 21 Jahre alte Hamburger den zweiten Sieg, wieder mit nationalem Rekord.
Marco Koch gewann drei Titel
Zu den neuen Gesichtern, die sich in Essen in den Vordergrund schwammen, zählte sein 18 Jahre alter Bruder Markus: Er schwamm über 200 Meter Lagen in 1:55,69 Minuten so schnell wie niemand zuvor in Deutschland. Überragender Nachwuchsmann aber war der ebenfalls 18 Jahre alte Brustspezialist Marco Koch. Er gewann drei Titel und stellte zwei deutsche Bestmarken auf, in 58,50 Sekunden über 100 Meter und in 2:06,57 Minuten über 200 Meter. Sein Vereinskollege vom DSW Darmstadt, der 19 Jahre alte Yannick Lebherz, überraschte mit einem deutschen Rekord über 400 Meter Lagen.
Bei den Frauen dagegen hielten sich die Top-Resultate in Grenzen. Einzig Daniela Samulski gelang über 50 Meter Rücken in 26,89 Sekunden eine nationale Bestmarke.
Nachwuchshoffnung Alexandra Wenk
So fiel die Bilanz der Kurzbahn-Meisterschaften zwiespältig aus. Zwar wurden die Normen für die EM in Rijeka (Kroatien) auf fast allen Strecken unterboten, von bis zu vier Schwimmern. Andererseits hätte Bundestrainer Dirk Lange die Richtzeiten gerne noch schärfer formuliert. Denn trotz aller Lichtblicke in der nacholympischen Finsternis: Internationale Spitzenzeiten blieben in Essen - abgesehen von Ausnahmeschwimmer Biedermann - Mangelware. Man muss realistisch bleiben, sagte Lange. Geduld ist angesagt.
Was Lange überraschte, war die Breite vielversprechenden Nachwuchses in Deutschland - eine gute Ausgangsbasis, so der Bundestrainer, für die Spiele 2012 und 2016. Das beste Beispiel war Alexandra Wenk von der SG Stadtwerke München. Sie wurde über 200 Meter Rücken deutsche Meisterin, über 200 Meter Lagen und 50 Meter Rücken erzielte sie jeweils die drittbeste Zeit. Bei ihrem Sieg über 200 Meter Rücken unterbot sie die EM-Norm um mehr als eine Sekunde. Starten darf sie in Rijeka trotzdem nicht. Dafür müsste sie fünfzehn Jahre alt sein. Alexandra Wenk ist gerade mal dreizehn.
Die deutschen Kurzbahn-Meister von Essen 2008
MÄNNER
FREISTIL
50 m: Steffen Deibler (Hamburg) 21,30 Sekunden (DR)
100 m: Steffen Deibler (Hamburg) 46,67 Sekunden (DR)
200 m: Paul Biedermann (Halle/Saale) 1:41,42 Minuten
400 m: Paul Biedermann (Halle/Saale) 3:34,98 Minuten (ER)
800 m: Paul Biedermann (Halle/Saale) 7:35,23 Minuten (ER)
1500 m: Jan Wolfgarten (Würzburg) 14:34,24 Minuten (DR)
BRUST
50 m: Marco Koch (Darmstadt) 26,90 Sekunden
100 m: Marco Koch (Darmstadt) 58,57 Sekunden
200 m: Marco Koch (Darmstadt) 2:06,57 Minuten (DR)
SCHMETTERLING
50 m: Johannes Dietrich (Wiesbaden) 22,62 Sekunden (ER)
100 m: Thomas Rupprath (Rostock) 50,34 Sekunden
200 m: Toni Embacher (Halle/Saale) 1:56,32 Minuten
RÜCKEN
50 m: Thomas Rupprath (Rostock) 23,54 Sekunden
100 m: Helge Meeuw (Frankfurt) 51,62 Sekunden
200 m: Felix Wolf (Potsdam) 1:54,17 Minuten
LAGEN
100 m: Thomas Rupprath (Rostock) 52,94 Sekunden
200 m: Markus Deibler (Biberach) 1:55,69 Minuten (DR)
400 m: Lukasz Wojt (Frankfurt) 4:06,56 Minuten
FRAUEN
FREISTIL
50 m: Dorothea Brandt (Neukölln) 24,61 Sekunden
100 m: Lisa Vitting (Mülheim) 53,84 Sekunden
200 m: Lisa Vitting (Mülheim) 1:56,87 Minuten
400 m: Franziska Jansen (Brühl) 4:11,44 Minuten
800 m: Isabelle Härle (Heidelberg) 8:39,34 Minuten
1500 m: Nadine Pastor (Mainz) 16:30,16 Minuten
BRUST
50 m: Janne Schäfer (Heidelberg) 30,62 Sekunden
100 m: Caroline Ruhnau (Essen) 1:07,34 Minuten
200 m: Karoline Degenhardt (Würzburg) 2:24,94 Minuten
SCHMETTERLING
50 m: Daniela Samulski (Essen) 26,50 Sekunden (DR)
100 m: Annika Mehlhorn (Baunatal) 58,97 Sekunden
200 m: Franziska Hentke (Halle/Saale) 2:06,03 Minuten
RÜCKEN
50 m: Daniela Samulski (Essen) 26,89 Sekunden (DR)
100 m: Daniela Samulski (Essen) 58,22 Sekunden
200 m: Alexandra Wenk (München) 2:09,61 Minuten
LAGEN
100 m: Theresa Michalak (Halle/Saale) 1:00,91 Minuten
200 m: Theresa Michalak (Halle/Saale) 2:11,40 Minuten
400 m: Theresa Michalak (Halle/Saale) 4:36,83 Minuten
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa