Golf-Kolumne

Sergio Garcia besiegt die Dämone

Von Wolfgang Scheffler

12. Mai 2008 Der innige Kuss, den Sergio Garcia am Sonntag seinen Putter nach dem Sieg im Stechen gegen den 43-jährigen Amerikaner Paul Goydos bei der Players Championship in Ponte Vedra Beach aufdrückte, spricht Bände. Endlich einmal waren der Spanier und das wichtigste Arbeitsgerät eines Profigolfers ein echtes Liebespaar - und nicht wie in der Vergangenheit so oft, zwei, die einfach nicht miteinander konnten.

„Im Golf geht es nicht darum, den Ball gut zu treffen. Das ist das Schöne an diesem Spiel“, sagt Sergio Garcia, aber auch das Vertrackte. Und keiner weiß das besser als der 28 Jahre alte Spanier: „Egal wie gut man den Ball trifft, es nützt nichts, wenn man den Ball nicht ins Loch bringt.“ Gerade auf dieser letzten kurzen Wegstrecke zum 10,8 Zentimeter großen Loch ist der der Profi aus Borriol immer wieder gescheitert.

Der beste Ballstriker, ein klassischer Underachiever

Manchmal wirkte der Mann auf den Grüns verzweifelt und hilflos, etwa bei der British Open vor zwei Jahren im Royal Liverpool Golf Club als er im direkten Zweikampf mit Tiger Woods um den Sieg bei der British Open kurze Putts gleich serienweise vorbei schob. Oder im Vorjahr als er den Triumph beim ältesten Turnier der Welt gegen den Iren Padraig Harrington im Stechen verspielte. Da brachten auch ständige Wechsel des Putters, sogar ein kurzer Flirt mit einem mittellangen Bellyputter, der am Bauchnabel fixiert wird, keine Besserung.

So galt Garcia, wie es im englischen Jargon der Branche heißt, als der vielleicht beste Ballstriker, aber auch als der klassische Underachiever, als ein Mann, der sein Potential nicht ausschöpft: ein einstiges Wunderkind, das schon als Vierzehnjähriger den Cut bei einem Turnier der europäischen Tour überstand, als Fünfzehnjähriger jüngster Amateur-Europameister war, aber als Profi trotz sechs Siegen auf der PGA Tour und weiteren zehn Triumphen in aller Welt nie das Versprechen der jungen Jahren einlöste.

Die Dämone kehrten noch einmal kurz zurück

Doch all das hat sich vielleicht an diesem Pfingstsonntag geändert, als der Wind mit bis zu 48 Kilometern in der Stunde über den extrem schweren, beinharten, ausgetrockneten, 6597 Meter langen Platz an der Nordostküste von Florida fegte, ein Tag, an dem der Titelverteidiger und Weltranglistenzweite Phil Mickelson mit 78 Schlägen auf den 21. Platz und Bernhard Langer mit 77 Schlägen auf den 15. Platz zurückfielen. Garcia rettete sich durch einen Putt aus 2,10 Meter zum Par am 18. Loch mit 71 Schlägen ins Stechen.

Im Play-off kehrten die Dämone noch einmal kurz zurück, als Garcia nach einem brillanten Eisenschlag den Ball aus 1,20 Meter am Loch vorbei zitterte. Aber er konnte sich diesen kurzen Schwächeanfall leisten, denn Goydos hatte mit einem Schlag ins Wasser auf dem 17., nur 110 Meter langen, aber mit dem gefürchteten Inselgrün versehenen Loch schon alle Chancen eingebüßt.

Endlich mal der Beste mit dem Putter

An den vier Turniertagen an der Nordostküste von Florida traf Garcia mit seinen Abschlägen nicht nur wie so oft mehr Fairways (78,6 Prozent) und mit seinen Eisen mehr Grüns in der vorgegebenen Schlagzahl (greens in regulation: 77,8 Prozent) als jeder Konkurrent, endlich einmal war er am Sonntag auch der Beste mit dem Putter: nur 28 Putts. Aber noch eindrucksvoller war eine andere Zahl, nämlich die 39,05 Meter, die die Addition seiner gelochten Putts ergab, rund zehn Meter mehr als jeder andere im Weltklassefeld.

Garcia kassierte für seinen Erfolg 1,71 Millionen Dollar bei diesem mit neun Millionen Dollar höchstdotierten Turnier der Welt, das inoffiziell als das fünfte Major gilt. Doch wichtiger als das üppige Preisgeld: Endlich einmal hatte er sich selbst, den besten Spielern der Welt (bis auf den nach einer Knieoperation pausierenden Woods war die Weltklasse komplett versammelt) und allen Zweiflern bewiesen, dass er den Ball auch dann ins Loch bringt, wenn es wirklich darauf ankommt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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