Von Cai Tore Philippsen, Hossegor
02. Oktober 2007 Wenn Jugendliche nach ihrem Traumsport gefragt werden, steht Wellenreiten ganz oben auf der Liste der Antworten. Sonne, Strand und Meer sind eine verlockende Vorstellung. Marlon Lipke lebt diesen Traum. Der Dreiundzwanzigjährige ist der beste deutsche Surfer. Er reist als Profi rund um den Globus von einem Strand zum nächsten, immer auf der Jagd nach Wellen und Punkten in den weltumspannenden Wettkampfserien.
Dem freundlichen jungen Mann ist bisher Einmaliges für einen deutschen Surfer gelungen. Als erster Deutscher erkämpfte er sich einen Startplatz bei einem Wettkampf der seit 1976 bestehenden World Championship Tour (WCT) – der Formel 1 der Wellenreiter. In Hossegor an der französischen Atlantikküste setzte sich Lipke souverän in der Qualifikation durch, die wie bei einem Tennis-Grand-Slam-Turnier vor dem eigentlichen Wettkampf ausgetragen wird. Und wie beim Tennis treffen die Qualifikanten gleich in der ersten Runde auf die topgesetzten Athleten, ein oft aussichtsloses Unterfangen.
Es ist möglich, die Stars zu schlagen
Auch für den deutschen Sonnyboy. Nach einer Lehrstunde in der ersten Runde gegen den späteren Sieger Mick Fanning aus Australien, den derzeit Besten der Welt, und einer äußerst knappen Niederlage gegen Fannings Landsmann Taj Burrow musste Lipke seine Bretter wieder einpacken. Doch dass er im halbstündigen Zweikampf mit dem Weltranglistendritten Burrow auf dem Atlantik vom Kampfgericht für seine rasanten Wellenritte nur geringfügig schlechter bewertet wurde, hat Lipkes Ehrgeiz nur noch mehr befeuert. Da habe ich gemerkt, dass es möglich ist, die Stars zu schlagen. Das motiviert mich, sagte er. Nur eine Runde später war auch für den achtfachen Weltmeister und absoluten Superstar der Szene, Kelly Slater, Schluss. Und auch Frankreichs junge Hoffnung Jeremy Flores, der gemeinsam mit Slater die Titelseite der Sporttageszeitung L’Équipe schmückte, kam nicht weiter.
Zwei Siege und einen zweiten Platz hat Marlon Lipke in dieser Saison bereits geholt, allerdings in der World Qualifikation Series (WQS), die man als zweite Surfliga bezeichnen könnte. Heerscharen talentierter Teenager vor allem aus den Surfnationen Australien und Amerika kämpfen bei den WQS-Wettbewerben um einen Platz unter den besten 16 ihrer Rangliste, der ihnen den Weg zur Dream Tour WCT zumindest für eine Saison frei macht. Das sehe ich ganz klar für mich als Ziel im nächsten Jahr, sagt Lipke ohne zu zögern. In Europa ist er derzeit die Nummer drei.
Jähe Wende im Trendsportmärchen
Dass er überhaupt mit den Besten der Welt mithalten kann, hat der Modellathlet nicht nur seinem Talent und Ehrgeiz, sondern vor allem einem Umzug seiner Eltern zu verdanken. Dago und Conny Lipke kehrten nämlich Anfang der achtziger Jahre ihrer deutschen Heimat den Rücken und bauten sich in Portugal eine neue Existenz auf. Im Fischerort Lagos an der Atlantikküste wurde Marlon 1984 geboren. Sein Spielplatz waren der Strand und das Meer, schon als Achtjähriger nahm er sein erstes Brett mit in die Wellen. Aus Spiel und Spaß wurde tägliches Training. Als Jugendlicher überraschte Marlon Lipke als deutscher Meister in der offenen Klasse, es folgten Siege bei internationalen Juniorenwettkämpfen und schließlich erste gute Ergebnisse auf der WQS-Tour. Ein Bekleidungsunternehmen warb mit dem Aufsteiger, finanzierte die unzähligen Reisen des Surfprofis.
Doch dann erfuhr das Trendsportmärchen eine jähe Wende. Immer wieder kugelt sich Lipke die Schulter aus, er musste 2006 zunächst eine Pause einlegen und ließ sich schließlich entnervt in Pforzheim operieren. In kleinen und mittelgroßen Wellen macht die Schulter in diesem Jahr nun keine Schwierigkeiten mehr, doch in Hossegor donnerten an seinem ersten Wettkampftag mehr als zwei Meter hohe Brecher auf den Strand. Machette liquide – flüssige Machete brüllte der Moderator ins Mikrofon, als wieder ein zerstörtes Brett angespült wurde. In diesen brutalen Bedingungen bremst die gerade ausgeheilte Verletzung, denn wer die volle Punktzahl haben will, muss gerade in solchen Wellen volles Risiko eingehen.
Noch während Lipke sich von seiner Verletzung erholte, kündigte sein Hauptsponsor Quiksilver das Ende der zehn Jahre währenden Partnerschaft an. Der in Portugal lebende Deutsche, der sich selbst als Europäer bezeichnet, ließe sich nicht so gut vermarkten, sagt Europachef Peter Knoll. Marlon Lipke ist verbittert, nun muss er sich einen neuen Geldgeber – oder wie er es nennt: eine neue Familie– suchen. Dabei wird ihm helfen, dass er sich seit Hossegor als erster Deutscher einen Surfer von Weltklasseformat nennen darf.
Text: FAZ.NET
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