Von Michael Hanfeld und Thomas Purschke
05. September 2006 Die Ankündigung klang koscher: Man habe die Exklusivverträge mit den Radsportlern Jan Ullrich und Erik Zabel zum Jahresende gekündigt, sagte der Sportkoodinator der ARD, Hagen Boßdorf, Ende August im Spiegel. Das hörte man gern, und fragte sich vielleicht erst beim zweiten Nachdenken: Warum hat es solche Verträge überhaupt gegeben? Wofür wurde das Geld der Gebührenzahler ausgegeben und vor allem: Wieviel?
Im Fall von Jan Ullrich waren es maximal 195.000 Euro pro Jahr. Zugesichert in einem Vertrag, der auf das Jahr 1998 zurückgeht und den die Sportrechteagentur Sport A im Auftrag der ARD zuletzt zum 1. Januar 2003 unbefristet verlängerte. Der Vertrag, der bis Ende dieses Jahres läuft, war erfolgsabhängig und gestaffelt; bei einem Etappensieg der Tour de France sollte es 20.000 Euro geben, beim Gewinn der Deutschland-Rundfahrt 40.000 Euro, bei einem Sieg bei den Olympischen Spielen 30.000 Euro. Was klingt wie der Handel zwischen einem Rennsportstall und einem Fahrer nennt sich Mitwirkendenvereinbarung. Mitwirken sollte Ullrich durch Exklusivinterviews zu den fraglichen Ereignissen, bereitstehen für eine 24-Stunden-Reportage und in zwei bis drei ARD-Unterhaltungsshows pro Jahr auftauchen. Der entsprechende Obolus für Erik Zabel fiel bescheidener aus, er schlug angeblich mit 10.000 Euro pro Jahr zu Buche.
Fahles Licht fällt auf die ARD
Pikant ist eine solche Vereinbarung aus vielerlei Gründen. Zunächst fragt man sich, warum die ARD für Leistungen bezahlt, für die es eigentlich, wenn der Journalismus nicht übers Scheckbuch laufen soll, gar kein Geld geben sollte. Dem wird - inoffiziell - entgegengehalten, daß der Radrennfahrer Leistungen erbrachte, die über Interviews hinausgingen. Dann aber stellt sich die Frage, ob die ARD nicht doppelt und dreifach bezahlt hat, schließlich war sie von 1998 bis 2004 Sponsor des Teams Telekom, für das Ullrich fuhr.
Hinzu kommt, daß die Sportrechteagentur Sport A ein Unternehmen von ARD und ZDF ist und - daß das ZDF, wie die Nachfrage ergibt, ahnungslos war. Das ZDF wußte von den Verträgen nichts, und solche Verträge gibt es bei uns auch nicht, sagte ein Sprecher. Zudem wirft die Mitwirkendenvereinbarung ein fahles Licht auf die Bekundungen der ARD, sich vom Doping abzusetzen. Schließlich war Ullrich am 12. Juni 2002 bereits positiv auf Amphetamin getestet worden. Er wurde gesperrt und das Team Telekom kündigte seinen Vertrag - wohlgemerkt im Jahr vor der Verlängerung des Exklusivvertrags mit der ARD, der eine Ausstiegsklausel für den Fall erwiesenen Dopings enthält.
Und schließlich spielt die enge Verbindung zwischen Ullrich und dem Sportkoordinator der ARD, Hagen Boßdorf, eine Rolle. Der gab sich in diesem Sommer, bei der dopingverseuchten Tour de France ohne den gesperrten Ullrich, zwar als harter Anti-Doping-Kämpfer. Er hatte aber über die Jahre ein um das andere Mal mit Ullrich als Autor gemeinsame Sache gemacht. Angefangen mit Große Schleife, die Zweite - Tour de France 97 über Mein Tour-Tagebuch - Tour de France 1998 bis zu Ganz oder gar nicht. Meine Geschichte, einem gemeinsamen Werk von Ullrich und Boßdorf, das 2004 in den Handel kam. Dazu paßt, daß der ARD-Vertrag mit Ullrich über den Schreibtisch des Sportkoordinators Boßdorf gegangen ist, erstmals abgeschlossen hatte ihn anno 1998 allerdings sein Vorgänger Werner Zimmer. In diesem Jahr soll Ullrich trotz Vertrags übrigens leer ausgegangen sein.
Ein Herz für reuige Sünder
Der ARD ist die Sache peinlich. Oder wie soll man es sonst werten, daß Günter Struve, der Programmdirektor der ARD, zunächst auf den in Sachen Radrennsport federführenden Saarländischen Rundfunk verwies. Der spielte den Ball zurück nach München: das ist Sache der Programmdirektion. Der Sportkoordinator Boßdorf war nicht zu erreichen, der oberste Programmchef Struve machte sich schließlich kundig und bestätigte den Vertrag und dessen Dotierung. Man habe Ullrich als populären Sportler an die ARD binden wollen, nach seinem Dopingvergehen 2002 habe er sich als reuiger Sünder gezeigt und der Vertrag mit dem Team Telekom habe mitnichten dafür gesorgt, daß man an Ullrich herangekommen sei. Das Team habe ihn vielmehr abgeschottet.
Nächste Woche, am 11. September, verhandeln die Intendanten der ARD über die Vertragsverlängerung von Sportkoordinator Boßdorf. Sie war wegen seiner Stasi-Kontakte aus den achtziger Jahren verschoben worden. Der NDR, der Boßdorf vor einem Jahr als Sportchef angeheuert hatte, ist von der Anstellung zurückgetreten. Das Verfahren vor dem Arbeitsgericht läuft, Ende September ist Termin. Für Verträge wie den mit Ullrich sollten sich derweil die Rundfunkräte der ARD mal interessieren.
Text: F.A.Z., 05.09.2006, Nr. 206 / Seite 40
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