Strukturdebatte

„Auf Dauer keine Überlebenschance“: Deutscher Spitzensport im Stillstand

Von Bernd Steinle, Berlin

Helmut Digel klagt über Lähmung und Stillstand

Helmut Digel klagt über Lähmung und Stillstand

21. Juli 2005 Helmut Digel erkannte die Gefahr und baute gleich zu Beginn dem Eindruck vor, Fundamentalkritik üben zu wollen. „Das deutsche Hochleistungssportsystem hat sich durch Qualität und Erfolge ausgezeichnet, und es ist durch die Bundesregierung in einmaliger Weise gesichert.“ Das war aber nur die eine Seite des Fazits, das Digel aus seiner vergleichenden Studie der Spitzensportstrukturen in acht führenden Sportnationen zog, die er im Auftrag des Bundesinstituts für Sportwissenschaft erstellt hatte und deren Ergebnisse er am Mittwoch in Berlin vorstellte.

Die andere Seite fiel weniger freundlich aus. „Wollen wir international konkurrenzfähig bleiben“, bilanzierte der Leiter des Sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Tübingen, „hat unser System auf Dauer keine Überlebenschance, wenn es nicht grundlegend reformiert wird.“ Das klang vertraut im wirtschaftlichen Sorgenland Deutschland. Digels Diagnose des Sport-Standorts erinnerte in mancher Hinsicht an bekannte Klagen über Lähmung und Stillstand.

Innovationsproblem, fehlender Ideenaustausch

Vom Innovationsproblem war da die Rede, vom fehlenden Ideenaustausch, von den bürokratischen Strukturen, die der Föderalismus zementierte. Reformen tun not. Die Anregungen dazu lieferte Digel bei seinem Blick auf die Wege, die Sportnationen wie Großbritannien, Australien, China oder die Vereinigten Staaten beschritten, gleich mit. Denn die Herausforderungen des Hochleistungssports, auch das eine Lehre aus Digels Studie, sind überall die gleichen.

Ein Beispiel: Talentsichtung und -förderung. „Der Schulsport in Deutschland mag viel für Freizeit- und Breitensport tun, für den Spitzensport leistet er so gut wie keinen Beitrag“, sagte Digel. Andere Länder nutzten diese Quelle weit intensiver: durch „talent identification days“ an der Schule, speziell geschulte Talentscouts, sportartübergreifende Talentsuche oder die Gründung von Schulsportvereinen. Zudem sei die Identifikation von Schulen, Hochschulen und Kommunen mit ihren Leistungssportlern in Deutschland weit geringer als anderswo. „Wenn ich den Präsidenten des Regierungsbezirks Tübingen fragte, wer sich hier auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking vorbereitet, fiele das Ergebnis wenig ermutigend aus“, behauptete Digel.

Schlechte Karriereplanung und soziale Absicherung

Defizite sieht der ehemalige Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands auch bei Karriereplanung und sozialer Absicherung der Athleten - beispielsweise im Studium. „An den Hochschulen brauchen Spitzensportler nicht mehr Prüfungserleichterungen, sondern zusätzliche Betreuung und mehr Entgegenkommen bei Freistellungen.“ Für dringend erforderlich hält Digel zudem die Aufwertung des Trainerberufs. „Nirgendwo gibt es in Sachen Trainer so viele Probleme wie in Deutschland“, sagte Digel. „Frage ich bei uns Studenten im ersten Semester, wer den Berufswunsch Trainer hat, meldet sich kein einziger.“ Die Hauptgründe seien magere Entlohnung und dürftige gesellschaftliche Anerkennung. Ändern könnten dies Auszeichnungen wie der „National Coach of the Year“ in den Vereinigten Staaten oder eine finanzielle Beteiligung der Trainer am Erfolg ihrer Schützlinge.

An handfesten Anstößen fehlte es also nicht. Doch sind sie auch zu realisieren? Der Geschäftsführer des Bereichs Leistungssport im Deutschen Sportbund, Jörg Ziegler, beurteilte die Ideen unterschiedlich. „Wir brauchen sicher eine Traineroffensive, um Qualität und Quantität der Trainer zu erhöhen“, sagte er. Schwieriger gestalte sich das Thema Talentscouts, über deren Position und Qualifikation in den Verbänden höchst unterschiedliche Meinungen herrschten. Und bei der Einwirkung auf die Hochschulen sei man durch die Eigenbefugnis der Professoren stark eingeschränkt. „Wir geben aber einen Hochschulführer für Athleten heraus, der über die Möglichkeiten an den verschiedenen Universitäten informiert“, sagte Ziegler.

Zentrales nationales Sportinstitut

In beträchtliche Ferne rückte er dagegen Digels Herzensprojekt. Als „Zukunftsmodell“ und „Vision, die man nicht aus dem Auge verlieren darf“, bezeichnete Ziegler die Schaffung eines zentralen nationalen Sportinstituts, in dem sämtliche Daten zur Steuerung und Überwachung des Trainings der Spitzenathleten zusammenlaufen sollen. „Heute weiß doch niemand, wer verantwortlich ist für die Leistung eines Athleten“, sagte Digel. Zu viele Stellen arbeiteten nebeneinander her: Bundestrainer, Leistungssport-Koordinator, Landestrainer, Olympia-Stützpunkt, Heimatverein, persönlicher Trainer.

„Für eine professionelle Trainingssteuerung muß einer die Verantwortung haben und alle Informationen bekommen“, forderte Digel. Daß das weder morgen noch übermorgen so kommen wird, ist ihm klar. „Wir müssen die Reform in Etappen angehen.“ Dem Hinweis, das sei keine Frage des Wollens, sondern eine des Geldes, baute Digel ebenfalls vor. „Ich bin überzeugt“, sagte er, „daß auch bei den bestehenden finanziellen Möglichkeiten eine Leistungssteigerung möglich ist.“

Text: F.A.Z., 21.07.2005, Nr. 167 / Seite 30
Bildmaterial: picture-alliance / dpa

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