Doping

„Dies ist Krieg, kein Kindergeburtstag“

Von Michael Reinsch, Helsinki

07. Dezember 2004 Sebastian Coe war kämpferisch wie früher auf der Laufbahn. "Dies ist Krieg, kein Kindergeburtstag. Wir müssen gewinnen", sagte er während eines Spurts zum Hotelfahrstuhl in Helsinki am Sonntagabend. "Wir dürfen nicht nur rumsitzen und beraten, sondern wir müssen gegen einen harten Kern von Leuten kämpfen, die ständig die Moral des Sports mit Füßen treten."

Der zweimalige Olympiasieger, der mittlerweile die Olympiabewerbung von London für 2012 anführt, bekam Beistand von Sergej Bubka, dem Weltrekordhalter an Weltrekorden im Stabhochsprung. "Wir müssen härter agieren, wir müssen effektiver und transparenter werden", sagte der Mann aus der Ukraine, der ebenso in Eile war. "Wir brauchen Transparenz und Resultate." Die beiden ehemaligen Athleten wirkten von Tatendrang beflügelt, doch sie kamen gerade aus einer schier endlosen Council-Sitzung des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF). Und da geht es generell ein bißchen ruhiger zu.

Zehn Prozent mehr Kontrollen

Nur wer dem schwedischen IAAF-Vizepräsidenten Arne Ljungqvist geduldig zuhörte, wie er von der Stärkung der Ressourcen im Kampf gegen Doping sprach, von mehr Geld, mehr Personal, mehr Forschung und mehr Aufklärung, realisierte langsam, daß die IAAF einen großen Schritt zu einer effektiveren Dopingbekämpfung unternehmen will. Dies sei entscheidend, sagte Ljungqvist, um die Integrität des Sports zu bewahren.

Der Verband will bis Frühjahr 2005 eine Abteilung schaffen, die den Kampf gegen Doping auf allen Ebenen voranbringen soll. Für die Aufgabenbereiche Medizin und Wissenschaft, Testverfahren, Fall-Management und Aufklärung sollen Fachleute eingestellt werden. Die Zahl der Kontrollen soll von 2.465 in diesem Jahr um etwa zehn Prozent gesteigert werden. "Wir werden nicht mehr nur diejenigen kontrollieren, die in der Weltrangliste oben stehen", versprach IAAF-Sprecher Nick Davies. "Wir werden auch diejenigen im Auge haben, die aus dem Nichts kommen."

Neue Antidoping-Abteilung

Bei der WM 2005 in Helsinki werde es die härtesten Kontrollen geben, die die IAAF je hatte, kündigte Ljungqvist an, "und in Osaka 2007 wird es noch härter werden." Auch nach innen wendet sich die Reform. Die neue Antidoping-Abteilung wird von Gabriel Dolle geführt werden, dem bisher für Antidoping-Maßnahmen zuständigen Mediziner, und einen eigenen Aufsichtsrat bekommen. Ihm werden neben IAAF-Präsident Lamine Diack und Ljungqvist der Leiter der Medizinischen Kommission, Juan Manuel Alonso, und die Kanadierin Abby Hoffmann angehören.

Die frühere 800-Meter-Läuferin Abby Hoffman hatte während der Olympischen Spiele von Athen in einem internen Papier eklatante Mängel in der Organisation von Anti-Dopingmaßnahmen benannt. Besonders kritisierte sie, daß alle Informations- und Entscheidungsstränge bei Generalsekretär Istvan Gyulai aus Ungarn zusammenliefen. Daß ausgerechnet die beiden Olympiasieger, denen der Versuch vorgeworfen wird, in Athen Dopingpoben zu manipulieren, seine Landsleute sind, gibt dieser Kritik eine besondere Wucht. Von einem Schlag gegen den Generalsekretär wollte der deutsche Vizepräsident Helmut Digel gleichwohl nichts wissen. "Das ist keine Entmachtung, sondern eine Entlastung", sagte er. Im deutschen Verband sei die Dopingbekämpfung seit Jahren aus dem Generalsekretariat ausgegliedert. Bei der täglichen Arbeit werde die neue Abteilung natürlich weiterhin dem Generalsekretär berichten, sagte dagegen Davies.

„Es geht nicht um Menschenrechte“

Nicht jeden Schritt, den die stürmischen Coe, Bubka und auch Digel tun wollten, erlaubt sich der Weltverband. Die griechischen Skandal-Leichtathleten Kenteris und Thanou sind immer noch nicht vom Verband gesperrt worden; aus juristischen Gründen will das Council die Widerspruchsfrist abwarten, die bis zum 16. Dezember läuft. Die begründete Furcht vor Schadensersatzforderungen einerseits und der Drang, zumindest ein Signal zu setzen, widersprechen sich nicht nur theoretisch: Die Councilmitglieder diskutierten heftig. Mit der Sperre von zwei Athleten, die Teil eines Systems sind, ist es jedoch nicht getan. In ihrer Schrift von Athen hatte Abby Hoffmann auch darauf hingewiesen, daß manche Verbände, auch große, Doping und dessen Hintermänner unterstützten.

Daß den Athleten immer mehr und immer schärfere Kontrollen zugemutet werden, halten die früheren Champions Bubka und Coe für unerläßlich. Transparenz heißt für sie, ständig die Zahl der aktuellen Dopingkontrollen zu veröffentlichen und auch die Namen derjenigen, die für Kontrollen nicht erreichbar sind, bekannt zu machen. Allerdings widersprechen sie Digel in seiner Überzeugung, Doping sei nicht nur ein individuelles, sondern vor allem ein strukturelles Problem. "Es geht nicht um Menschenrechte", sagte Coe kämpferisch, was heißen soll, daß die Athleten für die Glaubwürdigkeit ihres Sports auch größere Unannehmlichkeiten hinnehmen müssen. Dann allerdings holte er zu einer gewagten Einschätzung aus: "Es geht darum, die 99 Prozent zu schützen, die aus den richtigen Gründen im Sport sind."



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: AP

 
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