5:3 gegen Lettland

„Wir können doch Eishockey spielen“

Von Hans-Joachim Leyenberg, Halifax

13. Mai 2008 Ende gut, alles gut. Nein, ganz so einfach mochte man es sich im Kreis und im Umfeld der Nationalmannschaft denn doch nicht machen. Nach dem 5:3 (1:1, 1:2, 3:0) am Montagabend über Lettland war die unbewältigte nahe Vergangenheit wieder ein Thema. „Wir wünschten uns alle, dass Norwegenspiel noch einmal zu spielen“, sagte Bundestrainer Uwe Krupp. Da eine Weltmeisterschaft kein Wunschkonzert ist, bleibt es bei der Konstellation, die sich durch das 2:1 der Norweger im Gruppenspiel gegen Deutschland ergeben hat: Die Skandinavier ziehen in das Viertelfinale ein, dass Team von Krupp tritt die Heimreise an.

Für den Deutschen Eishockey-Bund (DEB) war es eine WM der Dissonanzen, die nicht spurlos an den Spielern vorüber gegangen sind. Mit dem 5:3 hat man sich noch mal berappelt, fliegt mit einem Erfolgserlebnis zurück in die Sommerpause. Und weiß zugleich, die Chance auf die Viertelfinalteilnahme gegen eine Mannschaft hergegeben zu haben, die in der Weltrangliste noch hinter Deutschland rangiert. Der Gastgeber der WM 2010 ist dort mit der WM 2008, ein Wunder der Zählweise im Eishockey-Weltverband, von Position elf auf zehn geklettert.

Glimpflich davongekommen

Florian Busch, jener Berliner Profi mit der erst verweigerten und dann nachgeholten Dopingprobe, würde am liebsten die Zeit zurückdrehen. Wenn er nur könnte, „würde ich alles anders machen“, hat er nach seinem persönlichen WM-Finale immerhin ein Unrechtsbewusstsein erkennen lassen. Und er hat ein treffendes Bild für den Fahrstuhleffekt gefunden, der sich durch die Enttäuschung gegen Norwegen und das 1:10-Debakel gegen Weltmeister Kanada ergab: „Wir waren sehr tief unten und sind jetzt nicht mehr so weit hoch.“

Mit Platz zehn unter sechzehn Mannschaften in Kanada ist die Auswahl des DEB noch glimpflich davongekommen. Gerade mal einen Platz schlechter als vor einem Jahr in Moskau. Unter Krupps Regie, der den Bundestrainerposten im Dezember 2005 übernommen hat, „war es“, so der Orginalton Krupp, „geschmeidig durch die Turniere gegangen“. In Halifax erwies sich die Wegstrecke mit dem Fall Busch und der vorzeitigen Abreise des nicht spielberechtigten Deutsch-Kanadiers Jason Holland als arg holprig. Jetzt komme es darauf an, in Zukunft „aus den Fehlern zu lernen, die richtigen Schlüsse zu ziehen“. Bei Krupps Kabinenansprache müssten dem Management des DEB eigentlich die Ohren geklungen haben.

Alle Nachsitzen

Krupp betont im Brustton der Überzeugung, die „richtigen Spieler“ dabei gehabt zu haben. Dann liegt es im Umkehrschluss nahe, Gründe aufzuführen, warum die „richtigen Spieler“ nach gewissenhafter Vorbereitung nicht die entsprechenden Resultate vorweisen können. Die Gründe heißen Busch und Schmidt. Im Fall Busch kommt es am Freitag zu einem Treffen zwischen dem DEB und der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada). Dabei soll nach Mitteln und Wegen gesucht werden, nach dem Gespräch auch wieder miteinander ins Geschäft zu kommen.

Vielleicht dient das halbwegs versöhnliche Ende für die deutsche Reisegruppe mit dem Bundesadler auf der Brust auch ihren Spitzenfunktionären. Es mag dabei helfen, nicht nur die eigene Position gelassener ins Auge zu fassen. Olympische Perspektiven lassen sich nicht gegen die Nada realisieren, sondern nur mit ihr. Nach der Mission Halifax ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2010 ohnehin noch keine ausgemachte Sache. Krupp und seine Crew werden sich erst im Nachgang bei einem Turnier im kommenden Winter bewähren müssen, nachdem sie die direkte Qualifikation verpasst haben. Also alle Nachsitzen.

„Kleiner Höhepunkt“

Am Ende der Tage im Osten Kanadas bleiben vier Niederlagen und zwei Siege. Der zweite Erfolg gelang nach der demoralisierenden Demontage durch die Kanadier, „die jedem zu Herzen ging“, so Krupp. Ein Stück weit taugte das 5:3 zu guter Letzt auch als Beleg dafür, „dass wir doch Eishockey spielen können.“ Christoph Schubert, einer dem es nicht an Selbstbewusstsein gebricht, war so frei, auch verbal am Selbstbildnis zu arbeiten. Der Triumph über die Letten glich lange einem zähen Verfolgungsrennen. In der 51. Minute gelang erstmals der Führungstreffer. Prompt bildeten sich zwei Spielertrauben. Die einen hielten es mit dem Torschützen Yannik Seidenberg, die anderen mit Andreas Renz, in diesem lichten Moment ein mustergültiger Passgeber. Als dann gut zwei Minuten später Christoph Ullmann zum 5:3 erhöhte, waren bange Stunden mit den lettischen Treffern durch Herberts Wasiliews, Mikelis Redlihs sowie Martins Karsums überstanden. Christopher Schmid, Michael Wolf und Christoph Schubert hatten jeweils ausgleichen können.

Schubert, einer aus der National Hockey League (NHL), erklärte den Tagessieg umgehend zu einem „kleinen Höhepunkt“. Er war das Minimum, um sich einen passablen Abgang von einem Turnier mit schwieriger Ausgangsposition zu verschaffen. „Es war nicht die beste und die schönste WM“, zog Kapitän Marco Sturm ein persönliches Fazit, das für alle gelten dürfte. Selbst gestandene NHL-Profis sind kein Allheilmittel gegen hausgemachte, amateurhafte Fehler in der Führungsmannschaft des Deutschen Eishockey-Bundes. Dort hat man vieles systematisch und gewissenhaft betreiben: Das Sommertraining für den Nationalkader, die Sichtung und letztlich die Nominierung der Auserwählten. Aber es gibt auch Arbeitsfelder abseits der Eisfläche.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP

 
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