NBA

Die europäische Invasion

Von Jürgen Kalwa, New York

Einer der besten fünf in der NBA: Dirk Nowitzki

Einer der besten fünf in der NBA: Dirk Nowitzki

30. Oktober 2006 Das Urteil kam vor ein paar Tagen aus berufenem Munde. Und es fiel eindeutig aus. "Es ist offensichtlich, daß europäische Spieler die Grundlagen besser beherrschen", sagte Michael Jordan, der beste Basketballspieler aller Zeiten, als er auf einer Werbetournee für seine Sportbekleidungsmarke in Paris gefragt wurde, wieso die Amerikaner in den letzten Jahren auf dem internationalen Parkett so schlecht aussehen.

Vor wenigen Jahren hätte solch eine Einschätzung Verwunderung ausgelöst. Denn viele Menschen erinnern sich noch gut an die Zeit, als Jordan mit den Chicago Bulls die nordamerikanische Basketball-Profiliga (NBA) dominierte und mit dem "Dream Team" bei den Olympischen Spielen von Barcelona Basketball von einem anderen Planeten praktizierte. Mittlerweile gehört das Loblied auf die Importspieler aus der Alten Welt zum Standardrepertoire.

Das Gesicht der NBA verändert sich

Nicht nur die Nationalmannschaften bieten den Vereinigten Staaten Paroli. Bei der Weltmeisterschaft in diesem Jahr in Japan holten die Spanier um NBA-Star Pau Gasol von den Memphis Grizzlies den Titel. Amerika blieb nur Platz drei. Vor ein paar Wochen zeigten gleich zwei Teams aus Europa, ZSKA Moskau und FC Barcelona, daß sie in der Lage sind, ausgewachsene NBA-Mannschaften zu bezwingen.

Der Vormarsch der Europäer hat das Gesicht der NBA verändert, deren neue Saison in dieser Woche beginnt. Das internationale Kontingent, das in der Saison 1988/89 aus gerade mal fünf Spielern bestand (darunter der Leverkusener Detlef Schrempf, der als erster Ausländer zu einem Leistungsträger und All-Star wurde), erreichte in der vergangenen Saison die Zahl 82. Beim jüngsten Draft, bei der sich die Klubs aus dem Angebot hoffnungsvoller Nachwuchstalente bedienen, wurde zum ersten Mal ein Europäer als erster gezogen: der 21jährige Römer Andrea Bargnani, der von Treviso nach Toronto wechselte.

Nowitzkis schwerer Start

Auf der nächst höheren Ebene geht die Entwicklung ebenfalls weiter. Mike D'Antoni, der Trainer der Phoenix Suns, ist zwar Amerikaner. Aber seinen Stil hat er in der italienischen Liga entwickelt - zuerst als Spieler, dann als Coach. Der Mann, der ihn eingestellt hatte, zieht inzwischen in Toronto die Fäden. Raptors-Chefmanager Bryan Colangelo verpflichtete nicht nur Bargnani, sondern machte obendrein D'Antonis alten Boss, Maurizio Gherardini, zu seinem Stellvertreter. Niemand rechnet ernsthaft damit, daß Liga-Neuling Bargnani im Handumdrehen zusammen mit den vier anderen Nichtamerikanern in der Mannschaft die Söldnertruppe auf dem kanadischen Außenposten in einen Play-off-Anwärter verwandelt.

Aber das Team macht mit vielen Siegen in der Vorbereitung neugierig. Viele vergleichen Bargnani wegen seiner Statur und seiner Rolle im Spiel mit Dirk Nowitzki, der zum Aushängeschild der europäischen Invasion geworden ist. Daß der Würzburger heute unbestritten zu den besten fünf NBA-Profis gehört, hat manchen vergessen lassen, wie schwer er es am Anfang hatte. Der Debütant wirkte in seiner ersten Saison bei den Dallas Mavericks wie verloren auf dem Platz und saß häufig auf der Bank.

Verbessern weiße Spieler die Einschaltquote?

Die meisten Europäer kommen vom Balkan, wo schon in der Zeit, als die Vielrepublikenregion noch Jugoslawien hieß, eines der erfolgreichsten Nachwuchsprogramme existierte. Aber die Scouts fahnden inzwischen überall. So schaffte es in diesem Jahr der Schweizer Nationalspieler Thabo Sefolosha zu den Chicago Bulls, dessen Profikarriere in Frankreich begonnen hatte und der zuletzt in Italien wirkte. So wie bei dem Sohn eines schwarzen Musikers aus Südafrika und einer eidgenössischen Künstlerin erkennt man nicht immer gleich, von welchem Kontinent die Importspieler kommen. Die vier Franzosen Tony Parker (San Antonio Spurs) und Boris Diaw (Phoenix Suns), Johan Petro (Seattle SuperSonics) und Michael Pietrus (Golden State Warriors) etwa sind allesamt dunkelhäutig.

Die meisten jedoch sind weiß und sorgen für einen starken Nebeneffekt: Sie haben die Entwicklung gebremst und umgekehrt, die seit den fünfziger Jahren unaufhaltsam das Gesicht der Liga umgetönt hatte. Das kommt manchem schwarzen Amerikaner nicht koscher vor. "Der Eindruck herrscht - und Eindruck spielt in Rassenfragen immer eine Rolle -, daß die NBA den schwarzen Mann aufgrund von wirtschaftlicher Gier und den Einkünften aus der internationalen Vermarktung ausstechen will", schrieb die New Yorker Zeitschrift Village Voice vor einer Weile. Kein Wunder. Eine 2001 am Carlton College in Minnesota vorgelegte Studie schien zu belegen, daß weiße Spieler zu einem gewissen Grad die Einschaltquoten verbessern.

Anpassungsfähig, leise, zurückhaltend

Das Argument hätte vielleicht in den neunziger Jahren noch überzeugt. Aber seitdem die amerikanische Nationalmannschaft mit überwiegend schwarzen Spielern regelmäßig bei großen Turnieren wie den Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften gegen Gegner wie Argentinien, Griechenland oder Spanien verliert, wirkt es allzu verzerrend. Die weißen Spieler sind auch nicht für das Verhalten jener schwarzen NBA-Profis verantwortlich, die in ihrer Freizeit die Welt der Gangster-Rapper aus den Hip-Hop-Videos nachahmt, ihre Körper mit Tätowierungen förmlich zudeckt und hin und wieder mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Die Importspieler sind wie alle Einwanderer: anpassungsfähig, leise, zurückhaltend und vor allem den Anweisungen ihrer Trainer gegenüber aufgeschlossen. Was sie auszeichnet, ist ein umfassenderes Technik- und Spielverständnis, an dem sie von kleinauf feilen. Die meisten Amerikaner begreifen sich als Individualisten und Entertainer. "Wir sind zu sehr auf Highlights, Dunks und Pässe aus", sagt Michael Jordan, der früher solche Showeinlagen am Fließband produzierte. Die neuen Verhältnisse ähneln denen der Rock-Musik in den sechziger Jahren, als schwarze Bluesmusiker englische Gitarristen inspirierten. Das Echo war die sogenannte British Invasion mit den Beatles und den Rolling Stones. Ihre Auswirkung auf die Musiknation Amerika war enorm. Sie drängte die schwarze Soulmusik im eigenen Land an den Rand.

Kaum jemand klingt so enttäuscht über die Veränderungen wie der emeritierte Soziologieprofessor Harry Edwards von der Universität Berkeley, der den alten NBA-Basketballstil und seine Improvisationswelt mit dem Jazz vergleicht und in Vorlesungen gerne über die "Die Krise des schwarzen Athleten im 21. Jahrhundert" spricht. Einen Spieler wie Dirk Nowitzki hätten Ballartisten wie Julius Erving oder Dominique Wilkins seiner Meinung nach vorgeführt. "Sie hätten den Ball von seinem Hinterkopf abprallen lassen", sagt er. "Kein Trainer hätte ihn auf den Platz gelassen, weil er nicht verteidigen kann. Aber er spielt, und er ist ein Star, weil sich das Spiel verändert hat." In der Veränderung sieht Edwards allerdings auch eine Chance. "Schwarze Spieler müssen einfach an sich arbeiten, um die Gelegenheiten zu nutzen", sagt er. Auch Michael Jordan klingt nicht pessimistisch: "Die Dinge gehen bereits in die richtige Richtung."

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.10.2006, Nr. 43 / Seite 24
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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