08. Juli 2009 Noch hat die Tour de France nicht an Höhe gewonnen, sie ist gerade erst dabei, ihre Flamme hochzudrehen. Am kommenden Freitag erst geht es wirklich aufwärts, bei der Fahrt von Barcelona nach Andorra. Das Ziel liegt dann in einer Höhe von 2240 Metern. Dort wird es einen ersten Fingerzeig darauf geben, wer sich in dünner Luft behaupten kann. Und es wird sich zeigen, ob Lance Armstrong, 37 Jahre alt, in den Bergen tatsächlich mit den Besten wird mithalten können. Er hatte drei Jahre pausiert, und obwohl er die Tour und ihre speziellen Anforderungen aus dem Effeff kennt, wird er sich an gewisse Rhythmen dieses Rennens erst wieder gewöhnen müssen.
Immerhin aber scheint der Radprofi aus Austin in Texas nichts an Cleverness eingebüßt zu haben, am Montag hatte er das eindrucksvoll belegt. Und damit auch gleichzeitig klargemacht, wie es um die Hierarchie beim Team Astana wirklich bestellt ist. Mag die Leitung der Mannschaft auch immer noch behaupten, dass Alberto Contador der Kapitän sei, so tritt Armstrong doch als der eigentliche Patron auf - auch wenn er beim Sieg im 39 Kilometer langen Mannschaftszeitfahren in Montpellier am Dienstag (siehe: FAZ.NET-Tour-de-France-Liveticker) das Gelbe Trikot noch um wenige Hundertstel Sekunden verpasste. (siehe: Tour de France: Gesamtwertung) Der siebenmalige Sieger der Frankreich-Rundfahrt gewann mit seiner Astana-Equipe um Andreas Klöden und Topfavorit Alberto Contador zwar das Mannschaftszeitfahren rund um Montpellier und machte dabei die geforderten 40 Sekunden auf den Gesamtführenden Fabian Cancellara vom Saxo-Bank-Team gut, er konnte den Schweizer aber nicht von Platz eins verdrängen. Hinter Astana beendete Garmin-Slipstream den 39 Kilometer langen Kampf gegen die Uhr auf Platz zwei. Saxo-Bank wurde Dritter.

Man soll seine Kompetenz respektieren
Am Dienstag musste sich Armstrong zwangsläufig in sein Team integrieren. Am Vortag jedoch sorgte er für Ärger in seiner Truppe: Dass der Amerikaner sich aber bei der Etappe am Montag auf und davon gemacht hatte, dass er sich einer vom Team Columbia dominierten Gruppe anschloss und Contador - so wie alle anderen Tour-Favoriten - um 41 Sekunden distanzierte, musste der Spanier als einen Affront empfinden. Und mehr noch: Die Äußerungen Armstrongs nach diesem ungewöhnlichen Geschehen, das ihn auf Platz drei der Gesamtwertung hinter dem Schweizer Fabian Cancellara und dem Eschborner Tony Martin katapultierte, waren ebenfalls als Spitzen gegen Contador zu verstehen. So sagte Armstrong, dass er nichts von der Theorie halte, dass in einem Team ein einziger Anführer genügen müsse.
Dabei hatte er doch früher selbst stets die alleinige Führungsrolle beansprucht, jeder in seiner Gemeinschaft musste sich ihm und seinen Plänen unterordnen - so gewann Armstrong sieben Mal die Tour de France. Der Amerikaner hatte am Montag in La Grande Motte auch auf sein taktisches Geschick hingewiesen, auf die Notwendigkeit, sich vor allem bei starkem Wind stets in den vorderen Reihen des Pelotons aufzuhalten, um auf Vorstöße der Konkurrenz schnell reagieren zu können. Um das zu wissen, sagte er, brauche man keinen Nobelpreis. Man solle, betonte der Amerikaner, seine Kompetenz respektieren.
Eine linke Tour von Armstrong?
Armstrong war auf alle Fälle zur Stelle, als das Team Columbia das Tempo entscheidend forcierte, und der Amerikaner erhielt von seinem Rennstall freie Fahrt. Auch für französische Beobachter hatte sich dieses Vorgehen eindeutig gegen Contador gerichtet, die Sportzeitung L'Equipe schrieb: Armstrong lockte Contador in die Falle. Der Spanier, Sieger der Tour von 2007, blieb trotz des Angriffs aus dem eigenen Lager zurückhaltend, er kritisierte Armstrong zumindest nicht direkt. Er wolle die Taktik des Teams nicht kommentieren, sagte der ohnehin eher stille Profi, jeder kann sich seine eigene Meinung darüber bilden. Er glaubt, immer noch seine Chance zu haben, offensichtlich baut der Spanier auf die bevorstehenden Gipfelüberquerungen.
Eine linke Tour von Armstrong? So weit hatte am Montag keinesfalls jeder gehen wollen. Rolf Aldag beispielsweise, sportlicher Leiter beim Team Columbia, sprang dem Amerikaner kurzerhand zur Seite. Das war kein Königsmord, sagte der Westfale, er sprach von mangelnder Aufmerksamkeit bei Contador. Er hat nicht aufgepasst. Im Gegensatz zu Armstrong, der nach Aldags Auffassung immer noch über eine ausgeprägte Rennintelligenz verfügt. Die verlernt er nicht so schnell. Auch Gerry van Gerwen, der Chef des Teams Milram, lobte das strategische Gespür Armstrongs, am Montag sei der Amerikaner dafür belohnt worden. Ein Gewinner hat einen Plan, sagte der Niederländer, ein Verlierer hat eine Ausrede.
Duelle zweier Stallgefährten
Duelle zweier Stallgefährten hatte es bei der Tour de France immer wieder gegeben. So war einst eine Rivalität zwischen dem Franzosen Bernard Hinault und dem Amerikaner Greg LeMond erwachsen. Der fünfmalige Tour-Sieger Hinault hatte dabei ein Versprechen gebrochen und seinen Teamkollegen attackiert. Schließlich setzte sich aber trotzdem der jüngere Amerikaner durch.
1949 herrschte Zwist im italienischen Team, als sowohl Fausto Coppi als auch Gino Bartali mit großen Ambitionen bei der Tour gestartet waren. Am Ende schlossen die beiden Fahrer einen Pakt: In diesem Fall triumphierte Coppi, auch er war der jüngere der beiden Widersacher. Ob das ein gutes Omen für Contador ist? Armstrong ist elf Jahre älter als er - aber bei einem Mann vom Kaliber des Amerikaners wird Contador sich hüten, sich an der Geschichte zu orientieren. Erst recht seit dem Knall vom Montag.

Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS