Von Michael Eder
16. Mai 2006 Das Abitur hat Andrea Petkovic fast in der Tasche. Nicht ganz, aber der Rest ist nur noch Formsache. Die schriftlichen Prüfungen an der Georg-Büchner-Schule in Darmstadt hat sie hinter sich, und auch die mündlichen Examen im Juni werden nichts mehr daran ändern, daß sie die schulische Reifeprüfung mit Glanz und Gloria bestanden hat: ein Einser-Abi, und das obwohl die Achtzehnjährige vor zwei Jahren die elfte Klasse übersprang und außerdem viele Fehltage hatte, entschuldigte Fehltage:
Sie hat nicht geschwänzt, sie hat Tennis gespielt, in Europa, Australien, den Vereinigten Staaten, in Südamerika. Die in der Schule Hochbegabte geht auch mit dem Tennisschläger derart virtuos um, daß sie jetzt vor der Frage steht: Was tun? Eine Karriere als Tennisprofi? Oder eine akademische Laufbahn? Sandplatz oder Studium?
Viel Luft nach oben
Andrea Petkovic, deutsche Jugendmeisterin und bei den Juniorinnen immerhin 37. der Weltrangliste, hat sich für Tennis entschieden. Vorläufig und mit Einschränkungen. Zwei Jahre will sie sich Zeit geben, um zu sehen, wie weit sie in der Damen-Weltrangliste kommt. Die Top 50 sind ihr Ziel. Eine Position um die 100 ist auf Dauer Zeitverschwendung, sagt sie. Es gibt viel zu viele Fauen auf der Tour, die jahrelang auf diesem Niveau spielen und über die Plätze tingeln, irgendwo zwischen den Positionen 100 und 250 notiert sind, und doch wissen, daß sie den Durchbruch in die erste Klasse niemals schaffen werden. Dieses Tennisschicksal will sich Andrea Petkovic ersparen, deshalb ist die Probezeit mit zwei Jahren recht knapp bemessen. Schafft sie den Sprung nicht, will sie den Versuch abbrechen und ein Studium beginnen, Politologie wäre erste Wahl.
Vater Zoran Petkovic, Tennistrainer beim TEC Darmstadt und ehemaliger jugoslawischer Daviscupspieler, unterstützt diese Zukunftsplanung. Ganz und gar nicht der überehrgeizige Tennispapa, der seine eigenen Träume in die Tochter projiziert, ist er in den vergangenen Jahren als Bremser aufgetreten, hat immer darauf bestanden, daß seine Tochter die Schule erst mit dem Abitur beendet. Normal ist das nicht in der Szene, in der viele Mädchen mit weit weniger Tennistalent zu früh mit zu großen Erwartungen auf die Tour gehen und die Schule Schule sein lassen.
Zoran Petkovic hat immer die Meinung vertreten, daß erstens die schulische Ausbildung vorgehe, und zweitens die anderen zu früh zu viel trainierten. Mit 18 seien sie dann meist am Ende ihrer Möglichkeiten, eine Steigerung der Trainingsintensität sei kaum mehr möglich. Seine Tochter hingegen hat noch viel Luft nach oben, ihr Trainingsaufwand hielt sich in vergleichsweise bescheidenen Grenzen, erst jetzt, nach Abschluß der Schule, beginnt sie, wie ein Profi zu trainieren. Dabei ist es nicht so, daß sie die Tenniskarriere nicht mit Macht verfolgen würde.
Selbstauferlegte zweijährige Testphase
Ich will es unbedingt schaffen sagt sie. Wenn ich in zwei Jahren feststellen müßte, daß es nicht reicht, dann würde mir das schon zu schaffen machen. Aber ich hätte dann eine Alternative. Ich weiß, daß es für mich auch ohne Tennis Ziele und Möglichkeiten gibt. Die selbstauferlegte zweijährige Testphase betrifft nicht nur das spielerische Vermögen, sondern auch die Physis. Ich muß sehen, ob mein Körper die höhere Belastung verkraftet. Vor allem die Schulter des rechten Schlagarms, die in den vergangenen Jahren immer wieder Schmerzen bereitete.
Vor ein paar Jahren noch hatte Andrea Petkovic bei den Juniorinnen eine Gegnerin, die kaum besser war als sie: Anna-Lena Grönefeld. Heute ist sie unter den Top 20 der Weltrangliste und man könnte meinen, daß Andrea Petkovic mit Neid auf die enteilte Konkurrentin blickt. Doch das tut sie nicht. Die Darmstädterin hat die Karriere der derzeit besten deutschen Spielerin aus der Ferne und bei manchem Treffen auch aus der Nähe beobachtet. Anna-Lena Grönefeld war, nachdem sie die Schule abgebrochen hatte, in ein Tenniscamp nach Arizona gezogen, wo sie der spanische Trainer Rafael Font de Mora unter seine Fittiche nahm.
Auch Andrea Petkovic hatte seinerzeit das Angebot, nach Arizona zu gehen, ihr Sponsor Adidas hätte es gern gesehen. Doch schon nach dem ersten Wiedersehen mit Anna-Lena Grönefeld war der Darmstädterin klar, daß Ähnliches für sie nicht in Frage käme. Font de Mora, offenbar ein Mann von großer sozialer Primitivität, pflegt seine Schülerin wie eine Leibeigene zu behandeln. Ich würde mich niemals derart erniedrigen lassen, nur um die Nummer eins zu werden, sagt Andrea Petkovic. So versessen bin ich darauf nicht.
Starke Gegnerinnen
So geht sie einen anderen Weg. Trainiert seit einem Monat oft in Stuttgart, wo der Deutsche Tennis-Bund für seine besten Nachwuchskräfte ein Leistungszentrum eingerichtet hat, ist beim Fed-Cup-Team als Trainingspartnerin dabei. Barbara Rittner, die Fedcup-Teamchefin, hält große Stücke auf sie und fördert sie nach Kräften. Bei den mit 1,3 Millionen Dollar dotierten German Open in Berlin hat sie der Darmstädterin eine wildcard für die Qualifikation besorgt, und das Ergebnis war beachtlich:
Obwohl sie wegen der Vorbereitungen auf das Abitur seit Wochen kaum trainiert hatte, gewann Andrea Petkovic in der ersten Runde 1:6, 7:5, 6:1 gegen die Ukrainerin Kateryne Bondarenko, die in der Weltrangliste auf Position 114 geführt wird. Den Sprung ins Hauptfeld verpaßte sie durch ein 2:6, 4:6 gegen die Russin Elena Vesnina (Nummer 63).
Die eigentliche Vorbereitungsphase auf die Saison begann für Andrea Petkovic mit ihrem ersten Spiel für den deutschen Mannschaftsmeister TC Benrath. Zum 9:0-Sieg beim Rochusclub Düsseldorf trug sie in Einzel und Doppel zwei Punkte bei, in den nächsten drei Wochen wird sie die komplette Bundesligarunde für Benrath spielen. Das hat zwei Vorteile, zum einen hat sie erstklassige Trainingspartnerinnen und in der Bundesliga einigermaßen starke Gegnerinnen, zum anderen verdient sie dabei eine hübsche Summe, die sie im weiteren Verlauf der Saison in Turnierreisen, vielleicht auch in einen Trainer, investieren kann. Ihre nächsten Ziele sind 25.000 Dollar-Turniere, über die sie möglichst schnell in die 50.000er- und 75.000er-Klasse aufsteigen will. Alles weitere wird man sehen.
Text: F.A.Z., Rhein-Main-Zeitung vom 17. Mai 2006
Bildmaterial: dpa/dpaweb
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