Von Christian Eichler
23. Dezember 2007 Ein Wahlergebnis, als wär’s das Casting für einen Heimatfilm: eine nette blonde Oberbayerin, die gern strickt; ein pfiffiger Nordhesse mit dem Oberkörper eines Apoll und einem Kindergesicht. Keine Tattoos, keine gefärbten Haare, und das Geld brav auf dem Sparbuch. Zwei Zwanzigjährige wie aus dem Bilderbuch deutscher Gemütlichkeit, das sind Magdalena Neuner aus Wallgau und Florian Hambüchen aus Wetzlar, die Sportler des Jahres 2007.
Doch das sind nur Schablonen. Denn diese Wahl durch die Sportjournalisten ist kein Rückfall in die Langeweile. Sie ist vielmehr eine Rückbesinnung: darauf, wo der deutsche Sport, ja wo Deutschland noch funktioniert. In der so genannten Provinz nämlich. Dort, wo die globale Angleichung von Freizeitgewohnheiten und Marktverhalten, von Denkmustern und auch von sportlichen Vorlieben den lokalen Eigensinn noch nicht abgelöst hat.
Es gibt keine Weltstars mehr
Die jugendlichen deutschen Weltmeister im Biathlon und Turnen, aber auch die Mannschaft des Jahres“, die Weltmeister im Handball, einem Sport, der seine Kraft nie aus den Ballungsgebieten, den Fußballrevieren Deutschlands bezogen hat, sondern aus der ruhigeren Welt der Mittelgebirge und vom platten norddeutschen Land – diese Gewählten und Ausgewählten des Jahres 2007, die am Samstagabend in Baden-Baden geehrt wurden, stehen für eine Sehnsucht nach dem unbeschädigten, noch nicht an Kommerz und Doping verkauften Sport.
Biathlon, Turnen, Handball, auch Tischtennis, das Metier des hinter Hambüchen zweitplazierten Timo Boll: eine Wahl wie die Suche nach dem heilen Sport. Seine Heimat: die Region, der Dorfklub, die Keimzelle des Miteinanderbewegens. Dort, wo Sport mehr ist als Einschaltquote.
Oft ist die Wahl zum Sportler des Jahres ein Selbstläufer. Es gab Jahre, an denen ging an einer Graf, einem Becker, Ullrich oder Schumacher kein Weg vorbei. Heute hat der deutsche Sport keine Weltstars mehr. Deshalb spiegelt die Wahl 2007 die Wiederentdeckung jener Art von Sport, die keine Übermenschen produziert und keine scheinbar übermenschlichen Leistungen, sondern Typen von nebenan, gute, gerade gewachsene junge Menschen. Menschen, wie man sie in jedem Klub, auf jedem Sportplatz finden kann – Sportler des Jahres, die nur besser als ihre Kollegen sind, nicht anders.
Das Land des Breitensports
Die vorerst letzte deutsche Leidenschaft für einen Sport, der etwas anderes zu produzieren schien, nämlich überlebensgroße Helden, wurde in diesem Sommer bitter enttäuscht. Seitdem wollen Sender, Sponsoren und Sportfreunde erstmal nichts mehr wissen von den spritzigen Helden der Landstraße. Auch der deutsche Radprofi kam einst aus der vitalen deutschen Provinz. Doch er wurde Teil einer heimatlosen Leistungs- und Konsumschau, in der er immer mehr als Gejagter erscheint, als rastloser Flüchtling vor schlechtem Wetter, böser Presse und unangemeldeten Kontrollen. Ein entwurzelter Sport.
Deutschland aber hat Sport mit starken Wurzeln, es ist das Land des Breitensports, des Amateursports. Diese Wahl spiegelt das wider wie wohl keine zuvor. Magdalena Neuner und Fabian Hambüchen sind klassische Amateursportler, sind Breitensportler, die im deutschen Vereins- und Verbandssystem, ohne kommerziell-privatwirtschaftliche Investition, gewachsen sind. Natürlich verdienen sie längst gutes Geld mit ihrem Sport, aber nur, weil sie so gut geworden sind – nicht weil sie die Laufbahn eines Profisportlers eingeschlagen haben, so wie man Berufsfußballer wird. Sie haben ihren Sport betrieben aus Neigung, aus Ehrgeiz, nicht aber aus Geldgründen. Dass sie heute von ihm leben können, war nicht Teil der Lebensplanung. Und verändert deshalb nicht die Lebenseinstellung.
Der Glauben an das Gute
So vertreten die Wahlsieger 2007 die stumme Mehrheit des deutschen Sports. Hambüchen den Turner-Bund, mit mehr als fünf Millionen Mitgliedern nur vom Fußball übertroffen. Magdalena Neuner die Skisportler (700.000), irgendwie aber auch die Schützen (1,5 Millionen). Handball ist mit mehr als 800.000 Aktiven der zweitgrößte Mannschaftssport und Tischtennis, mit Boll als Ausnahmekönner, dank 700.000 Sportlern ein höchst vitales Schattengewächs.
In solchen Branchen findet sich noch etwas vom flüchtigen Geist des wahren Amateurs, der dem theatralischen Spitzenfußball, dem apathischen Top-Tennis oder der Chemiebranche Radsport weitgehend abhanden gekommen ist. Diesem Glauben an das Gute in Sport und Sportler hilft die Einsicht in die Ökonomie der menschlichen Natur: wonach systematisches Doping oder Wettbetrug nur dort stattfinden, wo sie sich kommerziell auch lohnen.
Ein Lachen, das noch ein Lachen ist
Vielleicht auch deshalb die Wahl von zwei Athleten, die mit ihrem Sport Idol für Millionen werden können, aber keine Millionäre. Beide waren schon mit 19 Weltmeister. Beide wohnen noch bei den Eltern, er unterm Dach, sie immerhin schon in einer eigenen Bude fünf Fußminuten weiter. Und beide haben sie ein Lachen, das noch ein Lachen ist und noch keine professionelle Muskelanstrengung für Kamerazwecke.
Magdalena Neuner spielt Harfe, verbreitet ihre liebsten Muster in ihrem Strickblog“ im Internet und wohnt in einem Bergdorf mit Zwiebelkirchturm. Florian Hambüchen hat die schlaue Brille, die ihn als Turnprofessor“ dastehen ließ, gegen Kontaktlinsen getauscht und wirkt stets wie einer, der unverbogen sein eigenes Ding macht – selbst dann, wenn ihn die Verpackungskünstler der Illustrierten oder TV-Sender als etwas inszenieren, was er hundertprozentig nicht ist, wie im Menschen“-Jahresrückblick von RTL, wo man ihn im Streetfighter-Look vor brennenden Mülltonnen Bodenkreisel drehen ließ.
Der kleine Turner, der seine Hosen in der Kinderabteilung kaufen muss, hat einen männlichen Mumm und Mut, der noch dem letzten Zuschauer in der Halle unter die Haut geht. Und wenn die Biathlon-Kollegin ihr Strickzeug weglegt und Skistock und Gewehr in die Hand nimmt, weicht die Gemütlichkeit der klappernden Nadel der eiskalten Entschlossenheit der Siegertypen. Man vertue sich nicht – die deutschen Sportler des Jahres 2007 mögen die Aura netter Nachbarskinder haben. Doch sie haben beide Seiten: Kuschelfaktor und Killerinstinkt. Auch der heile Sport ist nicht nur nett.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS