Handball-EM

Keine Geschenke, große Pläne, viel Konkurrenz

Von Rainer Seele, Bergen

17. Januar 2008 So leicht lässt Heiner Brand sich nicht aus der Reserve locken, er bleibt seinem Hang zur Zurückhaltung meist treu. Dieser Tage hat er wieder ein prägnantes Beispiel dafür gegeben. „Bleiben wir mal ganz schön auf dem Teppich“, sagte Brand, nachdem sich die deutsche Handball-Gemeinschaft in Kiel sehr schwungvoll präsentiert hatte.

Sie schlug Dänemark im letzten Test für die Europameisterschaft überzeugend, Brand konnte hochzufrieden sein - und doch äußerte er sich vorsichtig zum norwegischen Intermezzo. „Warten wir mal ganz einfach ab.“ Eine EM hat ja auch ihre Besonderheiten, im Handball gilt ein solcher Wettbewerb als schwieriger als eine Weltmeisterschaft oder Olympische Spiele. Schließlich nehmen an einem solchen Turnier keine „Exoten“ teil, von Anfang an muss man somit auf der Hut sein.

„Weit davon entfernt, überheblich zu sein

Bundestrainer Brand, dessen Team an diesem Donnerstag in Bergen zunächst auf Weißrussland trifft (17.15 Uhr / Liveticker Handball-EM), brachte das auch diesmal deutlich zum Ausdruck. Die Weißrussen seien ein unangenehmer Gegner, sagte Brand. So stufte er gleich auch noch die Ungarn ein, mit denen sich der Weltmeister am Samstag auseinandersetzen muss. Und Spanien, das am Sonntag auf die Deutschen wartet, zählt laut Brand ohnehin zu den Topfavoriten der EM. „Wir sind weit davon entfernt“, so Brand am Mittwoch, „überheblich zu sein.“

Sein Team muss in Bergen mindestens Dritter werden, um sich für die Hauptrundengruppe in Trondheim qualifizieren - dort könnte es dann zu Duellen mit Titelverteidiger Frankreich, Island und Schweden kommen. Ein hartes Programm also, für das sich der Weltmeister freilich gerüstet fühlt. „Wir haben Großes vor“, sagte Kapitän Markus Baur, der als strategischer Kopf immer noch unverzichtbar ist - obwohl es den Handballspieler Baur eigentlich gar nicht mehr gibt. Baur, der aus privaten Gründen erst am Mittwoch, einen Tag später als seine Kollegen, in Bergen eintraf, hat einen Vertrag als Trainer des TBV Lemgo unterschrieben; unmittelbar nach der EM wird er das Amt antreten.

Der WM-Titel verpflichtet

Baur führt in Norwegen ein Ensemble an, das nach dem Coup 2007 auf heimischem Terrain nun die Rolle des Gejagten einnimmt - eine weitere Belastung für die Deutschen. Dass sie jedoch auch diese Herausforderung mit Leidenschaft annehmen werden, steht für den Handball-Lehrer Brand außer Frage. „Wir haben eine Verantwortung gegenüber dem deutschen Handball“, sagte er. Und natürlich verpflichtet der WM-Titel auch. „Wir haben einen großen Sprung nach vorne gemacht“, sagte der Gummersbacher, „aber wir wissen schon, dass wir kein Turnier als Übergangsstation ansehen können.“

Er glaubt zu wissen, dass seine Spieler sich ihrer Verpflichtung bewusst seien. An guter Stimmung auf alle Fälle scheint es keineswegs zu mangeln, der Kieler Linksaußen Dominik Klein beschrieb die Befindlichkeit des Weltmeisters unlängst so: „Der Spaß steckt in der Mannschaft.“ Es geht um ihr eigenes Renommee - und ein bisschen auch schon um das chinesische Abenteuer im kommenden August. Wer bei den Olympischen Spielen dabei sein will, muss Brand in Norwegen schon eine Empfehlung abgeben - schließlich stehen für Peking nur 14 Plätze im deutschen Kader zur Verfügung.

Der Bundestrainer findet, dass dieser Konkurrenzkampf nur von Vorteil sein könne für ihn. „Das ist schön für mich.“ Für die EM-Vorrunde zunächst nominierte er 15 von 16 möglichen Spielern: Zum offiziellen Meldeschluss am Mittwochabend strich Brand Torhüter Carsten Lichtlein sowie die Rückraumspieler Rolf Hermann und Lars Kaufmann (alle Lemgo) aus dem Aufgebot.

Die „Qual der Wahl“ gefällt dem Trainer

In Norwegen schickt er ein Team aufs Feld, das in seinen Augen spielerisch stärker ist als vor einem Jahr - und das vermeintlich selbstsicherer auftritt als vor zwölf Monaten. Allerdings sagte er am Mittwoch auch einschränkend, dass einige Spieler bei der WM „über ihre Verhältnisse“ agiert hätten. Es werde große Anstrengungen kosten, um eine ähnliche Leistung wieder zu erreichen. Immerhin sind die Deutschen diesmal von schwerwiegenden Verletzungen verschont geblieben. Häufig hatte Brand vor wichtigen Wettbewerben personelle Rückschläge hinnehmen müssen, jetzt jedoch kann er aus dem Vollen schöpfen und mit Pascal Hens, Florian Kehrmann und Christian Zeitz rechnen, die zuletzt unter Blessuren litten. Brand hat von der „Qual der Wahl“ gesprochen; ihm war anzumerken, dass ihm diese Situation gut gefällt.

Sogar über die Torhüter gibt es inzwischen Diskussionen, da Johannes Bitter zuletzt exzellent parierte - und damit die Hierarchie auf seiner Position ins Wanken bringen könnte. Zwar betonten sowohl Brand als auch Bitter, dass Henning Fritz weiterhin die „Nummer eins“ im deutschen Tor sei. Allerdings scheint es nicht ausgeschlossen, dass der Bundestrainer in Bergen zunächst auf den Hamburger Bitter baut. Fritz wäre, wie er sagte, „nicht böse“, wenn es so käme. Der Mann von den Rhein-Neckar-Löwen, bei der WM eine große Stütze der Deutschen, verwies dabei auf den Teamgeist, „wo jeder dem anderen etwas gönnt“. Ohnehin benötigt ein Handballteam stets zwei erstklassige Torleute; im Fall des Falles muss während des Spiels flugs getauscht werden können.

Eine Begegnung mit der Vergangenheit

Einer, mit dem Fritz zuletzt in Mannheim noch gemeinsame Sache machte, könnte eine wertvolle Verstärkung bei der EM sein: Oleg Velyky, Rückraumspieler mit der Fähigkeit, als Schütze und auch als Spielgestalter aufzutrumpfen. Velyky, der gerade zum HSV Hamburg wechselte, hatte bei der WM - weil körperlich angeschlagen - nicht eingesetzt werden können. Nun baut Brand auf seine „individuelle Stärke“. Velyky könne, sagte Brand, „entscheidende Akzente setzen“. Gleichwohl soll der aus der Ukraine stammende Handballstar, so der Bundestrainer, ein „normales Teammitglied“ sein.

Wie Velyky ist Andrej Klimovets, Kreisläufer und Abwehrspezialist, von den Deutschen eingebürgert worden. Für ihn kommt es an diesem Donnerstagnachmittag zu einer besonderen Begegnung mit der Vergangenheit: Klimovets ist gebürtiger Weißrusse, er steht nun in Bergen auch seinem jüngeren Bruder Wladimir gegenüber. Allzu sehr jedoch wird sich Klimovets, der Ältere, mit Familiärem und mit dem Gestern wohl nicht beschäftigen. Der Weltmeister muss schließlich das Heute gestalten - und seine Zukunft. Er muss sich wieder bewähren, das ist das Gebot der Stunde im hohen Norden. „Uns wird nichts geschenkt“, sagte Brand salopp, „es fängt bei Null an.“

Namen und Daten zur Handball-EM:

Das deutsche Aufgebot

Markus Baur (36) - Rückraum Mitte/ 220 Länderspiele/TBV Lemgo
Johannes Bitter (25) - Tor/77/HSV Hamburg
Henning Fritz (33) - Tor/216/Rhein-Neckar Löwen
Holger Glandorf (24) - Rückraum rechts/70/HSG Nordhorn
Pascal Hens (27) - Rückraum links/140/ HSV Hamburg
Rolf Hermann (26) - Rückraum rechts/24/TBV Lemgo
Torsten Jansen (31) - Linksaußen/131/ HSV Hamburg
Lars Kaufmann (25) - Rückraum/38/TBV Lemgo
Florian Kehrmann (30) - Rechtsaußen/202/TBV Lemgo
Dominik Klein (24) - Linksaußen/ 54/THW Kiel
Andrej Klimovets (33) - Kreis/49 + 101 für Weißrussland/Rhein-Neckar Löwen
Michael Kraus (24) - Rückraum Mitte/51/TBV Lemgo
Carsten Lichtlein (27) - Tor/88/TBV Lemgo
Sebastian Preiß (26) - Kreis/88/TBV Lemgo
Oliver Roggisch (29) - Kreis/77/Rhein-Neckar Löwen
Stefan Schröder (26) - Rechtsaußen/25/HSV Hamburg
Oleg Velyky (30) - Rückraum links/Mitte/37 + 59 für Ukraine/ Rhein-Neckar L.
Christian Zeitz (27) - Rückraum rechts/ 147/THW Kiel.

Der Spielplan

Vorrunde, Gruppe C, in Bergen:

Donnerstag, 17. Januar: Deutschland - Weißrussland (17.15 Uhr, live im ZDF)
Samstag, 19. Januar: Ungarn - Deutschland (18.10 Uhr, live in der ARD)
Sonntag, 20. Januar: Spanien - Deutschland (16.30 Uhr, live in der ARD)

Die drei besten Teams qualifizieren sich für die Hauptrundengruppe 2 vom 22. bis zum 24. Januar in Trondheim. Die Halbfinals der Gruppenersten und -zweiten der beiden Hauptrundengruppen finden am 26. Januar, das Finale findet am 27. Januar jeweils in Lillehammer statt.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, DENMARK, dpa

 
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