Von Gerd Schneider, Montreal
29. Juli 2005 Niemand wird ernsthaft glauben, daß aus dem einst dopingverseuchten Schwimmen ein sauberer Sport geworden ist. Doch seit der letzten sichtbaren Dopingwelle in der zweiten Hälfte der 90er Jahre, an der vor allem die Chinesen beteiligt waren, wurden kaum noch Fälle von Manipulation publik. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Bei der WM in Montreal ist die Welt hinter der Schwimmer-Welt jederzeit spürbar. Offen gesprochen wird, gerade in Athletenkreisen, selten. Aber unter der Oberfläche herrscht ein Klima von Mißtrauen und Verdächtigungen. Auf den Spuren eines Themas, das schwer zu greifen und dennoch allgegenwärtig ist.
Grant Hackett, der australische Welt- und Olympiasieger, gilt als großer Sportler. Auch deshalb, weil er nicht zu den Schwimmern gehört, die schwieriges Terrain meiden. So sprach er zwei Tage vor der WM ganz offen über Doping und den Kampf gegen die Manipulation. Die Dopingbetrüger seien den Kontrolleuren meistens einen Schritt voraus, sagte er, "deshalb ist es wichtig, daß man noch mehr Geld in den Kampf gegen Doping investiert". Er glaube zwar, daß Schwimmen inzwischen sauberer sei als manche andere Sportarten. "Aber es gibt immer wieder positive Fälle, das darf man nicht vergessen."
Richard Pound, der aus Montreal stammende Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur, hat den Internationalen Schwimm-Verband (Fina) für seine Forschritte im Kampf gegen Doping gelobt. Die Fina gehöre inzwischen zu den Verbänden, die auf dem richtigen Weg seien. Tatsächlich lassen sich im Internet auf der Homepage der Fina (www.fina.org) Statistiken und aktuelle Dopingfälle nachlesen. So veranlaßte die Fina in den ersten fünf Monaten dieses Jahres 701 unangekündigte Kontrollen in aller Welt, davon 581 beim Training. Etwa 15 Fälle sind aufgelistet, gleich mehrere positive Tests stammen von Wasserballern. Dort ist offenbar einiges im Umlauf, gefunden wurden Spuren von Hasch, Aufputschmitteln, maskierenden Substanzen und Testosteron. Der Name des deutschen Wasserball-Nationalspielers Tobias Kreuzmann steht (noch) nicht auf dieser Liste. Im Urin des Duisburgers fand sich eine Substanz mit einer verschleiernden Wirkung, die seit diesem Jahr zu den Dopingmitteln zählt. Kreuzmann sagt, die Substanz stamme von einem Medikament, das er seit langem gegen Haarausfall nehme. Nach seinem "Freispruch" durch den deutschen Schwimm-Verband soll sich demnächst der Internationale Sportgerichtshof CAS mit dem Fall befassen.
Unter den erwischten Schwimmern finden sich gleich drei aus Brasilien. Zweien wurde die Einnahme klassischer Anabolika (Clostebol, Stanozolol) nachgewiesen, ein anderer erschien nicht zur Kontrolle. Beim nächsten Dopingfall eines Brasilianers in diesem Jahr müßte die Fina gemäß ihren Regeln den gesamten brasilianischen Verband für zwei Jahre sperren. Es wäre das erste Mal, daß der Verband so eine drakonische Strafe verhängt. Kein brasilianischer Schwimmer könnte dann in dieser Zeit an einem internationalen Wettbewerb teilnehmen.
Die Schwimmer selbst sind im Umgang mit den Medien wachsam. Sie verkneifen sich selbst vage Andeutungen zum Thema Doping. Manchmal aber, gerade in den Minuten nach den Entscheidungen, wird die Selbstkontrolle brüchig. So rutschte der Rostocker Langstreckenschwimmerin Britta Kamrau nach dem Rennen über 25 Kilometer die Bemerkung heraus, im Gegensatz zu anderen Schwimmern leide sie nicht unter Asthma. Auf Nachfrage präzisierte sie: "Es ist doch komisch, wenn man jahrelang schwimmt und dann im höheren Alter auf einmal Belastungsasthma bekommt." Dazu muß man wissen, daß unter Asthma leidende Schwimmer bestimmte Medikamente einnehmen dürfen. Ob damit die niederländische Siegerin Edith van Dijk gemeint war, ließ sie offen. Da hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Auch Antje Buschschulte sprach in Montreal eindeutig zweideutig über eine Kollegin. Nach ihrem zweiten Platz über 100 Meter Rücken sagte sie über die aus Zimbabwe stammende und in Amerika lebende Siegerin Kirsty Coventry, die in kurzer Abfolge gleich in mehreren Disziplinen Vorläufe, Halbfinals und Finals bestritt: "Sie ist mir unheimlich. Ich würde so etwas nicht hinkriegen. Da könnte ich noch so viel trainieren."
Ein Gespräch mit einem, der zur Schwimmszene gehört. Er will nicht, daß sein Name genannt wird. Er sagt, er habe keine Beweise. Aber Indizien. So würden die Schwimmer immer dann mißtrauisch, wenn Athleten aus anderen Ländern in die Vereinigten Staaten gingen und dann rasch "unheimliche Leistungssprünge" machten. Man wisse, daß an amerikanischen Universitäten das Kontrollnetz durchlässig sei. Zahnspangen und Damenbärtchen bei jungen Schwimmerinnen würden genau registriert. "Manche", sagt unser Gesprächspartner, "schwimmen so schlecht, daß sie wie ein Kuh durchs Wasser pflügen. Trotzdem gewinnen sie Medaillen. Das geht ohne unerlaubte Mittel gar nicht." Auch der Muskelaufbau gebe Hinweise auf Doping, vor allem, wenn die Muskeln "total trocken" seien, also kein Gramm Fett auf dem Leib sei. Unter Schwimmern sei die Ansicht verbreitet, daß "man genau weiß, wer etwas nimmt und wer nicht."
Der Hamburger Harm Beyer ist in Montreal von der Fina als Vorsitzender des Doping-Panels für weitere vier Jahre in seinem Amt bestätigt worden. Der frühere Richter trägt ein blaukarierte Hemd und sitzt hinter dem Schwimmstadion auf einer Terrasse, von der aus man direkt auf das Aufwärmbecken der Schwimmer sieht. Der frühere Richter sagt, daß es immer noch relativ viele Doping-Fälle im Schwimmen gebe. "Aber gut die Hälfte sind Substanzen, die einen nicht schneller machen." Also etwa THC, der Wirkstoff im Cannabis, oder versehentlich genommene Medikamente wie zum Beispiel Wundsalben. Beyer ist davon überzeugt, daß das eigentliche Kontrollsystem die unangekündigten Tests außerhalb der Wettkämpfe seien. Bei der WM würden Urin und in Stichproben auch das Blut der Athleten kontrolliert. Aber in diesem Netz, da macht er sich nichts vor, bleibt niemand hängen. Er sagt: "Ein Schwimmer, der sich hier erwischen läßt, muß bekloppt sein."
Text: F.A.Z. vom 30. Juli 2005
Bildmaterial: REUTERS