25. Dezember 2007 Oliver Schmidtlein spricht über hemmungslose Weihnachtssünden, Sushi für Spieler und Alkoholexzesse. Für die Regeneration ist die Leber ist sehr wichtig, sagte der Fitnesstrainer der Nationalelf der F.A.Z. für die Serie Mein Fitness-Kick.
Sind die Weihnachtsfeiertage und Silvester für einen Fitnesstrainer nicht der Albtraum?
Essen und Trinken sind ja nicht nur wichtig für den Körper, sondern auch für die Seele. Wenn man gutes Essen und gute Getränke an den Weihnachtstagen und an Silvester der Seele widmet, dann ist auch für einen Fitnesstrainer alles in Ordnung. Aber man sollte sich unter Kontrolle haben.
Gänsekeulen, Klöße, Schokolade, Marzipan, schwerer Rotwein - wovor graut einem Fitnesstrainer am meisten?
Wenn zwischen all den schönen Sachen keine Bewegung mehr dazwischen ist. Kleine Sünden sind in einem begrenzten Maß absolut erlaubt - aber man muss dabei seinen Körper bewegen. Das Problem ist aber, dass Weihnachten nun mal in einer Jahreszeit liegt, in der man nicht so gerne vor die Tür geht. Wenn man sich trotzdem dazu überwinden kann, zwischen den Mahlzeiten einen langen Spaziergang zu machen, dann sehe ich darin gar kein Problem. Vormittags eine halbe Stunde raus und nachmittags noch mal eine Stunde, das ist in Ordnung an den Feiertagen. Und wer Kinder hat, für den bietet sich das sowieso an. Die halten das ja ohnehin nicht die ganze Zeit zu Hause aus.
Was sind für Sie kleine Sünden?
Lebkuchen und Plätzchen sind zum Beispiel saisonbedingte Leckereien. Sie zu genießen erzeugt schöne Gefühle. Und diese schönen Gefühle gehören zu einem Menschen unbedingt dazu - auch Sportler dürfen und sollen genießen.
Aber worauf müssen die Nationalspieler in diesen Tagen besonders achten - welche anderen Regeln gelten für sie?
Sie haben jetzt eine sehr kurze Winterpause, dann beginnt schon bald wieder eine anstrengende Vorbereitung. Da gehört es in dieser kurzen Zeit auch dazu, dass man mal eine Woche die Zügel locker lässt. Aber die Spieler sollten sich dennoch nicht zu weit von ihren Grundprinzipien entfernen.
Welche Prinzipien müssen auch an Weihnachten und Silvester für Nationalspieler gelten?
Exzessiver Alkoholgenuss ist sehr problematisch. Beim Essen ist das anders. Wenn man jetzt mehr als sonst isst und damit mehr Kohlenhydrate zu sich nimmt, dann legt man vielleicht ein Kilo zu. Das ist bei einem üppigen Essen eigentlich schon der worst case. Alkohol hat aber weit negativere Auswirkungen. Durch die Belastung der Leber entsteht noch ein weiterer negativer Effekt, der sich dann auch später beim Training zeigt. Dieser Retard-Effekt beeinflusst den Stoffwechsel viel stärker. In der Regeneration, in der sich die Spieler jetzt befinden, wäre übermäßiger Alkohol absolut kontraproduktiv. Die Leber ist für die Regeneration sehr wichtig.
Worauf müssen die Nationalspieler in der Zeit, wo wir es uns alle gutgehen lassen, noch Rücksicht nehmen?
Sie müssen generell darauf achten, dass sie gesund bleiben. Jetzt ist eine Zeit der Infekte, viele sind krank. Wenn man jetzt mit vielen Leuten zusammenkommt, sollte man sich regelmäßig die Hände waschen. Das ist wirklich ganz wichtig. Auch im Fitness-Studio sollte man daran denken. Denn dort sind überall Griffe, die viele Menschen anfassen. Nach dem Fitness-Studio sollte man sich unbedingt lange mit warmem Wasser die Hände waschen. Das ist generell die beste Empfehlung, die ich geben kann, wenn man in dieser Zeit mit vielen Menschen zu tun hat. Im Übrigen kann man das eine Kilo, das man sich in diesen Tagen anfuttert, auch ganz gut gebrauchen, denn es stärkt das Immunsystem.
Wie bekommt man aber am besten das Kilo Weihnachtsspeck wieder weg?
Ein Kilo Speck hat ungefähr einen Brennwert von 7000 Kilokalorien. Das bedeutet, man müsste eine Woche lang jeden Tag 500 Kilokalorien weniger essen und 500 mehr abnehmen. Dann ist das Kilo weg. Aber man muss ziemlich viel dafür tun, um 500 Kilokalorien wegzubekommen. Dafür muss man etwa eine Stunde laufen oder gute eineinhalb Stunden Radfahren. Wenn man sich das vor Augen hält, fällt es vielleicht leichter, auf das ein oder andere Stück Schokolade zu verzichten.
Gibt es für Nationalspieler einen speziellen Ernährungsplan?
Nein, aber es gibt Ernährungsempfehlungen. Denn wir sind angehalten, den Vereinen nicht in ihre Arbeit reinzureden. Deswegen sind wir in diesen Fragen sehr eingeschränkt. Aber wenn ein Spieler will, bekommt er sehr konkrete Ernährungsempfehlungen. Die Empfehlungen sind immer sehr individuell, denn es geht ja um individuelle Geschmacksfragen. Wenn wir mit einem Spieler über Ernährung sprechen, sind es zwei Dinge, die wir von ihm zunächst wissen wollen: Was isst du, und was schmeckt dir? Wenn jetzt jemand nur sämtliche Fastfood-Ketten aufzählt - das ist mir im Sport auch schon passiert -, dann wissen wir zwar, was ihm schmeckt - aber wir können darauf nicht viel aufbauen. Wenn ein Spieler aber sagt, er mag Geflügel oder er mag partout keinen Fisch, dann kann man damit etwas anfangen und Empfehlungen erarbeiten. Generell raten wir, frisch zubereitetes Essen zu sich zu nehmen und wenig Nahrung aus der Verpackung. Am schwierigsten ist es meistens mit alleinstehenden Spielern oder mit denjenigen, die in ganz jungen Lebensgemeinschaften wohnen. Da steht sonntags eben nicht der Braten mit frischem Gemüse auf dem Tisch. Darüber sprechen wir mit ihnen jedoch eher locker, es gibt keinen Plan, den wir ihnen aufdrücken. Im Frühjahr wollen wir aber mit dem Koch der Nationalmannschaft in dieser Richtung noch Akzente setzen.
Wie sehr kann gute Ernährung die Leistung steigern?
Mark Verstegen von Athletes Performance sagt, dass sich im Profifußball die Leistung durch die richtige Ernährung um 30 Prozent steigern lässt, in manchen Sportarten sogar um 50 Prozent. Ich denke, dass sich die Steigerungsmöglichkeit in jedem Fall im zweistelligen Bereich bewegt. Das ist eine Einschätzung, messen kann man das nicht. Aber sicher ist: Im Leistungssport darf man keinen Effekt verschenken - und diesen schon mal gar nicht.
Und wie findet dann Ernährungskontrolle statt?
Kontrolle findet nur statt, indem wir alle sechs Monate die Körperkomposition messen, den Körperfettanteil. Das wird in Relation zum Trainingszustand gesetzt. Auch die Blutwerte, die von den Medizinern genommen werden, lassen gewisse Schlüsse zu - zumindest auf grobe Vergehen. Wenn bei einem Leberwert das Enzym Gamma GT sehr hoch ist, dann kann man davon ausgehen, dass die eine oder andere Flasche Wein geleert wurde.
Ist den Nationalspielern das Thema gesunde Ernährung genauso fremd wie vor vier Jahren noch das Thema Fitness?
Nein. Bei der Nationalmannschaft haben wir ja meistens Büffet. Da sieht man, was die Spieler wählen. Ich bin davon angenehm überrascht. Es wird viel Salat und Gemüse gegessen. Fisch haben vor einigen Jahren nur die Trainer gegessen, mittlerweile essen es auch die Spieler, gerade die junge Generation ist sehr aufgeschlossen. Wenn früher kein Fleisch auf dem Teller war, haben es die Spieler nicht angerührt. Jetzt gibt es sogar Sushi. Da sieht es definitiv besser aus als beim Fitnesszustand vor drei, vier Jahren.
Und zum Schluss - welcher Sport hilft am besten gegen den Kater nach Silvester?
Wenn der Körper richtig voll ist mit Toxinen, würde ich jede Anstrengung und Erschütterung definitiv vermeiden. Da hilft am besten frische Luft und spazierengehen - und dann rein in die warme Badewanne, versuchen zu schwitzen und viel Wasser zu trinken. Das hilft wenigstens ein bisschen.
Das Gespräch führte Michael Horeni.
Die nächste von Folge von Mein Fitness-Kick lesen Sie Mitte Januar bei FAZ.NET.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Bildmaterial: F.A.Z. / Wonge Bergmann