Mein Fitness-Kick

Wer nicht programmieren kann, muss leiden

Von Michael Horeni

17. April 2008 Mein Trainingsprogramm geht in die Endphase. Am 16. Mai wird Joachim Löw seinen Kader für die Europameisterschaft nominieren, kurz darauf beginnt das Trainingslager auf Mallorca und Oliver Schmidtlein und Shad Forsythe werden die 23 Spieler noch ein bisschen mehr auf Vordermann bringen. Dann wird meine Fitness-Saison beendet sein.

Meine unmittelbare EM-Vorbereitung hat schon in der vergangenen Woche begonnen. Shad Forsythe hat mir ein neues Cardio-Programm zusammengestellt. „Wir steigern jetzt deine Power für die Euro 2008“, schrieb er in der Mail, „Der Plan bringt dich zur Euro…“ Das war nett gemeint. Aber tatsächlich bringt mich der Plan, wenn ich so weiter mache, nicht zur Euro, sondern ins Grab.

Nettes Treffen bei einem netten Italiener mit netten Rotwein

Mir ist da nämlich ein kleiner Fehler unterlaufen, der sich bitter rächen sollte. Der Laufplan ist wieder in drei verschiedene Einheiten unterteilt. Der erste Part steht unter der Überschrift „Threshold“, was man als Reizschwelle oder Schwellenwert übersetzen kann. Der zweite Teil läuft unter dem Titel „Interval“, was sich auf die sehr unterschiedlichen Belastungen bezieht und der dritte und letzte Teil steht unter der Rubrik „Aerobic“, also für Laufen im aeroben Bereich, indem man nicht aus der Puste kommt.

Zu Beginn der Woche war nun „Threshold“-Einheit dran, und ein kleineres Problem entstand schon dadurch, dass wir am Abend zuvor ein nettes Kollegentreffen bei einem netten Italiener mit netten Rotwein hatten. Die Kollegen, der Italiener und der Rotwein sorgten dafür, dass ich am nächsten Morgen beim packen meiner Sporttasche noch nicht ganz auf meinem geistigen Höhepunkt angelangt war. Ich vergaß meinen Pulsfrequenzmesser einzupacken - und das wird mir nun ganz sicher nun nie mehr passieren.

Wer nicht programmieren kann, muss leiden

Meine „korrigierenden Übungen“ absolvierte ich noch wie im Schlaf. Nach rund acht Monaten sind sie schon so etwas wie das sportliche Morgengebet. Diese zwanzig, fünfundzwanzig Minuten laufen schon ziemlich ritualisiert und automatisiert ab, ohne großes Nachdenken. Dann kramte ich in meiner Tasche nach der Pulsfrequenzuhr und dem Brustband, aber die lagen noch zu Hause auf der Kommode. Aber wo ich nun schon einmal im Studio war, versuchte ich das Laufband entsprechend manuell einzustellen, weil das an diesem modernen Ding nämlich auch funktionieren soll und man sich die Frequenzuhr sparen kann.

Ich fragte dazu noch einen Personal Trainer um Rat, der die Einstellungen vornahm, nachdem ich ihm meinen Laufplan gezeigt hatte. Dann musste ich allerdings, offenbar meinen Kollegen, dem Italiener oder dem Rotwein geschuldet, versehentlich noch mal auf einen Knopf gedrückt haben. Die Herzfrequenz soll sich nach Shads ursprünglichen Plan in kleinen Intervallen von 170, auf 173 und dann auf Einheiten von 175 steigern, jeweils für vier Minuten. Dazwischen liegen immer ein paar Minuten, in denen der Puls wieder runterkommen soll.

Puls 193!

Am Laufband sind Metalldetektoren für die Hände angebracht, über die sich die Herzfrequenz bestimmen lässt. Die ersten Minuten lief alles wunderbar, aber dann musste ich offenbar auf einen Knopf gekommen sein, der das Programm durcheinander brachte - und mich an den Rand der Erschöpfung. Die Herzfrequenz leuchtete nach 18 Minuten bei 175, genau wie es bei dem 34-minütigen Laufprogramm sein sollte. Aber plötzlich war auf dem Band ein Widerstand spürbar, eine Steigung. Es wurde immer anstrengender. Auch die Pausen waren nun weit weniger relaxt als sie sein sollten. Mein Kopf wurde immer röter, der Schweiß floss immer stärker.

Die letzten vier Minuten war ich vollkommen außer Atem, die Anstrengung sollte mir noch zwanzig Minuten nach dem Duschen den Schweiß auf die Stirn treiben. Als ich endlich in der so genannten „cool down“-Phase war, legte ich kurz darauf die Hand wieder auf die Detektoren: Puls 193! Als ich mich vom Laufband schleppte, hätte ich gerne einen Trainer gefragt, was ich bloß falsch gemacht hatte. Aber ich konnte nicht. Ich rettete mich in einen Stuhl und schnappte nach Luft. Dort beschloss ich nach ein paar Minuten und einer Flasche Wasser, die Sache einfach so zu akzeptieren, wie sie war: Wer nicht programmieren kann, muss eben leiden. Am Abend packte ich die Pulsfrequenzuhr in meine Sporttasche.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: Wonge Bergmann

 

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