Von Evi Simeoni, Lausanne
10. Mai 2008 Wenn’s ans Pferd geht, zittern den Turnern die Hände. Nicht etwa, weil die Übung so viel Kraft kostet – Kraft haben sie. Vor Aufregung“, sagt Robert Weber. Der 23 Jahre alte Athlet aus Wolfsburg hat keine Probleme damit, zuzugeben, wie furchtbar nervös er am Samstag war, als es bei der Mannschafts-Europameisterschaft an das gefürchtete Gerät ging. Denn er hat bewiesen, dass er die Nervosität überwinden kann. Als es am späten Nachmittag nur noch an ihm, dem letzten Turner der deutschen Mannschaft lag, in Lausanne den zweiten Platz zu holen, da hielt er den Stürmen in seinem Inneren stand. Dieser zweite Rang ist das beste Resultat, das ein deutsches Turn-Team jemals bei einer Europameisterschaft erreicht hat.
Ich hatte sogar Angst, das Podium zu betreten“, sagt Weber, ich dachte, ich stolpere.“ Kein Wunder. Im Qualifikationswettkampf am Donnerstag war er gleich zweimal vom Pferd abgeworfen worden. Und zwar beim Wandern“, der Übung, in der man sich kreiselnd von vorne bis hinten über den Lederkörper bewegt. Am Samstag aber, als die hoffnungsvollen Augen der ganzen deutschen Turn-Gemeinde auf den kleinen, schwarzhaarigen Mann vom TSV Ehmen gerichtet waren, wanderte er nicht ins Off, sondern direkt zum Silber.
Hoffentlich kommt er durch
Und so kam es zu einem seltenen Moment: Alles konzentrierte sich auf Weber. Sogar Fabian Hambüchen, eigentlich der natürliche Mittelpunkt nicht nur der deutschen Delegation sondern dieser Europameisterschaften. Erstaunlich, wie man im Mannschaftswettbewerb sein Verhalten ändert“, sagt der Reck-Weltmeister aus Wetzlar lächelnd. Ich habe nur noch gedacht: Hoffentlich kommt er durch.“
Verhaltensänderungen gehören allerdings sowieso zu Fabian Hambüchens besonderen Spezialitäten. Das zeigte er wieder einmal in seiner Reck-Übung, die mit der Note 15,700 wie so oft die Beste des Tages zwar. Ein kleines Aufseufzen konnte er den Fach-Zuschauern allerdings nicht ersparen. Auf dem Weg zur Riesenfelge nach einem Flugteil kam es zu einem deutlichen Schwungverlust. Ich dachte, ich könnte die Riesenfelge nicht mehr schaffen“, sagt Hambüchen. Später spürte er, dass der Schwung doch noch dafür gereicht hätte – doch da hatte er sich schon für eine Kippe entschieden. Alles innerhalb von Sekundenbruchteilen. Das kann der 20 Jahre alte Turn-Virtuose mühelos. Besser wäre es, wenn es schöner rüber gekommen wäre, so dass es keine Punktabzüge gegeben hätte“, sagt Hambüchen. Manchmal zaubert er sich in Windeseile während des Turnens eine neue Übung zurecht. Dann wissen nur Insider: Moment, da ist was falsch“, sagt er.
Ein bisschen steif gelandet
Ein Trost für Hambüchen: In der Endabrechnung fehlten den Deutschen 2,875 Punkte auf Europameister Russland. So viel hätte er auch mit einer tadellosen Reck-Übung nicht gut machen können. Und auch der Abzug von 0,3 Punkten am Boden verlor so seine Ärgerlichkeit. Hambüchen hatte nach einer Akrobatik-Bahn die Grenze des Erlaubten überschritten und beide Füße kurz außerhalb der Linie gesetzt. Ich bin ein bisschen steif gelandet“, sagt er. Möglicherweise habe unbewusst seine Fußverletzung mit dieser Fehlleistung zu tun. Die Fersenprellung am rechten Fuß tut immer noch weh. Und auch die Kapselverletzung im linken Ringfinger ist noch nicht auskuriert.
Am Samstagabend musste er also die Silbermedaille bald wieder abnehmen und sich der Physiotherapie hingeben. An diesem Sonntag nämlich ist er in vier Gerätefinals am Start: Am Reck, am Boden, am Barren und im Sprung. Der einzige andere Deutsche, der sich für ein Einzelfinale qualifiziert hat, ist Robert Weber am Reck. Für Robert Juckel und Philipp Boy vom SC Cottbus sowie für Marcel Nguyen vom TSV Unterhaching ist die EM beendet. Nachdem sie nach der Qualifikation noch mit ihren Fehlern gehadert hatten, strahlten sie nun allerdings. Obwohl: Wieder konnte sich Nguyen nicht zu seinem Weltklasse-Abgang am Barren durchringen, dem Tsukahara.
Allerdings lebte dieses Mannschafts-Finale sowieso nicht von Bestnoten und Grenzleistungen, sondern von der Spannung. Auch die sonst überlegenen Russen bewiesen nämlich, dass sie fehlbar sind. Nikolai Kryunkow setzte sich beim Sprung auf sein Hinterteil. Zwei andere spätere Europameister wiederum – Juri Ryasanow und Maxim Deviatowski – mussten vom Seitpferd absteigen. Ich wollte es nur spannend machen“, sagte Ryasanow später, als die Spannung abgefallen war. Doch wahrscheinlich ging es ihm doch eher wie Robert Weber, und seine Turnerhände zitterten.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS
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