Dopingskandal

Ullrich sieht sich als Opfer: „Werde kämpfen“

“Ich werde weiter kämpfen“

"Ich werde weiter kämpfen"

30. Juni 2006 Jan Ullrich sieht sich nach seiner Suspendierung durch T-Mobile und dem Tour-Aus als Opfer. „Ich bin in einem absoluten Schockzustand. Das ist das Schlimmste, was mir bisher in meiner Karriere passiert ist. Ich kann nur sagen, daß ich nach wie vor nichts mit der Sache zu tun habe“, sagte der 32 Jahre alte Radprofi am Freitag abend in einem Interview. „Ich fühle mich als Opfer.“

Er will dennoch nicht klein beigeben und seinen Anwalt einschalten, um seine Unschuld zu beweisen. „Jetzt bin ich am Boden, aber ich werde weiterhin kämpfen“, kündigte Ullrich nach stundenlangen Beratungen mit seinem Manager Wolfgang Strohband und Anwälten an. „Das ganze Team ist natürlich deprimiert“, sagte der bisherige T-Mobile-Kapitän. Er habe sich aber total gegen einen Rückzug seiner Mannschaft von der 93. Tour de France ausgesprochen. „Die sollen für mich mitfahren“.

Bis auf weiteres ausgebootet

Ullrich droht wegen des Skandals das abrupte Ende seiner wechselvollen Karriere. Für den Tour-de-France-Gewinner von 1997 platzte am Vormittag der Traum vom zweiten Triumph bei der bedeutendsten Radrundfahrt der Welt nach der Suspendierung durch sein T-Mobile-Team.

Die Entscheidung fiel um 9.34 Uhr im feinen Golfklub von Plobsheim im Elsaß: Ullrich, der Spanier Oscar Sevilla und der sportliche Leiter Rudy Pevenage wurden wegen ihrer möglichen Verwicklung in den spanischen Dopingskandal mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres ausgebootet und werden nicht am Start der Tour stehen, die am Samstag in Straßburg beginnt.

Auch für Basso ist Schluß

Neben Ullrich stehen auch der Ansbacher Jörg Jaksche und Giro-Sieger Ivan Basso (Italien) auf der Liste der 58 Radsportler, die in der Affäre unter Verdacht stehen. Spanische Medien veröffentlichten am Freitag die Namen der beschuldigten Athleten. Jaksche, der am Donnerstag seinen Verzicht auf einen Tour-Star wegen einer Grippe erklärt hatte, gehört zum Team Astana-Würth, dessen kompletter Tour-Kader namentlich genannt wird. Basso wurde am Freitag nachmittag von seinem Team CSC ebenfalls suspendiert (Siehe auch: Tour schließt alle verwickelten Fahrer aus). Außerdem bekamen Oscar Sevilla und Francisco Mancebo (beide Spanien) sowie die fünf Fahrer vom Team Astana-Würth, Joseba Beloki, Alberto Contador, Isidro Nozal (alle Spanien), Sergio Paulinho (Portugal) und der Australier Allan Davis die Rote Karte (Siehe auch: Dopingliste: Die Namen der Verdächtigen).

„Wir haben jetzt die Chance auf eine wirklich andere Tour“, sagte ihr Direktor Christian Prudhomme. Das erst am Donnerstag nach Intervention des Internationalen Sportgerichtshofes CAS wieder zugelassene „Astana- Würth“-Team ist von der jüngsten „Reinigung“ nicht betroffen. Unsicher war zunächst, ob T-Mobile sein ursprünglich bis 2008 zugesichertes Engagement im Profi-Radsport jetzt überhaupt fortsetzen will. Der staatliche Wettanbieter Betandwin stoppte sämtliche Tour-Wetten; die TV-Anstalten ARD/ZDF und Eurosport halten an der vorgesehenen Live-Berichterstattung von der Tour fest.

Ullrich und Sevilla befanden sich mit den anderen Teammitgliedern im T-Mobile-Mannschaftsbus auf dem Weg zu der Pressekonferenz, wo eigentlich das Team vorgestellt werden sollte. Unterwegs wurden sie von der Suspendierung informiert. Am späten Vormittag zog sich Ullrich ins Teamhotel nach Blasheim zurück. „Die echte Beweislage liegt erst jetzt auf dem Tisch“, sagte Teamsprecher Stefan Wagner: „Wir hatten beim ersten Verdacht um Akteneinsicht gebeten. Das ist erst heute geschehen, warum, wissen wir nicht. Die Faktenlage widerspricht den Unschuldsbeteuerungen von Ullrich so stark, daß wir handeln mußten, um unserem Grundsatz vom sauberen Sport noch folgen zu können.“

Begründete Zweifel

Teamchef Olaf Ludwig betonte, daß die bisherigen Unschuldserklärungen von Ullrich und Sevilla sogar in schriftlicher Form vorlagen. „Es gibt klare Richtlinien, die mit den Fahrern vereinbart sind und die keinen Interpretationsspielraum lassen. Dies war auch Ullrich, Sevilla und Pevenage bekannt“, sagte Ludwig. In einer Pressemitteilung des Teams hieß es, die Mannschaftsleitung sei vom Sponsor, dem Mobilfunkkonzern T-Mobile, aufgefordert worden, die Suspendierungen vorzunehmen (Siehe auch: Reaktionen: „An den Vorwürfen ist sicher was dran“).

Der in Dopingverdacht geratene Ullrich hatte sich fest vorgenommen, die Tour im Jahr eins nach Lance Armstrong zum zweiten Mal zu gewinnen. „Als wir heute morgen ein Fax des Tour-Veranstalters ASO mit den Namen der Fahrer, gegen die die spanische Polizei ermittelt, erhalten hatten, mußten wir reagieren. Die neuen Erkenntnisse reichen aus, daß wir sagen: Es ist unmöglich, mit den drei weiterzuarbeiten. Selbstverständlich werden Ullrich, Sevilla und Pevenage die Möglichkeit haben, ihre Unschuld zu beweisen“, sagte Christian Frommert, der Kommunikations-Leiter von T-Mobile.

DNA-Analyse?

Eine DNA-Analyse von Ullrich sei laut T-Mobile-Sprecher Luuc Eisenga jetzt eine Möglichkeit, die Unschuld zu beweisen. Die spanischen Ermittler haben Indizien, daß Ullrich und Sevilla mit Blut, das roten Blutkörperchen angereichert wurde, manipuliert haben könnten. In der Praxis der Mediziner Eufemiano Fuentes und Merino Batres, gegen die die spanischen Polizei ermittelt, waren Blutbeutel und Unterlagen gefunden worden, die auf Ullrich hinwiesen.

„Ich glaube, Jan wollte nach einem möglichen Toursieg seine Karriere sowieso beenden. Jetzt muß er es eben drei Wochen früher tun“, sagte seine ehemaliger Team-Kollege und „Eurosport“-Kommentator Jens Heppner, der 1997 mithalf, Ullrich zum Toursieger zu machen. Zur selben Zeit fuhr auch Rolf Aldag an Ullrichs Seite. „Das ist jetzt natürlich ganz hart, aber vielleicht auch eine Chance für den Radsport, richtig aufzuräumen. Wenn man fünf Millionen verdient, ist die Neigung vielleicht größer, große Risiken auch für die eigene Gesundheit einzugehen. Ich glaube, daß der Radsport jetzt größere Lehren aus dieser Affäre zieht, als er es 1998 nach dem Tour-Skandal tat“, sagte Aldag, der für das ZDF kommentiert.

„Eine fürchterliche Niederlage“

Die neun für die Tour vorgesehenen T-Mobile-Fahrer waren im Mannschaftsbus auf dem Weg vom Teamhotel nach Plobsheim, wo rund 200 Journalisten warteten. Die Fahrer erfuhren telefonisch von der Entscheidung des Sponsors. Sie drehten sofort um Richtung Teamhotel „Au Bouef“, das bereits von Reportern belagert wurde. Erst nach erbrachtem „Beweis der Unschuld“ (Pressesprecher Stefan Wagner) sei eine Vertragverlängerung des zum Ende des Jahres auslaufenden Ullrich-Kontraktes diskutabel. Der Kapitän verdient bei T-Mobile pro Saison schätzungsweise rund 2,5 Millionen Euro. Dazu hat er mehrere lukrative Werbeverträge, die jetzt sicher einer besonderen Prüfung unterliegen.

„Das wäre natürlich für Jan eine fürchterliche Niederlage“, sagte Ullrichs früherer Trainer Peter Becker dem Nachrichtensender N24: „Ich bin im Moment sehr aufgelöst, aufgebracht und unglaublich traurig. Es ist unglaublich, 15 Jahre hat man hart gearbeitet, da finde ich keine Worte mehr, das ist eine Katastrophe. Da hat man eine Höhenkammer für 120.000 Euro im Keller, damit kann man alles auf saubere Art und Weise erreichen, und trotzdem fällt er diesen Strolchen und Betrügern in die Hände. Wer hat ihn beraten, wer hat ihn betreut, seit ich nicht mehr bei ihm bin? Er ist eigentlich alt genug, um zu wissen, wem er sich anvertraut. Ich möchte es einfach noch nicht glauben, es ist unfaßbar.“

Auch ein weiterer ehemalige Trainer von Ullrich, Peter Sager, reagierte geschockt. „Das ist der Hammer. Ich kann es immer noch nicht glauben, und will es nicht glauben. Ich denke, Jan sollte in die Offensive gehen und eine DNA-Analyse machen, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Da kann so viel manipuliert worden sein. Ich bin einfach nur traurig und muß alles erst einmal sacken lassen“, sagte Sager.

Hintergrund: Blutdoping

Eine DNA-Analyse der verdächtigen Blutproben aus einer Madrider Praxis kann den unter Doping-Verdacht stehenden Radprofi Jan Ullrich entlasten - aber auch überführen. Die entscheidende Frage ist, ob die DNA der Proben mit Ullrichs Erbsubstanz übereinstimmt. Ist das der Fall, wäre bewiesen, daß der T-Mobile-Profi mit dem Labor zusammengearbeitet hat - und mutmaßlich sein Blut zur Anreicherung mit roten Blutkörperchen „gespendet“ hat. Ist das nicht der Fall, läge kein Hinweis auf Eigenblutdoping mehr vor (Siehe auch: Doping: Im Menschenlabor).

Beim Eigenblutdoping wird einem Sportler in den Wochen vor einem Wettkampf zwischen einem halben und einem Liter Blut entnommen. Der Körper bildet dann im Laufe mehrerer Wochen rote Blutkörperchen (Erythrozyten) nach. Wenn das entnommene Blut dann retransfundiert wird, erhöht sich die Konzentration (Hämatokrit) der roten Blutkörperchen. Dadurch kann das Blut mehr Sauerstoff transportieren, so daß die Ausdauerleistung steigt. Eigenblutdoping ist verboten, der Nachweis im Körper aber unmöglich. Allenfalls kann ein erhöhter Hämatokritwert einen Hinweis darauf geben.

Mit Hilfe einer DNA-Analyse kann sicher festgestellt werden, ob die Blutkonserven Ullrich zuzuordnen sind, wie es die Unterlagen der spanischen Ermittler nahe legen. Die Wahrscheinlichkeit, daß der so genannte genetische Fingerabdruck bei zwei Menschen übereinstimmt, wird auf 1 zu 30 Milliarden geschätzt. Eine solche Analyse ist in einem entsprechend ausgerüsteten Labor binnen weniger Stunden - und damit auch bis zum Start der Tour de France - möglich. Selbst wenn der Test negativ ausfiele, bestünde noch die Möglichkeit, daß fremdes Blut zum Doping benutzt werden sollte. Fremdblutdoping ist jedoch mit weit höheren Risiken verbunden und zudem seit 2003 nachweisbar.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa, sid und AP
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb

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