Von Wolfgang Scheffler, London
07. Juli 2008 Es gibt nur ein Wort, um dieses Wimbledon-Finale zu beschreiben: Wahnsinn. Aber am Ende des mit 4:47 Stunden mit Abstand längsten und besten Endspiels in der Geschichte des Turniers steht fest: Der Beste der Saison ist jetzt auch der Beste auf Rasen. Oder etwas blumiger ausgedrückt: Der Sandplatz-König herrscht jetzt auch auf Gras.
Am Sonntag entthronte der Spanier Rafael Nadal bei den 122. All England Lawn Tennis Championships Roger Federer. Der Weltranglistenzweite besiegte den Schweizer Branchenführer 6:4, 6:4, 6:7 (5:7), 6:7 (8:10) und 9:7. Aber der bisherige Souverän von Wimbledon räumte seinen Thron erst nach einem großartigen Kampf und erbittertem Widerstand.

Gewonnen
Im Abendlicht erlebt Rafael Nadal den größten Augenblick seiner Karriere
Er kam nach einem 0:2-Satzrückstand zurück, gewann den Tiebreak im dritten Satz dank vier Assen. Er wehrte im Tiebreak des vierten Satzes zwei Matchbälle mit einem Ass und einem glanzvollen Rückhand-Passierschlag ab. Auch im fünften Satz gab sich der Titelverteidiger erst geschlagen, nachdem er beim dritten Matchball einen krachenden Rückrand-Return an Nadal vorbeigejagt hatte.
Aber beim vierten Anlauf schaffte es Nadal: Um 21:15 Uhr Ortszeit im Zwielicht des Abends erlebte der Spanier doch noch den größten Augenblick seiner Karriere. Federer schlug eine Vorhand ins Netz. Nadal warf es um, rücklings lag er auf dem Boden, kletterte weinend zu seinen Eltern und seinem Trainer, seinem Onkel Toni Nadal auf die Tribüne und bis in die königliche Loge, wo er sich vom spanischen Kronprinzenpaar Felipe und Letizia beglückwünschen ließ.
Nadal gewinnt das Triple aus French Open, Queen's Club und Wimbledon
Es ist unmöglich zu erklären, was passiert ist. Ich bin unheimlich glücklich. Wimbledon ist mein Lieblingsturnier. Den größten Spieler aller Zeiten zu schlagen - für mich ist das ganz, ganz wichtig, sagte der überglückliche Sieger noch auf dem Platz bei der Siegerehrung. Es war der 24. Sieg in Folge auf Sand und Rasen für den 22 Jahre alten Mallorquiner. Er ist damit nicht nur der zweite Spanier nach Manuel Santana (1966), der auf dem Centre Court im Londoner Südwesten triumphierte, sondern auch der erste Profi, der das Triple mit French Open, dem Rasenturnier im Londoner Queen's Club und dem Saisonhöhepunkt in Wimbledon schaffte.
Es war bereits der sechste Turniersieg für den Linkshänder aus Manacor in diesem Jahr - und wahrscheinlich war der fünfte bei einem Grand-Slam-Turnier, der zweite in diesem Jahr nach seinem vierten Erfolg bei den French Open, der schönste Sieg seiner Laufbahn.
Diese Schlappe wird bei Federer einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen
Für den Schweizer Primus Roger Federer ging an diesem regnerischen Sonntag, an dem das Endspiel wetterbedingt mit einer halben Stunde Verspätung erst um 14:35 Uhr Ortszeit begann und beim Stand von 5:4 für Federer im dritten Satz und beim 2:2 im fünften Satz zweimal wegen Regens unterbrochen werden musste, eine lange Serie zu Ende.
Nach zehn Turniersiegen auf Gras, nach fünf Erfolgen in Wimbledon, nach 64 Siegen auf dem einzig natürlichen Tennisgrund, nach 40 Siegen bei seinem Lieblingsturnier kassierte der Schweizer eine nicht ganz unerwartete Niederlage - aber eine Schlappe, die einen bitteren Nachgeschmack bei ihm hinterlassen wird. Denn der Titelverteidiger dominierte über weite Strecken in den ersten drei Sätzen das Geschehen - und gewann doch nur den dritten Satz.
Der Weltranglistenerste nutzte nur eine von 13 Breakchancen
In den ersten beiden Sätzen zeigte er ungewohnte Schwächen. Ausgerechnet der Maestro, dem alles so leicht von der Hand zu gehen scheint, wirkte bei den big points, in den entscheidenden Phasen, zögerlich, unsicher, ja fast gehemmt. Denn wenn sich Federer die Chance bot, den Aufschlag von Nadal zu durchbrechen, ließ der 26 Jahre alte Basler diese Gelegenheiten leichtfertig verstreichen. Federers Bilanz war erschreckend: Nur eine von dreizehn Breakchancen nutzte er, viel zu wenig für einen Mann seiner Klasse.
Nadal nutzte seine 13 Gelegenheiten dagegen zu vier Breaks. Aber was heißt schon Schwächen in einem Match, in dem beide mit ihrer Schlagfertigkeit brillierten, aus unmöglicher Lage Gewinnschläge anbrachten und Bälle erreichten, die eigentlich nicht zu erreichen waren?
Es gibt keinen Zweifel, wer derzeit die Nummer eins im Tennis ist
Es war ein Duell, wie es die Tenniswelt noch nie gesehen hatte. Viele packende Auseinandersetzungen von der Grundlinie, Ballwechsel um Ballwechsel von einer Klasse, wie sie im Moment im Welttennis nur diese beiden großen Champions zelebrieren können, rissen die 15.000 auf dem vollbesetzten Centre Court zu Begeisterungsstürmen hin.
Dem großen Verlierer blieb nur, die Leistung seines Bezwingers anzuerkennen: Ich habe alles versucht. Aber ich bin ein bisschen spät ins Spiel gekommen. Rafa ist ein würdiger Champion. Er hat phantastisch gespielt. Auch Nadal lobte seinen Gegner: Roger ist immer noch der Beste, immer noch die Nummer eins in der Welt. Das mag die Weltrangliste so sehen, doch nach seinen zwei Finalsiegen gegen Federer in Paris und Wimbledon gibt es keinen Zweifel, wer derzeit die Nummer eins ist: Rafael Nadal.

Eine Pose, gerichtet an die Augen der Welt: Rafael Nadal hat Roger Federer in Wimbledon besiegt
Text: FAZ.NET mit dpa
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS