Rallye-Kommentar

Jenseits von Afrika

Von Bernd Steinle

15. Mai 2008 Die Rallye Dakar hat vieles überstanden. Diebstähle, Überfälle, Entführungen, Unglücke. Mehr als fünfzig Menschen kamen in dreißig Jahren Dakar ums Leben, darunter auch der Gründer der Wüstenrallye, der Franzose Thierry Sabine, der im Januar 1986 bei einem Hubschrauberabsturz in Mali starb.

Ob Sabines Hinterlassenschaft freilich auch das Jahr 2008 übersteht, wird mehr und mehr zur Ansichtssache. Nicht nur, weil das Rennen im Januar erstmals wegen Terrordrohungen abgesagt wurde. Sondern vor allem, weil der Veranstalter ASO nun die Strecke für die Rallye Dakar 2009 bekanntgab. Und die verläuft Tausende von Kilometern von Dakar entfernt – von Buenos Aires in Argentinien nach Valparaiso in Chile und über die Atacama-Wüste zurück nach Buenos Aires. Ein ziemlich dreister Fall von Etikettenschwindel.

Hinübergerettet in die schöne, neue, sichere Rallyewelt

Die Rallye hat sich nie sklavisch an ihre klassischen Eckpunkte Paris und Dakar gehalten. 1992 ging es von Paris nach Kapstadt, 2003 von Marseille nach Sharm al Scheich. Doch das gemeinsame Band hieß immer: Afrika. So war es im Sinne Sabines, so war es im Sinne der Fahrer. Die Essenz der Dakar, das waren immer die endlosen Fahrten durch Steinwüsten und Sanddünen, die Wüstennächte im Camp oder im Biwak, die erlösende Ankunft am Atlantik.

Es ist kein Zufall, dass auch die Dakar 2009 am Atlantik enden wird. Schließlich bemüht sich die ASO nach Kräften um Kontinuität, es wird jede Menge Schotter- und Sandpisten geben und in der Atacama-Wüste auch die gewaltigen Dünen, die das Dakar-Feeling in die schöne, neue, sichere Rallyewelt hinüberretten sollen. Was es freilich nicht geben wird, ist: Afrika.

Die Rallye hat es den Kritikern oft leichtgemacht

Fragt sich, warum die Organisatoren sich auf das bizarre Transfer-Experiment eingelassen haben. Warum sie nicht die Dakar Dakar sein ließen und anerkannten, dass 2008 ein Ende markiert, vielleicht aber auch einen neuen Anfang. Mit dem Ausritt nach Südamerika stoße die Dakar „in eine neue Dimension“ vor, ließ schließlich auch Rallye-Direktor Etienne Lavigne verlauten. Für ihn aber lebt die Dakar vor allem im „Willen, neue Entdeckungen zu machen und in der Fähigkeit, sich dem Unbekannten zu stellen“.

Und die lassen sich in Argentinien und in Chile genauso erproben wie in Mauretanien und in Senegal. Ob die Fahrer das auch so sehen, ist zweifelhaft. Manche von ihnen schworen schon nach der Absage 2008, die Dakar sei für sie erledigt, für andere, vor allem viele Hobbyfahrer, wird der organisatorische und finanzielle Aufwand durch die Verlegung nach Südamerika schlicht zu groß.

Die Rallye Dakar hat es ihren Kritikern oft leichtgemacht. Noch nie aber so leicht wie mit dem verzweifelten Spagat zwischen Tradition und Neustart, mit einer Dakar-Rallye, die Afrika nur noch im Namen führt. „Viva el Dakar“, preist Lavigne die kommende Südamerika-Variante der Wüstenrallye an. „Adios Dakar“ wäre ehrlicher.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

 
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