Von Wolfgang Scheffler
20. Mai 2008 Neun Turniere, neun verpasste Cuts, kein Cent Preisgeld, ein Rundendurchschnitt von mehr als 75 Schlägen - eine traurige Bilanz für jeden Profigolfer. Für David Duval, der am Wochenende bei der AT&T Classic in Duluth/Georgia nach Runden von 78 und 77 Schlägen zum neunten Mal in diesem Jahr von einem Turnier der amerikanischen PGA Tour vorzeitig abreisen musste, sind solche Resultate geradezu erschütternd.
Denn der 36-jährige Amerikaner galt einmal ganz offiziell - im April 1999 - als der Beste der Welt. Zwischen 1997 und 2001 gewann er 13 Mal auf der PGA Tour, feierte dazu noch fünf Turniersiege im Rest der Welt. Mit dem Triumph bei den British Open 2001 gelang ihm endlich der lange überfällige Erfolg bei einem der vier Majors - nachdem er dreimal knapp an einem Erfolg beim Masters (1998, 2000, 2001) vorbei geschrammt war. Doch die Krönung auf dem Platz des Royal Lytham & St. Annes Golf Club an der Westküste von England gab ihm nicht den Schub, noch einmal den Branchenprimus Tiger Woods herauszufordern. Nach Duvals größtem Triumph ging es nur noch abwärts, steil abwärts - und ein Ende des freien Falls, der ihn bis auf derzeit Rang 952 der Weltrangliste abstürzen ließ, ist noch immer nicht in Sicht.
Sechs Schwunggurus und zwei Mentalcoaches verschlissen
Alles fing damit an, dass ich 2002 Rückenschmerzen bekam. Ich habe dann so geschwungen, dass mir nichts wehtat, beschreibt Duval die Gründe für seine nun schon mehr als sechs Jahre anhaltende Krise. In dieser Zeit hat er Rat bei sechs Schwunggurus und zwei Mentalcoaches gesucht. Es half nichts. Mittlerweile ist er zu seinem Vater Bob Duval, der auf der amerikanischen Champions Tour spielt, und seinem alten College-Coaches Puggy Blackmon zurückgekehrt.
Jetzt versucht er auch wieder so zu schwingen wie in seinen Glanzzeiten, mit einem starken Griff und einer relativ starken seitlichen Bewegung des Kopfes. Bisher ohne großen Erfolg, auch wenn er behauptet: Ich bin viel näher dran, sehr gut Golf zu spielen, als meine Ergebnisse es vermuten lassen.
Ich muss mindestens zehn Kilo abspecken
Duval schwärmte vor seinem letzten Auftritt in Georgia noch einmal in Erinnerung an seine Glanzzeiten, in denen er knapp 17 Millionen Dollar Preisgeld verdiente und von Nike von 2000 bis 2005 als Werbeträger pro Jahr mehr als sechs Millionen Dollar kassierte: Wenn ich gut schwinge, trifft niemand den Ball besser als ich. Dann fliegt der Ball immer schnurgerade. Doch davon ist der Mann derzeit weit entfernt. Immer wieder schleichen sich fürchterliche Hooks in sein Spiel ein, Bälle verschwinden mit dem bei Profis gefürchteten Linksdrall im tiefen Rough oder gar im Aus. Und um sich davor zu schützen, blockt er den Ball nach rechts weg.
Mir geht es so wie Millionen Golfer in aller Welt: Wenn ich am Abschlag stehe, weiß ich nicht, ob mein Ball gerade, nach rechts oder links fliegt. Wenn man nicht eine Hälfte des Golfplatzes eliminieren kann, dann ist es sehr schwer, gutes Golf zu spielen, besonders als Profi, beschreibt Duval ganz nüchtern sein Schwierigkeiten. Aber noch etwas hat er mit Millionen Hobbygolfern gemein: Ich muss mindestens zehn Kilo abspecken.
90 Prozent im Golf sind mental
Denn Duval, der nach einem eisernen Fitnessprogramm in den Jahr 2000 bis 2002 so athletisch wirkte wie Tiger Woods, sieht wieder so füllig aus wie in den Anfangsjahren seiner Karriere. Dafür, so behauptet Duval, sei er jetzt privat glücklicher als jemals zuvor.
2004 heiratete er die vier Jahre ältere Susie Persichitte, eine Mutter von drei Kindern. Er zog zu ihr von seiner Heimatstadt Jacksonville/Florida nach Denver/Colorado. Mittlerweile haben die beiden zwei gemeinsame Kinder, einen zweijährigen Sohn und seit August 2007 noch die Tochter Sienna Violet. Der jüngste Familienzuwachs war auch dafür verantwortlich, dass Duval im Vorjahr nach einem hoffnungsvollen Start die Saison vorzeitig beendete. Seine Frau musste die letzten sieben Monate der Schwangerschaft im Bett verbringen, so dass er sich um die vier Kinder kümmern musste. An Golf war da nicht zu denken.
Spielberechtigung nur dank Familienkrise
Nachdem er schon 2007 nur auf Grund einer so genannten Exemption der Top 25 der Career Money List, also der Spieler, die im Laufe ihrer Karriere am meisten Geld einspielten, mitmachen durfte, beantragte er für dieses Jahr eine Medical Exemption. Die wurde zunächst abgelehnt, doch dann schuf die Tour die neue Kategorie Family Crisis, so dass Duval auch für dieses Jahr eine Spielberechtigung für die PGA Tour besitzt. Wie lange noch, ist die Frage, denn mindestens 730.000 Dollar muss in diesem Jahr er spielend verdienen, um sich auch für 2009 seinen Arbeitsplatz zu sichern.
90 Prozent im Golf sind mental, sagt der Australier Ian Baker-Finch, der ebenso wie Duval nach einem British-Open-Sieg (1991) seinen Schwung verlor und mittlerweile als Fernsehkommentator arbeitet, und die restlichen zehn Prozent sind im Kopf. Ob Duval den Kopf noch einmal frei bekommt, ob er noch einmal in die Weltklasse zurückkehrt, ist derzeit zweifelhafter als je zuvor. Aber eines hat Duval erreicht: Der Mann, der früher mit seiner dunklen Oakley-Sonnenbrille unnahbar wirkte, sich von Fans und Medien abschottete, ist auf einmal zugänglich geworden, ja er kann sogar mit Humor über seinen Absturz reden. Die Fans, die auf dem Golfplatz meist auch nicht wissen, welchen Weg ihr Ball einschlägt, lieben ihn neuerdings. Er ist einer von ihnen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP