16. Oktober 2005 Thomas Hellriegel saß im Medizinzelt, auf einem weißen Campingstuhl, leer und ausgebrannt, bewegungslos, gezeichnet von einem langen, heißen, zerstörerischen Tag. Dann hob er den Finger, die Hand und winkte. Der Mann in Badehose, der in Richtung Dopingkontrolle humpelte, sah sein Zeichen, lächelte und kam zu ihm herüber. Faris Al-Sultan hatte vor einer Stunde den Ironman Hawaii gewonnen, eine der größten Herausforderungen, die der Sport zu bieten hat, und Hellriegel war 1997 der erste deutsche Sieger auf Big Island gewesen.
Al-Sultan - sein Vater ist Iraker, er ganz Münchner - drückte Hellriegel die Hand und tat in der Stunde seines größten Triumphes etwas Ungewöhnliches, etwas, das seine Art beschreibt. Er dankte Hellriegel. Er habe dessen Sieg im Fernsehen verfolgt, damals war er 19 Jahre alt, das sei seine Inspiration gewesen. Wenn du nicht gewesen wärst, würde ich heute Golf spielen oder bergsteigen, sagte er. Aber dann wollte ich Hawaii gewinnen, und ich wollte gewinnen so wie du (Siehe auch: Ironman-Sieger Al-Sultan im Interview: Ich bin kein Typ für einen Manager).
Ein Glücksfall für den Triathlon
Das ist ihm am Samstag gelungen. Al-Sultan schwamm gewohnt schnell, fuhr mit dem Rad mutig vorneweg und ließ sich seinen Vorsprung auch beim abschließenden Marathonlauf nicht mehr nehmen. Seine Zeit von 8:14:17 Stunden zählt zu den besten jemals auf Hawaii erzielten Ergebnissen. Keine Rolle spielte der Sieger des vergangenen Jahres, Normann Stadler, der nach zwei Radpannen aufgab. Zweitbester Deutscher auf Rang zehn wurde Stephan Vuckovic nach 8:29:35 Stunden - eine famose Leistung des Olympiazweiten von Sydney bei seinem Debut auf Hawaii. Hellriegel, erst im September vom Pfeifferschen Drüsenfieber genesen, belegte Rang 42. Bei den Frauen gab es das gewohnte Ergebnis: Die Schweizerin Natascha Badmann gewann den Klassiker zum sechstenmal, sie war nach 9:09:30 Stunden im Ziel.
Mit Faris Al-Sultan ist ein Mann auf dem Olymp des Triathlon angekommen, der erst 27 Jahre alt ist - und damit eigentlich zu jung für die mörderische Langstrecke, die über 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen führt. Doch der Münchner ist nicht nur sportlich seiner Zeit voraus, er ist auch sonst ein Glücksfall für den Triathlon. Einer, der seinen Sport mit Leidenschaft betreibt, ihn aber in seinem Leben einzuordnen weiß. Ein kritischer, ein frischer Geist, dem der Körperkult, der im Triathlon bis zur Lächerlichkeit verbreitet ist, ebenso ironisch gegenübersteht wie der überschäumenden Kommerzialisierung des Ironman-Labels. Und er gilt als untadeliger Sportsmann. Vuckovic war vom Sieg des Konkurrenten geradezu entzückt. Er hat es sportlich und menschlich zu hundert Prozent verdient, sagte er. Ich habe allerhöchsten Respekt vor ihm (Siehe auch: Ironman: Stadler muß den Mann der leisen Töne fürchten).
Gestern war ich bei Burger King
Rund 40.000 Euro, erzählt man, habe Al-Sultan, der nebenbei Geschichte und Kultur des Nahen Orients studiert, im vergangenen Jahr mit seinem Sport verdient. Da war er schon Dritter auf Hawaii, geschäftstüchtig ist er demzufolge nicht. Daß ihm der Sieg auf Big Island an diesem Wochenende auf einen Schlag 115.000 Dollar gebracht hat, merkte man dem bayrischen Charismatiker nicht an. Als er sich von Hellriegel verabschiedet hatte, schlurfte er durch die langen Gänge des noblen Kamehameha-Hotels in Richtung Dopingkontrolle, ein dünner junger, unrasierter Mann mit Pferdeschwanz, der nur auffiel, weil er nichts als eine Badehose trug. Als er die Pflicht erfüllt und die Proben abgegeben hatte, waren noch zwei Stunden Zeit bis zur Pressekonferenz.
Und weil Al-Sultan Hunger hatte, ging er mit Manfred Wandinger und dessen Sohn essen, um die Ecke im Schnellimbiß Taco Bell. Wandinger ist Al-Sultans Nachbar in München, ein freundlicher Bayer gesetzten Alters, der ihn schon als Baby kannte und seine Triathlonkarriere seit Jahren unterstützt. Al-Sultan hatte sich zwischenzeitlich auf dem Parkplatz Shorts und Shirt übergezogen, am Taco-Bells-Schalter wußte niemand, wer da gerade eine bunte Mischung von Burritos bestellte, während draußen auf der Palani Road die Triathleten in langer Schlange dem Ziel entlangkeuchten. Irgendwann kam eine Ironman-Funktionärin durch die Tür, vom Heißhunger getrieben - und wäre schier ohnmächtig geworden: Der Weltmeister, der Hawaii-Champion, ißt nach seinem Sieg bei Taco Bell? Warum nicht, fragte Al-Sultan. Ein bißchen Abwechslung muß sein, gestern war ich bei Burger King.
Wenn ich einmal stehenbleibe, bin ich erledigt
Und so saßen sie da und ließen den großen Tag noch einmal Revue passieren: das Schwimmen, bei dem ein unbekannter Japaner Al-Sultan behindert hatte, das Radfahren, bei dem er in Führung liegend bei Kilometer 120 wegen einer Muskelverhärtung das Tempo drosseln mußte, und schließlich das Laufen, in das er mit rund vier Minuten Vorsprung ging. Vier Minuten vor Peter Reid, dem dreifachen Hawaii-Sieger und Laufspezialisten, das war nicht viel. Wenn du ihm eine Chance gibst, nutzt er sie, sagt Al-Sultan. Wenn du ihm ein Butterbrot hinlegst, frißt er es auf und dich dazu. Also hat er versucht, den Vorsprung zu halten, keine Schwäche zu zeigen, doch sicher war er sich seiner Sache nicht. Wieder hat er an Hellriegel denken müssen. Zweimal, 1995 und 1996, war der Altmeister drei Kilometer kurz vor dem Ziel abgefangen worden.
Zehn Meilen vor dem Ende spürte Al-Sultan die ersten Anzeichen eines Krampfes, der Vorsprung auf Reid war zwar auf sechs Minuten gewachsen, aber noch war nichts gewonnen. Al-Sultan rechnete: Ich hätte pro Meile eine halbe Minute verlieren können. Aber ich dachte, wenn ich einmal stehenbleibe, bin ich erledigt, dann zieht Reid noch einmal an. Was Al-Sultan nicht wußte: Auch der Kanadier war in Schwierigkeiten, die extreme Hitze hatte auch ihm zugesetzt, er konnte nicht einmal seinen zweiten Platz gegen den Neuseeländer Cameron Brown verteidigen.
Am Ende eines langen Tages war bei Taco Bell am Tisch von Al-Sultan ein Burrito übriggeblieben. Der Hawaii-Sieger war satt. Jetzt fährst du noch eine Runde Radl, sagte Manfred Wandinger. Dann hast wieder einen Hunger. Das ging Faris Al-Sultan dann doch ein bißchen weit. Er hat den Burrito, Modell supreme, eingepackt und mitgenommen.
Text: F.A.Z. vom 17. Oktober 2005
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