Tennis-Tagebuch

Ein Kronprinz für die Business Class

Von Andrea Petkovic

25. Juli 2007 „Ich fühle mich wie eine Kuh auf Eis.“ Dieser Tennissatz stammt von Maria Sharapova, die damit ihre Bewegungsunmöglichkeiten auf roter Asche beschrieb. Ich bin weder Maria Sharapova, noch fühle ich mich wie eine Kuh auf Eis, was roten Sand betrifft. Aber reden wir von Rasen und dem berühmtesten Turnier der Welt, Wimbledon, so konnte ich diesen Satz nachvollziehen, auch wenn es ein Storch im Schlamm, der ein bisschen durch die Gegend stapft, vielleicht besser trifft

Meine Premiere auf Rasen war für mich eine Versicherung, dass das Kind in mir noch lebt. Verhaltenstechnisch als auch bewegungsmotorisch befand ich mich in der Qualifikation von Wimbledon auf dem Stand einer Vier- bis Sechsjährigen. Ins Detail möchte ich nicht gehen, es sei nur gesagt, dass ich kläglich unterging und das gegen eine Japanerin namens Takao, die sich beim Händeschütteln auf die Zehenspitzen stellen musste, um meine Hand überhaupt zu erreichen.

Im Land der aufgehenden Sonne

Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen und so packte ich meine Siebensachen, um mich mit den Fed-Cup-Kolleginnen Tatjana Malek, Anna-Lena Grönefeld, Angelique Kerber, Barbara Rittner und unserer Physiotherapeutin Lilly Panzer auf den Weg ins Land der aufgehenden Sonne, des Sushis und der beheizten Kloschüsseln zu machen – Japan. Für den nötigen Testosteronspiegel sorgten Sportdirektor Klaus Eberhardt, Doc Ulf Blecker und Kotrainer-Kameramann Dirk Dier. Um den Teamgeist zu stärken, eroberten wir zunächst das Herz des Frankfurter Flughafens, McDonald’s. Wenn uns hier schon niemand aufhalten konnte, wie sollten es dann die Japaner schaffen?

Als die Fed-Cup-Begegnung Japan gegen Deutschland das letzte Mal ausgetragen wurde, traten Steffi Graf und Anke Huber gegen zwei unbekannte Japanerinnen in Japan an – und verloren. Der damalige Teamchef war Klaus Hofsäss, der heute auf seinem Berg in Marbella sitzt und eine Tennisschule führt. Das konnte natürlich auch er nicht auf sich sitzen lassen und so beschloss er kurzerhand, weder Kosten noch Mühen scheuend sich mit seinem Sohn ebenfalls nach Toyota zu begeben (diese Stadt wurde tatsächlich wegen der Automarke umbenannt).

Nachdem wir hinreichend die japanische Höflichkeit und die unglaublich hohen Preise (ein Menü, der Essmenge nach für Zwerge konzipiert, kostet 80 Dollar) bewundert hatten, begann das Training. Eigentlich ging es mir prächtig, bis ich den Platz in der Sky Hall betrat, der erschreckend an Rasen erinnerte. Da war es nur gut, dass ich nicht für das Einzel vorgesehen war. Trotz dieser widrigen Umstände trainierte ich mich in einen Rausch, so dass ich die Trainingssätze gegen meine Teamkolleginnen allesamt gewann.

Der Kronprinz und der Supertaifun

Dennoch fand die eigentliche Vorbereitung neben dem Platz statt, denn es hieß, das Team zusammenzuschweißen, wie damals, als wir in Fürth gegen Kroatien gewannen. Die allseits beliebte und von allen vermisste Sandra Klösel war durch Angelique Kerber ersetzt worden, was zwar das Durchschnittsalter auf 20 Jahre senkte, nicht aber den Teamgeist und den Willen, wieder erstklassig zu werden.

Wir machten uns auf, Toyota zu erkunden, das in der Intensität des Lebens, der Energie der Stadt und der Einwohnerzahl in etwa Bad Saulgau entspricht. Auf Schritt und Tritt wurden wir von unserer Dolmetscherin Yoko verfolgt. Ich hatte herausgefunden, dass an diesem Abend Sushi-Essen auf dem Programm stand und so machte sich das Team erneut auf zu McDonald’s, um den Magen schon etwas vorzufüllen. Im Handumdrehen stand der offizielle Abend vor der Tür, für den wir von Gerry Weber ausgestattet wurden. Man konnte dementsprechend nicht genau sagen, ob wir die Sportler des deutschen Teams waren oder bloß die Sekretärinnen, die vorgeschickt wurden.

Die Speisen, die Reden und die Geschenke, die wir bekamen; alles war sehr japanisch gehalten, womit sich Angelique leider bis zum Schluss nicht anfreunden konnte, da sie Fisch verabscheut und somit sicherlich bei zukünftigen Diätversuchen nach Japan aufbrechen wird. Es herrschte helle Aufregung, als bekannt wurde, dass am nächsten Tag nicht nur der japanische Kronprinz auf uns zukommen würde, sondern auch ein Supertaifun. Das war allerdings gar nichts im Vergleich mit der Tatsache, dass alle hundert Jahre ein starkes Erdbeben Toyota erschüttert, welches allerdings schon 120 Jahre ausgeblieben war und somit jede Minute eintreffen konnte.

Motivation durch Rocky Balboa

Als wir am nächsten Tag den hochgepriesenen Kronprinzen erblickten, durften wir ihm, weil Ausländer, sogar die Hand schütteln, während das japanische Team ihn nicht einmal ansehen durfte. Anfangs wollten wir Angelique Kerber mit dem Prinzen verkuppeln, damit sie uns Business-Class-Sitze für den Rückflug organisieren könnte, am Ende seines Auftritts waren wir jedoch überzeugt, dass diesen Job besser unser Sportdirektor übernehmen sollte. Der viel spannendere Taifun ließ sich auch nicht blicken und so waren wir ein wenig enttäuscht.

Der darauf folgende Morgen war schon der Spieltag und deshalb musste am Abend vorher noch der obligatorische Rocky-Balboa-Film her. So waren Tatjana Malek und Angelique Kerber optimal für den nächsten Tag eingestellt. Dieses Mal klappte auch die Nationalhymne einwandfrei, und während Anna-Lena Grönefeld für die perfekte Tonlage zuständig war, war mein Arbeitsfeld die optimale Lautstärke. Die 5000 Menschen fassende Toyota Sky Hall war voll ausgelastet und die lautstarken Nippon-Gesänge ließen uns ein wenig erschauern, denn unsere Fankurve war um einiges übersichtlicher gestaltet. Wir waren zehn, und wenn man mich und Klaus Hofsäss doppelt zählt, was man durchaus kann, zwölf.

Tatjana schien im Kühlschrank geschlafen zu haben, denn sie holte den ersten Punkt souverän mit 6:4, 6:3 und übte somit späte Rache an meiner Wimbledon-Bezwingerin Takao. Was danach folgte, war ein Krimi, den man selbst im besten Rocky-Film so nicht nachstellen könnte. Angelique musste sich nach hartem Kampf 5:7 im dritten Satz gegen Ayumi Morita geschlagen geben.

Der Showdown

Der nächste Tag präsentierte sich mit strahlendem Sonnenschein. Angelique ging als erste auf den Platz und der Druck, gewinnen zu müssen, und die Tatsache, dass dieses Wochenende ihr erster Fed-Cup-Auftritt war, hemmten sie und ließen nicht zu, dass sie ihr bestes Tennis auspackte. Somit stand es 1:2, wahrlich nicht das Wunschergebnis zu diesem Zeitpunkt. Gut, dass Tatjana sich nachts wieder in den Kühlschrank gelegt hatte und beim Stande von 1:2 die junge Morita bezwang. Es kam zum Showdown, zum entscheidenden Doppel zwischen Anna-Lena Grönefeld/Tatjana Malek und Ayumi Morita/Rika Fujiwara.

Anna-Lena hatte zwar eine gewaltige Krise hinter sich, aber in diesem Doppel spielte sie, als hätte es nie einen Trainer Rafael Font de Mora oder ein Formtief gegeben. Vom ersten Punkt an übernahm sie die Führungsrolle, Anna-Lena und Tatjana gewannen 6:3, 6:4, wir waren in die erste Weltgruppe aufgestiegen. Was danach folgte? Um kurz kitschig zu werden, ja, wir heulten vor Freude und Erleichterung,

Nun fragen Sie sicherlich, ob ich nicht enttäuscht war, weil ich keine Chance bekommen hatte, auch etwas zum Sieg hinzuzufügen außer meinem Geschrei draußen auf der Bank. Ich war so lange enttäuscht, bis wir alle im Freudentaumel aufeinander hingen und auch bei mir Tränen der Freude flossen – und ich heule nie. Ich habe nicht einmal als Baby geheult. Der Sekt, den wir danach auf leere Mägen zu uns nahmen, tat sein Übriges. Bis tief in die Nacht feierten wir im Hotel. Am nächsten Tag ging unser Flug Richtung Heimat, und ich weiß bis heute nicht genau, warum, aber wir flogen tatsächlich Business Class. Trotz Jetlag und zwölf Stunden Flug trug die Euphorie ihre Früchte. Zumindest bei mir. Ich gewann noch in derselben Woche mein erstes 50.000-Dollar-Turnier in Contrexeville, Frankreich.

Die 19 Jahre alte Darmstädter Tennisspielerin Andrea Petkovic ist seit ihrem Abitur im Frühjahr 2006 auf der Profitour unterwegs. Gestartet ist sie von Weltranglistenposition 376; in der kommenden Rangliste wird sie erstmals einen Platz unter den besten hundert Spielerinnen einnehmen. Im Sportteil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung/ Rhein-Main-Zeitung berichtet sie regelmäßig über ihr neues Leben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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