Hand- und Fußball

Der große Bruder will von Brand lernen

Von Rainer Seele

06. Dezember 2007 Heiner Brand ist wieder ganz in seinem Element: Er dirigiert die Handball-Nationalmannschaft zweimal in Schweden, an diesem Freitag und am Sonntag. Es ist der Abschluss eines goldenen Jahres für den deutschen Handball, aber die Zeichen stehen dabei auch schon wieder auf Aufbruch. In wenigen Wochen schließlich muss der Weltmeister sich bei der Europameisterschaft in Norwegen beweisen.

Das schwedische Intermezzo dient dabei als Test – für Bundestrainer Brand ist er ein wichtiger Gradmesser. In Kaiserau, wo sie sich auch während der Weltmeisterschaft aufhielten, hatten sich die Deutschen darauf eingestimmt. Kurz zuvor waren sie, hofiert als „Menschen 2007“, wieder einmal im Fernsehen zu sehen gewesen. Vermutlich wird dies nicht der letzte Auftritt dieser Art in diesem Jahr gewesen sein. Die gestiegene Akzeptanz des deutschen Handballs dokumentiert sich jedoch nicht allein in Ehrungen. Mancher möchte von ihm, vor allem von Brand, lernen – zum Beispiel der Deutsche Fußball-Bund (DFB).

„Wir schmoren nicht im eigenen Saft“

Der „große Bruder“ des Handballs scheut sich nicht, auf Brand zuzugehen – und zu eruieren, inwieweit seine Erfahrungen und Prinzipien für den Fußball relevant sein könnten. So soll der Gummersbacher im Februar, unmittelbar nach der Handball-EM, bei einer Trainertagung des DFB einen Vortrag halten. Vor Fußball-Lehrern, die Nationalteams betreuen, beginnend bei der Kategorie „U 15“. Regelmäßig nimmt an solchen Treffen auch Hansi Flick teil, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. Die Einladung von Brand geht auf eine Initiative des DFB-Sportdirektors Matthias Sammer zurück, der offensichtlich Reformen im deutschen Fußball vorantreiben möchte – und dabei auch von der Bereitschaft spricht, sich zu öffnen, mit anderen Sportarten zu kooperieren. „Wir schmoren nicht im eigenen Saft“, betont Sammer.

Heiner Brand 2007: Ehrungen, Ehrungen, Ehrungen Auch das: “Goldene Henne“ für Heiner Auftrag ausgefüllt Heiner und seine Jungs: „Gesamtpersönlichkeiten” Kretzschmar, Hens und Baur Fußball-Sportdirektor Sammer: „Wir wollen in die Weltspitze“

Er hofft nun auch, von Brand, dem Gesicht des nationalen Handballs, profitieren zu können. „Da muss es doch Fähigkeiten geben, die man sich zunutze machen kann.“ Dabei geht es in erster Linie um charakterliche Eigenschaften. Um Durchsetzungsvermögen etwa, um Siegermentalität, um Persönlichkeit schlichtweg. Darüber also soll Brand, Weltmeister als Spieler und als Trainer, den Fußball-Experten einiges erzählen.

Erhebliche Defizite in Sachen „Gesamtpersönlichkeit“

Sammer nämlich will erkannt haben, dass der Fußball in diesen Punkten noch deutlich zulegen könne – speziell im Bereich des Nachwuchses. Es mangelt ja nicht an Talenten, Sammer begründet dies mit der Arbeit in den Leistungszentren des Fußballs. „Der Fußball“, behauptet er, „ist auf dem richtigen Weg.“ Der Sportdirektor des DFB weist auf eine neue Qualität in der Ausbildung der Jungen hin – aber auch darauf, dass es bei ihnen in Sachen „Gesamtpersönlichkeit“ noch erhebliche Defizite gebe. „Die Individualität ist nicht über die Maßen erkennbar.“ Sie ist freilich – neben dem sportspezifischen Rüstzeug – nötig, um höchste Ziele zu erreichen. „Wir wollen in die Weltspitze“, sagt Sammer.

Er schätzt Brand als einen Mann, „der immer dieses Individuelle gelebt hat“. So wolle der DFB, möglichst zum eigenen Nutzen, nun versuchen, dieses Charakteristikum von Brand und auch „seine Erfolgsstory“ herauszuarbeiten. Brand, so Sammer, solle dem Fußball seine Denkweise darstellen. Der DFB möchte damit auch signalisieren, dass er die Leistungen des Handballs im Allgemeinen anerkenne. Sammer findet, dass dies eine „wichtige Botschaft“ sei.

Platz zwei in der Rangliste der beliebtesten Ballsportarten

Brand, der seinen Vertrag als Bundestrainer unlängst bis 2013 verlängert hat, ist sehr angetan von der Möglichkeit, sein Wissen – teilweise zumindest – an den DFB weitergeben zu können. „Ich freue mich, wenn von Sammer so was kommt.“ Womöglich wird er aus dieser Begegnung auch selbst Profit schlagen können. „Es ist immer interessant“, sagt der Gummersbacher, „über den Tellerrand zu schauen.“ Das „Modell Handball“ hat Brand in diesem Jahr schon einige Male beschrieben, beispielsweise in Husum vor Mitgliedern des nordfriesischen Wirtschaftsforums. Er referierte dabei über Teambuilding und Motivation. „Hier geht es um viele Dinge“, sagte der Vertreter einer Bank, „die für uns von großer Bedeutung sind.“

Der Austausch zwischen dem Fußball und dem Handball, der glaubt, Platz zwei in der Rangliste der beliebtesten Ballsportarten durch den WM-Titel zementiert zu haben, muss keine einmalige Sache bleiben. Sammer will aber erst mal abwarten, wie sich die Zusammenkunft im Februar gestaltet. Dann werde sich zeigen, ob „die Chemie passt“. Größere Bedenken freilich wird er wohl kaum haben.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa

 
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