Fußball-Weltmeister Lizarazu

„Ich bin jetzt der Kapitän meines eigenen Bootes“

Gute Figur auf dem Surfbrett: Fußball-Weltmeister Lizarazu

Gute Figur auf dem Surfbrett: Fußball-Weltmeister Lizarazu

15. Oktober 2007 Der frühere Profi und Fußball-Weltmeister Bixente Lizarazu im FAZ.NET-Interview über das Ende der Karriere, seine Liebe zum Surfen, den neuen FC Bayern mit Franck Ribéry und seinen Olympiatraum als Skeleton-Fahrer.

Ihre Karriere zu beenden ist für viele Sportler die schwerste aller Aufgaben. Manche sagen, es sei ein bisschen wie sterben. Sie haben vor einem Jahr Ihre Laufbahn als Fußballprofi beendet, wie geht es Ihnen heute?

Ich lebe. Aber als Fußballer stirbt man natürlich, wenn man nicht mehr jedes Wochenende spielt. Unter diesem Gesichtspunkt existieren wir nicht mehr. Wenn man aber andere Interessen hat, dann kann ein schönes zweites Leben beginnen. Was nicht stirbt, ist das Image, das man sich aufgebaut hat, und das kann man für seine Zukunft nutzen. Franz Beckenbauer spielt seit Jahren keinen Fußball mehr, dennoch ist er heute wichtiger denn je.

Wie sieht Ihr zweites Leben aus?

Ich arbeite für den französischen Fernsehsender Canal+, die Sporttageszeitung L’Equipe und Quiksilver. Ich spreche über die Dinge, die ich mag: den Fußball, das Wellenreiten und das Meer. Das alles habe ich dem Fußball zu verdanken. Nur deshalb habe ich diese Möglichkeiten. Auch als Sportler bin ich nicht gestorben. Sport war für mich immer mehr als ein Job, Sport ist mein Leben. Ich treibe jeden Tag zwei bis drei Stunden Sport. An einem Tag gehe ich surfen, weil die Wellen gut sind. An einem anderen Tag gehe ich Ski fahren, weil der Schnee perfekt ist. Oder ich gehe laufen. Ich bin immer noch ein leidenschaftlicher Sportler.

Und Fußball?

Nein, Fußball spiele ich nicht mehr. Es war wichtig für mich, einen Schlussstrich zu ziehen, vielleicht spiele ich in einem Jahr mal wieder. Sonst ist es zu schwer zu akzeptieren, dass man kein Profi mehr ist. Als ich in Australien war, musste ich bei der Einreise meinen Namen und meinen Beruf in ein Formular eintragen. Ich habe „Sport“ geschrieben, nicht „Fußballer“. Alles, was ich heute tue, hat seine Wurzeln im Sport.

Was ist der größte Unterschied zu Ihrer Zeit als Profi?

Ich bin froh, der Kapitän meines Bootes zu sein. Als Fußballspieler ist man nicht Kapitän seines Bootes, man ist von so vielen Dingen und Leuten abhängig. Jetzt mache ich nur noch die Sachen, die ich mag, das entspricht mehr meinem Charakter.

Wird es eine Rückkehr ins Fußballgeschäft geben, vielleicht als Trainer?

Nicht im Moment. Ich möchte noch nicht wieder in einem Klub arbeiten, ich spreche lieber im Allgemeinen über Fußball. Vielleicht wird der Wunsch eines Tages kommen. Aber wenn ich wieder im Fußball arbeite, würde ich es vorziehen, wie Uli Hoeneß zu arbeiten. Als Manager leistet man langfristige und vielseitige Arbeit. Als Trainer ist das komplizierter, man hat nur wenig Zeit. Manchmal nur ein Jahr, dann muss man wieder gehen.

Hat Uli Hoeneß bei Bayern München in dieser Saison wieder ein Team aufgebaut, das so stark ist wie das, das mit Ihnen 2001 die Champions League gewinnen konnte?

Das muss man abwarten. Nach dem Desaster im vergangenen Jahr haben sie gute Spieler eingekauft, jetzt haben sie wieder ein konkurrenzfähiges Team. Vor allem haben sie natürlich mit Ottmar Hitzfeld – wie damals in meiner Zeit – einen hervorragenden Trainer. Ich bin mir sicher, dass sie sich in der Bundesliga durchsetzen werden. Es ist schade, dass sie nicht in der Champions League dabei sind. Mit dieser Mannschaft hätten sie einiges erreichen können. Aber ob es eine neue Generation ist, ein neues Bayern München, ob sie die Champions League gewinnen können, muss man erst einmal abwarten. Sie sind auf einem guten Weg.

Genauso wie Sie damals mit Ihrem Defensivspiel die Liga beeindruckt haben, staunt Deutschland heute über Franck Ribéry. Haben Sie jemals gegen ihn gespielt?

Nein, er ist zu jung. Er hat in dieser Saison sehr gut begonnen, aber er wird nicht das ganze Jahr so spielen können, das ist unmöglich. Jeder Spieler hat auch mal ein Tief. Außerdem kennt jetzt jeder sein unglaubliches Potential. Ich bin sicher, er wird den Bayern weiterhelfen.

Sie surfen auch in sehr großen Wellen, haben Sie keine Angst?

Bis drei oder vier Meter Höhe ist es okay. Danach wird es ein bisschen schwerer. Aber ich bin ein Wettkampftyp, ich werde mich nie ändern. Ich muss herausfinden, wo meine Grenzen sind. Deswegen versuche ich, immer größere Wellen zu surfen, aber keine Zehn-Meter-Wellen.

Auf dem Fußballplatz waren Sie Weltklasse, auf dem Surfbrett sind Sie zwar Klasse, aber Ihr Bruder Peyo ist besser. Fällt es Ihnen schwer, nicht mehr die Nummer eins zu sein?

Wenn man einen Sport als Kind anfängt und alles dafür gibt, dann erreicht man die Spitze. Ich habe Fußball gespielt, seit ich acht Jahre alt bin. Es hat mich zwanzig Jahre gekostet, Weltmeister zu werden. Beim Surfen ist es genauso. Hochleistungssport erfordert volle Konzentration von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter. Mein Ziel ist nicht, professioneller Surfer zu werden, dafür ist es zu spät. Aber sich jeden Monat zu verbessern, das ist ein tolles Gefühl. Ich bin gut genug, um unter allen Bedingungen viel Spaß zu haben. Wenn man als Fußballer dreißig Jahre alt wird, kämpft man jeden Tag darum, sein Niveau zu halten, aber man kann sich nicht mehr verbessern, das ist frustrierend.

Waren Sie als Kind öfter auf dem Fußballplatz oder am Strand?

Als Kind war ich im Sommer immer am Strand. Auch im Winter, da haben wir am Strand Fußball gespielt. In meiner ganzen Karriere habe ich immer ein wenig Platz für das Surfen freigehalten, auch wenn es nur am Wochenende war. Diese Leidenschaft ist bei uns eine Familienangelegenheit, mein Vater war einer der Surfpioniere in Hendaye.

Ihr Sohn ist zwölf Jahre alt. Spielt er Fußball, oder geht er surfen?

Er ist Tennisspieler.

Soll er, wenn er gut genug ist, auch einmal Profisportler werden?

Im Augenblick will ich nur, dass er Spaß am Sport hat. Er soll machen, was er will. Wenn sich eines Tages die Frage stellt, werde ich ja sagen. Es ist eine unglaubliche Schule für das Leben. Wenn man die Möglichkeit hat, den Sport zu seinem Beruf zu machen, ist das wundervoll.

Ist es wahr, dass Sie als Skeleton-Fahrer zu den Olympischen Winterspielen wollen?

Ja, das stimmt, aber eigentlich weiß das noch niemand. Ich bin im vergangenen Dezember das erste Mal gefahren. Vor ein paar Monaten habe ich dann bei den Olympischen Spielen in Turin den Deutschen Willi Schneider kennengelernt, der hat seinen letzten deutschen Meistertitel mit vierzig Jahren (2003, die Red.) gewonnen. Also habe ich noch Zeit. Die Olympischen Spiele waren schon immer mein Traum, und vielleicht kann ich in drei Jahren teilnehmen. Natürlich kann ich nicht gewinnen, aber teilnehmen wäre eine prima Sache. Nach dem populärsten Sport einen absoluten Randsport zu betreiben, das finde ich eine tolle Idee.

Sie legen immer sehr viel Wert auf die Feststellung, dass Sie nicht nur ein Franzose, sondern auch ein Baske sind.

Dies hier ist mein Land, meine Erde, mein Herz. Das Meer und die Berge sind meine Kultur. Ich habe mit drei Jahren in den Pyrenäen Ski fahren gelernt und im Sommer in den Wellen getobt. Probleme wie im spanischen Teil des Baskenlandes gibt es hier nicht.

Aber in Ihrer Autobiographie schreiben Sie von einer Schutzgelderpressung der Eta.

Ja, das war im Jahr 2001, da hatte ich Probleme. Aber heute ist alles in Ordnung.

Das Gespräch führte Cai Tore Philippsen.

Der Baske, der die Viererkette zum FC Bayern brachte

In seiner Karriere hat Bixente Lizarazu alle Titel gewonnen, die ein Fußballspieler gewinnen kann. Mit der französischen Nationalmannschaft wurde der heute 37 Jahre alte Baske 1998 an der Seite seines Freundes Zinedine Zidane Weltmeister und 2000 Europameister. Sechsmal feierte der Abwehrspieler mit Bayern München die Meisterschaft (1999, 2000, 2001, 2003, 2005, 2006) und fünfmal den Pokalsieg (1998, 2000, 2003, 2005, 2006). Der wohl beste Linksverteidiger seiner Zeit gewann 2001 die Champions League und den Weltpokal.
Als er 1997 von Athletic Bilbao, aus dem spanischen Teil des Baskenlandes, für neun Millionen Mark Ablöse zu den Bayern kommt, spielen alle Bundesligaklubs noch mit einer Dreierkette. Mit dem Franzosen - taktisch geschult auf dem Internat von Girondins Bordeaux - hält die Viererkette zunächst in München und später in der ganzen Liga Einzug. Dass der 1,69 Meter große Lizarazu nicht übertreibt, wenn er sich selbst als „Hitzkopf“ bezeichnet, bekommt Lothar Matthäus zu spüren, als der kleine Baske ihn auf dem Trainingsplatz ohrfeigt. Dennoch war er nie Teil des FC Hollywood, der dem Boulevard täglich Schlagzeilen lieferte. In all den Jahren weigert er sich beharrlich, Deutsch zu lernen. 2001 stand er nach einer Schutzgelderpressung der baskischen Terrororganisation Eta auch in München unter Polizeischutz. Jahrelang schweigt er über diese Zeit.
Mit seiner früheren Lebensgefährtin Stephanie hat er einen mittlerweile zwölf Jahre alten Sohn, Tximidsta (baskisch „Blitz“). In Hendaye an der französisch-spanischen Grenze wird seit 2001 im „Stade Bixente Lizarazu“ gespielt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: : Eric Chauché / Quiksilver, AFP, Eric Chauché / Quiksilver, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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