14. September 2009 Von den deutschen Herren werden bei der Tischtennis-Europameisterschaft in Stuttgart Medaillen erwartet. Am Montag hat auch die Damennationalmannschaft die Voraussetzung dafür geschaffen, einen handfesten Beitrag zum sportlichen Gelingen der Veranstaltung zu leisten. Durch ein überraschend überzeugendes 3:0 über Italien im letzten Vorrundenspiel zog die Mannschaft von Bundestrainer Jörg Bitzigeio ins Viertelfinale ein. Zhenqi Barthel sorgte schon im ersten Einzel durch ein 3:2 über die höher eingestufte Nikoleta Stefanova für eine Art Befreiung. Wu Jiaduo gegen Laura Negrisoli und Kristin Silbereisen gegen Tan Wenling vollendeten dann die Vorlage.
Damit fehlt den deutschen Damen noch genau ein Sieg, um das unausgesprochene Ziel Realität werden zu lassen. Wie Harry Potter und seine Zauberlehrlinge den schrecklichen Lord Voldemort nicht beim Namen nennen, so vermieden die Tischtennisspielerinnen und ihr Bundestrainer das schöne Wort Medaille zu erwähnen. Wir sind bei den drei der letzten vier Großereignissen unter unseren Möglichkeiten geblieben und haben bei der letzten EM Platz zehn belegt, da gehört es sich nicht, über Medaillenchancen zu sprechen, erklärte Bitzigeio die allgemeine Zurückhaltung. Mit seinen 32 Jahren ist der Rheinländer schon seit dreieinhalb Jahren in der Verantwortung. In dieser Zeit hat sich der ehrgeizige Trainer Geduld und Demut aneignen müssen. Die Entwicklung seines Teams verlief lange nicht so konstant, wie er sich das gewünscht hätte.
Dass seine Spielerinnen in Stuttgart nun wieder um einen Platz auf dem Siegerpodest spielen, versteht er noch lange nicht als Durchbruch. Die Niederlande haben das beste Niveau, danach kommen elf oder zwölf Mannschaften, die sich nicht viel nehmen. Da entscheidet jeweils die Tagesform, wer nach drei Tagen die Nase vorn hat. Bitzigeios Vorstellungen reichen aber viel weiter, als immer mal wieder mit Kampf, Glück, Hängen und Würgen einen Podestrang auf dem Alten Kontinent zu erklimmen. Das derzeit herrschende Niveau im europäischen Damentischtennis hält er für viel zu niedrig, um sich damit zu begnügen. Wir müssen konstatieren, dass wir seit Nicole Struse und Elke Schall keine deutsche Spielerin mehr herausgebracht haben, die in Europa absolute Spitze darstellt.
China gegen China in anderen Trikots - der Reiz ist erloschen
Und erst recht keine, die eine – nicht mal nur latente – Gefahr für die Chinesinnen darstellen würde. Auch die anderen europäischen Tischtennisnationen entwickeln keine großen Talente mehr. Die kontinentale Rangliste wird von eingebürgerten Chinesinnen beherrscht. 14 der Top 25 der Stuttgarter Setzliste wurden im Reich der Mitte geboren, davon fünf der Top sechs.
Die wenig restriktiven Regeln der Europäischen Tischtennis Union (ETTU) verlocken viele Verbände, den leichteren Weg zu gehen, über eine schnelle Einbürgerung ihre Nationalmannschaft innerhalb weniger Monate deutlich aufzuwerten, denn durch jahrelange Arbeit. Zuletzt machten die Türken davon Gebrauch, davor die Polen und die Niederländer. Das regt aber keinen mehr auf, sagt Bitzigeio. Es ist legitim, die Regeln auszunutzen. Wir aber müssen dafür sorgen, dass die besten Europäerinnen besser sind als die zweitklassigen Chinesinnen. Dann löst sich das Problem von alleine.
Selbst die Chinesen haben ein Interesse an einem echten europäischen Aufschwung entwickelt. Die Dauererfolge ihrer Damen sind nicht mehr zu vermarkten. China gegen China in anderen Trikots, der Reiz ist längst erloschen, zumal sich laut Bitzigeio keine Exilchinesin trauen würde, ein wichtiges Spiel gegen eine Landsfrau zu gewinnen.
Die Spielerinnen müssen nur wollen
Zum Zwecke künftiger Spannung ist eine Zusammenarbeit des chinesischen Verbandes mit der ETTU entstanden. Verschiedene Perspektivteams werden zu Austauschprogrammen eingeladen, Trainer zur Weiterbildung. Bitzigeio erreichte dank guter Kontakte im vergangenen Sommer, dass seine komplette Nationalmannschaft die europäische Delegation mit der 15 Jahre alten deutschen Mädchenmeisterin Petrissa Solja nach Peking begleiten durfte. Meine Spielerinnen wissen jetzt, welche Arbeit vor ihnen liegt, sagte der Bundestrainer. Obwohl die Deutschen nur mit den chinesischen Kaderspielerinnen jenseits der Ränge 20 übten, konnte nur Bitzigeios Spitzenspielerin Wu Jiaduo eine positive Spielbilanz vorweisen. Die gebürtige Chinesin belegt Rang sechs in Europa.
Bitzigeio hofft auf Einsicht und neues Engagement. Es kann doch nicht sein, dass in der Nationalmannschaft Wu Jiaduo und Elke Schall mit über 30 länger trainieren als die Jungen, sagt der Bundestrainer. Mit dem neuen Leistungszentrum in Düsseldorf habe der Deutsche Tischtennis-Bund nun die Voraussetzungen, sportlich aufzuholen. Die Spielerinnen müssten nur wollen. Vielleicht wecken der Glanz und der Ruhm einer erfolgreichen Heim-Europameisterschaft ja den Ehrgeiz, alles dafür zu tun, Triumphe in Serie zu feiern. Bitzigeio ist überzeugt: Im europäischen Damen-Tischtennis geht ganz viel mit Wollen, da muss das Talent gar nicht so groß sein.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa