13. Dezember 2007 Sie gelten immer noch als die großen Unbekannten - und sind gerade deshalb gefährlich. Die Handballspielerinnen aus Angola setzen besondere Reizpunkte bei der Weltmeisterschaft in Frankreich, und nun muss sich Deutschland mit ihnen auseinandersetzen. Donnerstag, früher Nachmittag in Paris: Da wird sich die deutsche Nationalmannschaft gegen das Überraschungsteam aus Afrika beweisen müssen. Eine Herausforderung der besonderen Art, an deren Ende - im besten Fall - der erste Halbfinaleinzug bei einer Weltmeisterschaft seit zehn Jahren stehen könnte.
Es gibt Warnungen genug für die Deutschen, auch aus dem eigenen Lager. Angola ist unberechenbar, sie spielen unorthodox. Und daran ist schon so mancher gescheitert, sagte beispielsweise Torjägerin Grit Jurack über den Afrika-Meister, der nach Jahren als Mauerblümchen in der Hauptrunde sogar Gastgeber Frankreich (29:27) besiegt hatte und erstmals den Sprung unter die besten acht schaffte.
Jeder weiß, es geht ab jetzt um alles oder nichts
Bundestrainer Armin Emrich, der als akribischer Arbeiter ein intensives Videostudium ankündigte, beurteilte die forschen Auftritte des WM-Dreizehnten von 2001 so: Angola hat mit seinen Glanzleistungen alle erschreckt. Es gilt, sich gut vorzubereiten. Sorge, dass seine Spielerinnen den Außenseiter nach dessen bitterer Niederlage zum Abschluss der Hauptrunde gegen Titelverteidiger Russland (27:40) unterschätzen könnten, hat Emrich nicht.
Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass das nicht passieren wird. Jede weiß, es geht ab jetzt um alles oder nichts, betonte der 56 Jahre alte Handball-Lehrer, der mit einem Auswärtsspiel in dem mit 14.000 Zuschauern ausverkauften Palais Omnisports in Paris-Bercy rechnet. Emrich sagte: Das macht es sehr schwer für uns. Ein Grund mehr, warum auch Grit Jurack die Favoritenrolle nicht unbedingt annehmen will.
Objektiv betrachtet der leichteste Viertelfinalgegner
Wir sind ein gutes europäisches Team, sie sind die beste afrikanische Mannschaft. Und wer Frankreich im eigenen Land schlägt, der hat einiges zu bieten, sagte die Linkshänderin aus Viborg, die vor Beginn der K.-o.-Runde zusammen mit der Ungarin Anita Görbicz (beide erzielten 50 Treffer) die WM-Torschützenliste anführt.
Obwohl Emrich keineswegs vom Wunschgegner Angola sprechen will, erscheinen die Afrikanerinnen objektiv betrachtet als der leichteste Viertelfinalgegner. Kein Wunder, dass die bis dahin ungeschlagenen Deutschen das 24:32 gegen den Weltmeisterschaftszweiten Rumänien wohl doch als einen Erfolg betrachtet haben dürften. Denn hätte der EM-Vierte von 2006 die Rumäninnen bezwungen, hätte in der Runde der letzten acht Frankreich als Konkurrent gewartet. Im Halbfinale stünde am Samstag ein Duell gegen Europameister Norwegen oder Südkorea an.
Die Menschen in Angola brauchen Erfolgserlebnisse
Natürlich sprach bei den Deutschen offiziell niemand davon, dass der Rückschlag gegen Rumänien doch sein Gutes hatte. Doch Emrich schonte in der zweiten Halbzeit seine Leistungsträgerinnen Grit Jurack und Nadine Krause, die weiter auf der Suche nach ihrer gewohnten Form ist. Die Welthandballerin Nadine Krause war bei der EM 2006 und der WM 2005 jeweils Torschützenkönigin. Derzeit hat die Rückraumspielerin nach sieben Partien 31 Treffer auf ihrem Konto und verfolgt weiter hartnäckig ein großes Ziel: Diesmal wollen wir endlich die Medaille. Wir sind reif dafür.
Angola indes will seinem Handball-Märchen ein weiteres Kapitel hinzufügen. Jetzt wollen wir auch das Viertelfinale gewinnen. Und wer weiß, vielleicht wartet am Ende die Goldmedaille, sagte Nair Almeida, die wie alle ihrer Kolleginnen noch in der Heimat spielt. Trainer Jeronimo Neto sieht die Darbietungen seiner Handball-Gemeinschaft als Droge fürs Volk: Wir hatten 20 Jahre lang Krieg. Erst seit vier Jahren ist Angola befriedet. Die Menschen brauchen Erfolgserlebnisse. Der Sieg gegen Frankreich war ein Sieg für unser Land, ja für ganz Afrika. Bei Angola ist offensichtlich auch viel Pathos im Spiel.
Text: F.A.Z., 13.12.2007, Nr. 290 / Seite 31
Bildmaterial: AFP
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