Olympia-Qualifikation der Handball-Frauen

Der Weg nach Peking führt über Leipzig

Von Sebastian Stiekel

28. März 2008 Eine Pressekonferenz war Armin Emrich nicht genug nach dem 33:27 der deutschen Handball-Frauen gegen Polen. Als die offizielle Fragerunde nach dem Testspielerfolg in Celle beendet war, sprang der Bundestrainer von seinem Stuhl auf und ging zum Tisch mit den Journalisten hinüber, um noch einmal zu unterstreichen, was er vorher gesagt hatte.

Es war keine Überheblichkeit, die ihn nach dem zweiten Sieg binnen zwei Tagen gegen die Polinnen leitete, sondern die Sorge, dass seine Botschaft nicht bei jedem angekommen sein könnte. Emrich predigt Bescheidenheit und Konzentration vor der an diesem Freitag beginnenden Olympia-Qualifikation in Leipzig.

Deutschland ist klarer Favorit

Er warnt davor, „das Fell des Bären schon zu verteilen, bevor der Bär erlegt ist“ und will damit sagen: Das Turnier mit Kroatien, Kuba und Schweden, an dessen Ende die zwei Besten nach Peking reisen dürfen, ist für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft längst nicht die Formsache, für die man sie auf den ersten Blick halten könnte.

Nach dem dritten Platz bei der WM vor drei Monaten geht Emrichs Team als klarer Favorit in diese Ausscheidung. Die Kroatinnen wurden Neunte in Frankreich, die beiden anderen waren gar nicht dabei. Wenn Emrich nun „Respekt“ vor diesen Gegnern fordert, heißt das nicht, dass er seiner eigenen Mannschaft misstraut.

DHB-Präsident will zwei Mannschaften in Peking

Darin spiegelt sich nur die Bedeutung, die eine Olympia-Teilnahme für ihn hat. Es wäre nach zwei verpassten Qualifikationen die erste, die den deutschen Frauen seit 1996 gelänge. Ulrich Strombach, der Präsident des Deutschen Handball-Bundes (DHB), verfolgt seit Jahren „das große Ziel, beide Mannschaften bei Olympia dabei zu haben“.

Aus Emrichs Worten lässt sich erkennen, was für ihn auf dem Spiel steht an den drei Turniertagen - es wäre der erste Rückschlag, seit er das Team 2005 übernahm und kontinuierlich weiterentwickelte. Und dieser Rückschlag träfe den deutschen Frauen-Handball in einer Entwicklung, die vor Jahren noch kaum denkbar gewesen wäre: Bei der WM erzielten die Spiele der Mannschaft außergewöhnlich hohe Einschaltquoten, vor dem Leipziger Turnier bekam das Team gleich zwei Trainingslager bezahlt.

Emrich warnt vor Schweden, Kuba und Kroatien

Um nun keine böse Überraschung zu erleben, warnt Emrich so eindringlich vor den Qualifikationsgegnern. Schweden? Habe nur Profis aus der dänischen Liga im Team, der mit Abstand besten der Welt. Und Kuba? „Würde auch mit allen Spielerinnen in Europa vertreten sein, wenn man sie denn politisch ließe.“

Auch Kroatien dürfe man nicht unterschätzen, sagt Emrich, „das wird knallhart und eine Stunde der Wahrheit. Es wäre der größte Fehler, uns auf dem Heimvorteil und den jüngsten Ergebnissen auszuruhen.“ Polens Trainer Zenon Lakomy saß bei all diesen Ausführungen in Hörweite und dürfte sie insgeheim wohl für etwas zuviel der Tiefstapelei gehalten haben.

Kapitän Grit Jurack als Sieggarant

Immerhin ging es um eine deutsche Mannschaft, die ihn im Spiel zuvor bereits nach neun Minuten zu Maßnahmen gezwungen hatte, die man sich gewöhnlich für später aufhebt: Er musste die erste Auszeit und seine Torfrau vom Feld nehmen, weil es zu diesem Zeitpunkt schon 3:11 stand.

Die deutsche Mannschaft, die Emrich geformt hat, ist auch ohne die am Kreuzband verletzte Nora Reiche bemerkenswert spielstark. Sie kombiniert sich beinahe so häufig zum Kreis durch, wie sie Kapitän Grit Jurack aus dem Rückraum zum Wurf kommen lässt.

DHB-Team mit Durchschnittsalter von 25 Jahren

Als hätten sich beide Trainer abgesprochen, Chancen und Risiken dieses Teams vor der Reise nach Leipzig arbeitsteilig herauszustreichen, lobte Lakomy: „Die Deutschen sind noch besser als bei der WM.“ Seine Polinnen, am Wochenende auch in der Olympia-Qualifikation gefordert, hatten gegen sie jedenfalls keine Chance.

Wenn alles gutgeht in Leipzig, gehören die deutschen Frauen zu den größten Versprechen, die der Welthandball zu bieten hat. Sie haben ein Durchschnittsalter von nicht einmal 25 Jahren, sind aber seit langem eingespielt. Und sie verfügen auch deshalb über viel internationale Erfahrung, weil sich mittlerweile sieben Spielerinnen in Dänemark verdingen.

„Gutes Gefühl nach Siegen gegen Polen“

„Die Weltspitze ist zwar sehr eng, aber wir bringen alles mit, um auf Dauer oben mitzumischen“, sagt Grit Jurack. Sie ist mit ihren 30 Jahren die Einzige, die schon 1996 beim olympischen Turnier in Atlanta dabei war. „Da noch einmal hinzukommen wäre ein Traum“, sagt sie.

Grit Jurack sieht keine Gefahr, dass jemand im Team die Qualifikation zu leicht nehmen könnte. „Nach den zwei Siegen gegen Polen habe ich ein gutes Gefühl“, sagt sie. Eigentlich müsste Armin Emrich das auch haben. Er hat es nur etwas besser versteckt als sein Kapitän.

Spielplan der Qualifikation
Freitag, 28.03.

Kroatien - Kuba (17.30 Uhr)
Deutschland - Schweden (19.30)
Samstag, 29.03.

Schweden - Kuba (13.30)
Deutschland - Kroatien (15.40)
Sonntag, 30.03.

Schweden - Kroatien (13.00)
Kuba - Deutschland (15.10)



Text: F.A.Z., 27.03.2008, Nr. 72 / Seite 33
Bildmaterial: AP, dpa

 
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