Von Jürgen Kalwa, New York
30. Oktober 2007 Neun Jahre in der NBA sind eine lange Zeit für einen Spieler, der sich kontinuierlich von Saison zu Saison steigert und doch nie den ganz großen Erfolg schafft. Sicher - die ersten drei Jahre rinnen rasch dahin, besonders wenn man noch jung ist und damit beschäftigt, dem eigenen, noch nicht ganz ausgewachsenen Körper und den ungelenken Extremitäten jene Kraft und Bewegungsroutine zu verschaffen, ohne die man in der besten Basketball-Liga der Welt einfach untergeht. Und wenn man nicht in einer Spitzenmannschaft spielt, vergehen auch die nächsten Jahre schnell. Man lernt schließlich ein paar wertvolle Dinge: Taktik, mannschaftliche Disziplin und die Fähigkeit, Niederlagen wegzuschieben.
Dirk Nowitzki hat diese beiden Phasen schon vor einer Weile durchwandert und irgendwann den dritten Abschnitt seiner Profikarriere erreicht. In dem wird bisweilen alles etwas zäher. Denn dann zeigt sich, ob ein Basketball-Profi tatsächlich das Potential entfalten kann, das man ihm schon immer zugetraut hat.
Wann gibt Nowitzki endlich den Chef?
Die Zwischenergebnisse fielen für den bestbezahlten Sportler Deutschlands vergleichsweise mager aus. Im Juni 2006, in der Finalserie gegen die Miami Heat, etwa wirkte der 2,13-Meter-Mann, als ob er in dem riesigen ärmellosen Trikot der Dallas Mavericks mit der Nummer 41 verschwunden sei. Vor sechs Monaten, in der ersten Play-off-Runde gegen die Golden State Warriors, wurde er von seinem ehemaligen Trainer und Förderer Don Nelson schachmatt gesetzt.
Die Leistung legte zwar vor allem die Schwächen des Mavericks-Coachs Avery Johnson bloß. Aber sie warf ein paar kritische Fragen an die Adresse des wertvollsten Spielers der letzten Saison auf: Wann fängt er eigentlich an, Basketball nicht mehr länger aus der Warte eines Funktionsträgers und Erfüllungsgehilfen auf dem Spielfeld zu betrachten? Wann sagt er seinem Trainer, dass er als Chef auf dem Platz ein paar Ansprüche an die Übungsleitung hat? Und wann erklärt er dem Klubbesitzer klipp und klar, dass ein Sprungwurfspezialist seiner Güteklasse hochqualifizierte Nebenleute braucht, um den Titel zu holen?
Kuriose Konstellation in Dallas
Auf die Antworten wartet man noch immer. Nowitzki, in einer symbiotischen Beziehung mit seinem Entdecker, Privattrainer und Agenten Holger Geschwindner gefangen, die den Jüngeren permanent in der Rolle des anpassungsfähigen Studenten bestärkt, geht denn auch am Dienstag in die kommende Saison so, als ob die lange Auszeit in Australien keine neuen Gedanken produziert habe. Währenddessen zog Trainer Johnson im Trainingslager von Beginn an sein altes Psychospiel auf. Darin tut er - der kleine General - immer so, als wäre er der überragende Pädagoge und Steuermann und nicht dieser zappelige, aufgedrehte Doktor Allwissend mit dem stieren Blick, dem im entscheidenden Moment am Spielfeldrand verblüffend wenig einfällt.
Die quasipatriarchalische Konstellation ist für NBA-Verhältnisse eher kurios. Andere Klubs, die einen Most Valuable Player oder respektierten All-Star unter Vertrag haben, werden nämlich nicht von Leuten trainiert, die ihre Stars nach Gusto umkrempeln wollen. Das gibt es weder in Phoenix (Steve Nash) noch in Miami (Shaquille O'Neal). Und schon gar nicht in Los Angeles, wo Kobe Bryant seit Monaten das Management öffentlich unter Druck setzt, ihn entweder an einen anderen Verein abzugeben oder ordentliche Verstärkung einzukaufen.
Die Haltung ehrt ihn, die Resultate nicht
In Dallas sieht es hingegen so aus: Auf der einen Seite regiert ein Trainer, der seine Position herablassend so illustriert: Die Sache mit meiner Mannschaft ist: Ich warte darauf, dass sie mental reif wird. Auf der anderen Seite ein Star-Spieler, der die Propaganda begrüßt. Wir habe alle Teile, die wir brauchen, sagte der 29 Jahre alte Nowitzki und tat so, als gäbe es überhaupt nichts an den Mavericks auszusetzen. Wir haben Schützen. Wir haben einige großartige Verteidiger. Wir müssen einfach nur arbeiten.
Dabei haben die Mavericks zurzeit nicht mal einen vernünftigen Center. Weshalb Nowitzki in einem Vorbereitungsspiel auch noch diese Rolle übernahm. Die Haltung ehrt ihn. Die Resultate solcher Dienstbarkeit sind jedoch bislang nicht der Rede wert. Weshalb der Würzburger die altkluge Tour seines Trainers überhaupt nicht zu akzeptieren brauchte. Zumal es zurzeit eine selten günstige Gelegenheit gibt, sich mit einem Befreiungsschlag jene Luftveränderung zu verschaffen, die ihm weit eher zu einem Meisterschaftserfolg verhelfen würde als der Verbleib in Dallas.
Er ist der Star, die anderen wollen tanzen
Er müsste nur signalisieren, dass er bereit ist, im Rahmen eines Tauschs mit Kobe Bryant zu den Los Angeles Lakers zu wechseln. Will er aber nicht. Dem Spiegel sagte er jetzt: Das sind die üblichen Gerüchte. Dabei haben die Verantwortlichen der Lakers - einst Heimat von Kareem Abdul-Jabbar und Magic Johnson, später von Shaquille O'Neal und Kobe Bryant - im Laufe ihrer Geschichte immer wieder gezeigt, dass sie willens und in der Lage sind, Trainer und Talente zusammenzuführen, die zielstrebig den Titel anpeilen.
In Dallas hingegen gibt man zwar bereitwillig viel Geld aus, sieht sich aber vor allem gerne selbst im Fernsehen. So trat Klub-Eigentümer Mark Cuban in den letzten Wochen in der Erfolgssendung Dancing with the Stars auf, von wo aus er erklärte, er denke nicht daran, Dirk Nowitzki abzugeben. Kaum ein Titel beschreibt besser, in welches Fahrwasser Nowitzki bei den Mavericks geraten ist. Er mag der Star sein. Aber die anderen wollen nur tanzen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 28.10.2007, Nr. 43 / Seite 23
Bildmaterial: AP, dpa