Andrea Petkovic

„Ich wusste gleich, das ist schlimm“

Von Peter Penders, Melbourne

15. Januar 2008 Der stützende Verband, der das rechte Knie stabilisieren sollte, verhieß schon nichts Gutes. Und die bösen Befürchtungen bestätigte der Patient gleich selber. „Ein Kreuzbandriss, vermutlich sechs Monate Pause“, sagt Andrea Petkovic mit zitternder Stimme. Nicht einmal zwei Minuten hatte der Auftritt, auf den sie sich so sehr gefreut hatte, insgesamt gedauert, dann war alles vorbei.

In der Arena, dem zweitgrößten Platz in Melbourne, hatte sie gegen die Weltranglistensechste Anna Tschakwetadse antreten dürfen, und vielleicht war auch die Aufregung darüber zu groß für die 20 Jahre alte Darmstädterin. „Ich habe gezittert“, sagt sie, „vielleicht hat mir einen Moment lang die Spannung gefehlt.“ Bei Einstand im ersten Spiel und eigenem Aufschlag musste sie nach einem Sprint abbremsen, da kam dieser stechende Schmerz. „Und ich wusste gleich, das ist schlimm.“

„Wenigstens in der Business-Class zurück“

Die Einser-Abiturientin ist bekannt dafür, dass sie ihren Beruf besonders reflektiert, dass sie sich Gedanken darüber macht, ob sich dieser Job lohne oder nicht ein Studium die bessere Alternative sei. Wortgewandt hat sie F.A.Z. und FAZ.NET-Lesern in einer regelmäßigen Rubrik über ihre Erlebnisse in der Welt des Profi-Tennis berichtet, immer versehen mit einer großen Portion Selbstironie (siehe auch: FAZ.NET-Spezial: Das Tennis-Tagebuch der Andrea Petkovic).

Vielleicht gehört zum Profileben auch eine solche schlechte Erfahrung zwingend dazu, selbst wenn sie logischerweise liebend gerne darauf verzichtet hätte. „Jetzt habe ich ja mehr Zeit zu schreiben. Aber keine Angst, wirklich traurig wird es auch jetzt nicht“, sagt sie. Schwer vorstellbar bei jemanden, der auch in so bitteren Momenten schnell den Humor wiederfindet: „Wenigstens“, sagt sie mit der Erfahrung einer von wenig Schlaf geprägten Anreise in der Economy-Class, „kann ich jetzt in der Business-Klasse zurückfliegen.“ Auf dem Platz hatte sie das alles zunächst noch nicht wahrhaben wollen.

Weil der Schmerz nur kurz gewesen war, hatte sie erst noch gehofft, dass sich alles nur ein kurzer Schreck herausstellen könnte. Der Physiotherapeut aber machte ihr nur wenig Hoffnung, auch wenn sie die kleinen Sprünge zur Überprüfung problemlos bewältigen konnte. „Aber schon nach dem ersten Schritt war klar, dass es nicht mehr weiterging. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten“, sagt sie und musste erstmals in ihrem Tennisleben eine Partie aufgeben. Ausgerechnet diese, die bislang größte in ihrer Karriere.

Nachwirkungen einer Schlittenfahrt?

Wie es nun weitergehen wird? Die Zukunft ist natürlich erst einmal ungewiss, erst einmal muss sie wieder gesund werden. „Ich denke, ich werde schnell wieder fit“, sagt sie, - und so redet keine, die Zweifel daran hat, doch den richtigen Beruf gewählt zu haben. Natürlich hätten ihr die vergangenen Monate gezeigt, dass „Tennis das ist, was ich machen will. Soviel habe ich schon erlebt“. Aber an ihrer generellen Einschätzung habe das nichts geändert. Wenn sie merke, dass sie nicht vorankommen, werde sie etwas anderes machen. Zuletzt schien sie dabei auf einem guten Weg, die letzte veröffentlichte Weltrangliste vor diesen Australian Open hatte mit Rang 91 ihre bislang beste Plazierung ausgewiesen. Damit es weiter nach oben ging, dafür hatte sie in der Vorbereitung auch im so ungeliebten Kraftraum geackert.

Der wird nach der vermutlich nötigen Operation demnächst wieder auf sie warten. Erst einmal geht es nach Hause, „mit sexy Thrombose-Strümpfen“ und hoffentlich einem bequemen Sitz. Vielleicht sei es ja auch gar nicht die Aufregung gewesen, die ihr diese Verletzung eingebrockt habe, erzählt sie. „Vor zwei Jahren bin ich mit dem Schlitten in einen Zaun gefahren und habe mir das Außenband verletzt. Der Arzt meinte, auch diese Vorschädigung könnte eine Ursache gewesen sein.“ Nur der Zeitpunkt sei richtig blöd, vor allem, weil sie nun in zwei Wochen im Fed-Cup beim Auswärtsspiel gegen die Vereinigten Staaten fehlen werde.

Das Team als Rückhalt in der schweren Stunde

„Das ist der größte Verlust für mich“, sagt sie, die so gerne in einem Team spielt. Der Mannschaftsgeist sei unglaublich toll, das zeige sich gerade an einem so bitteren Tag. Die Kollegin Tatjana Malek sei mit ins Krankenhaus gefahren, die Teamchefin Barbara Rittner habe geholfen, alles in die Wege zu leiten. Aber nicht mitspielen können, muss ja nicht heißen, nicht mit dabei zu sein: „Vielleicht fahre ich als Pressechefin mit zum Fed-Cup.“ Manche, bekommt Andrea Petkovic noch schnell erzählt, seien nach solch schweren Verletzungen stärker als vorher zurückgekehrt.

So etwas wird sie gerne hören, gerne für sich als Ansporn in Anspruch nehmen, auch wenn ihr der Kopf in manchen auf sie lauernden schweren Stunden demnächst was anderes erzählen wird. Sie ist ja schlau genug um zu wissen, dass manche eben auch gar nicht zurückgekehrt sind. Aber sie will unbedingt wieder auf den Platz, auch um herauszufinden, ob sie tatsächlich bleiben will. Denn so könne sie schließlich nicht aufhören: „Wenn ich wenigstens geführt hätte. Das wäre ein Abschied mit Würde gewesen.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, REUTERS

 
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