Federer gegen Sampras

Eine Showeinlage als Aufbauhilfe

Von Jürgen Kalwa, New York

11. März 2008 Es gehört zu den Gepflogenheiten von aufwendigen sportlichen Inszenierungen, dass jeder der Beteiligten alles dafür tut, um die Magie des Augenblicks zu bewahren. Für den Glanz solcher Events ist es gut, wenn Personen ins Rampenlicht rücken, die so etwas auch noch genießen. Der Schweizer Tennis-Künstler Roger Federer, der seit ein paar Jahren zusammen mit seiner amerikanischen Managementfirma an der schwierigen Aufgabe arbeitet, ihn wirkungsvoll in den Vereinigten Staaten zu vermarkten, scheint für solche Herausforderungen wie geschaffen.

Das zeigte er am Montag in New York. Da erklärte er am Ende eines langen Tages – geschlaucht vom Jetlag, aber immer noch mit einem Lächeln – in den Tiefen des Madison Square Garden den Journalisten und Hunderten von gutgelaunten Partygängern seine Sicht des Matches gegen Pete Sampras. „Ich wusste, es würde knifflig“, sagte er über das 6:3, 6:7 (4:7), 7:6 (8:6) gegen den 36 Jahre alten Amerikaner, das er erst im dritten Satz und da auch erst im Tiebreak gewann.

Federer wohl mit Antrittsgeld von einer Million Dollar

Es ist unwahrscheinlich, dass Federer damit auf die Aufgabe anspielte, einen Altmeister zu schlagen, der seit fünf Jahren privatisiert. Denn bei näherem Hinsehen hätte er die Begegnung, für die er dem Vernehmen nach ein Antrittsgeld von einer Million Dollar erhalten hatte, auch in der Hälfte der Zeit zu einem guten Ende bringen können – nicht erst nach zwei Stunden und vierzehn Minuten.

Das Knifflige bestand wohl eher in etwas anderem: Wie spielt man einem sachverständigen Publikum in einer mit 19.000 Zuschauern ausverkauften Halle vor, dass die Show sportlichen Wert hat? Wie erzeugt man die Illusion, dass der beste Spieler der Welt auf dem Höhepunkt seines Schaffens das Match gegen den Tennis-Rentner auf der anderen Seite des Netzes, den er im Ernstfall mit seinen ansatzlosen Cross-Court-Schlägen über den Platz scheuchen würde, eventuell sogar würde verlieren können?

Ist der Schweizer fit genug für die nächste Zeit?

Den Anschein von Spannung erzeugte das Duo mühelos. „Ich dachte schon für den Bruchteil einer Sekunde, ich hätte ihn“, sagte Sampras hinterher über den dritten Satz, in dem er 5:2 in Führung gegangen war. Die Inszenierung erschwerte allerdings jedem die Arbeit, der an diesem Abend die Antwort auf akutere Fragen finden wollte.

Jene nämlich, die durch das Eingeständnis von Federer vor ein paar Tagen aufgeworfen worden waren: Hat er die Folgen des Pfeifferschen Drüsenfiebers endgültig überwunden, an dem er, ohne es zu wissen, bei den Australian Open litt? Und ist er wieder fit genug, um die kommenden Turnierwochen auf den Hartplätzen von Indian Wells in Kalifornien und Key Biscayne in Florida erfolgreich abzuwickeln und nicht gleich in der ersten Runde auszuscheiden wie vor einer Woche in Dubai?

„Was ich wirklich brauche, sind Spiele“

Stunden vor der Begegnung gegen Sampras hatte der 26 Jahre alte Schweizer überhaupt keine Zweifel aufkommen lassen, dass er wieder fit ist: „Ich denke, ich bin darüber hinweg“, sagte er über die Viruserkrankung, die das Immunsystem schwächt. Gleichzeitig wies er den Verdacht zurück, dass eine Showeinlage wie die in New York, dem vierten und letzten Abstecher einer Vier-Städte-Tour, die im Herbst in Asien begonnen hatte, für den Rekonvaleszenten eine unnötige Belastung darstelle. Im Gegenteil. „Was ich wirklich brauche, sind Spiele“, betonte Federer.

Was er allerdings in den kommenden Wochen noch mehr braucht, sind Siege. Anders wird der Schweizer kaum seinen Platz an der Spitze der Weltrangliste verteidigen können, den er seit dem Februar 2004 ununterbrochen einnimmt. Denn Rafael Nadal ist ihm inzwischen dichter auf den Fersen denn je. Sein Rückstand beträgt nur noch 400 Punkte. Angesichts solcher Herausforderungen tat es dem Eidgenossen sichtlich gut, sich in New York von jenem Mann mit Komplimenten überhäufen zu lassen, der mit seinen vierzehn Grand-Slam-Siegen als einer der besten Tennisprofis aller Zeiten gelten muss, jemandem, der – selbst nach fünf Jahren Wettkampfabwesenheit – noch immer ohne Mühe den Zuschauern das Gefühl vermittelte, er könne mit seinem attraktiven Serve-and-Volley-Spiel zumindest auf Gras noch immer mit den Besten in der Welt mithalten.

„Er schlägt gut auf. Er hat die beste Vorhand von allen“

Die beiden waren sich nur einmal im Rahmen eines Turniers von Belang über den Weg gelaufen: 2001 in Wimbledon, als Federer den Amerikaner in der vierten Runde schlug und auf diese Weise den Generationswechsel andeutete, der sich dann auch wenig später vollzog. Vor einem Jahr hatte Sampras den Schweizer in seine Villa in Beverly Hills eingeladen. Und der hatte sich mit der Idee für diese Serie von Schaukämpfen revanchiert, deren Publikumsresonanz so manchen überraschte. Denn in vielen Ländern – auch in den Vereinigten Staaten – existiert die einstige Prestigesportart nur noch in der Nische.

Der Senior war froh, auf diese Weise mal wieder dem Alltag eines gemächlichen Familienlebens zu entkommen und ganz nebenbei pro Veranstaltung – angeblich – eine halbe Million Dollar zu verdienen. Da hob Sampras seinen Gegner auch gerne in den Himmel: „Seine Beweglichkeit ist unglaublich“, sagte er. „Er schlägt gut auf. Er hat die beste Vorhand von allen. Er verfügt über den besten Spielverstand. Es gibt nichts, was er nicht kann.“ Was das wert ist, wird sich schon bald zeigen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

 
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