24. Oktober 2008 Der Rest der Verbandswelt dürfte sich die Augen reiben über das, was in dem beschaulichen Städtchen Warendorf geschieht: Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat angekündigt, beim Internationalen Sport-Schiedsgericht (Cas) in Berufung zu gehen, weil den Funktionären die Strafe, die der Weltverband gegen ihren eigenen Championatsreiter Christian Ahlmann verhängt hat, zu niedrig ist. Beinahe noch erstaunlicher für einen der konservativsten Sportverbände überhaupt: Die Aktion geschah in Windeseile, man könnte sagen im gestreckten Galopp.
Am Mittwoch verkündete die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI), dass ihr Tribunal eine viermonatige Sperre gegen den Olympiastarter aus Marl wegen Verbotener Medikation“ verhängt hat. Am Donnerstagabend bereits gab die FN ihre Berufungsabsicht bekannt. Und nicht nur das: Unabhängig von einem Cas-Urteil wird Ahlmann für zwei Jahre nicht in der Nationalmannschaft eingesetzt, weder bei Welt- und Europameisterschaften noch bei Nationenpreisen. Der Springreiter, der seit 2003 regelmäßig zu den deutschen Equipen gehörte, erhält also zusätzlich zu dem FEI-Urteil von seinem nationalen Verband eine De-facto-Sperre von zwei Jahren (siehe auch: Reitsport-Kommentar: Flucht nach vorn).
Die laufen Amok
Das ist der Gipfel!“, findet Ludger Beerbaum, der Wortführer der deutschen Springreiter. Damit werden jegliche rechtsstaatlichen Prinzipien verlassen.“ Ahlmanns Rechtsanwalt Andreas Kleefisch wird noch massiver: Die laufen Amok.“ Der Verband sieht das naturgemäß anders. Das Strafmaß“, lässt sich FN-Generalsekretär Hanfried Haring in einer Pressemitteilung zitieren, ist . . . nicht ausreichend.“
Der Doping-Vorwurf gegen Ahlmann sei durch die Urteilsbegründung des FEI-Tribunals nicht ausgeräumt, heißt es dort weiter. Dazu muss man wissen, dass im Pferdesport unterschieden wird zwischen dem völlig verwerflichen und mit einer Zwei-Jahres-Sperre geahndeten Doping und der verbotenen Medikation“, die eine mildere Strafe nach sich zieht. In einer während der Olympischen Spiele bei Ahlmanns Schimmelwallach Cöster entnommenen Probe waren Spuren der Substanz Capsaicin nachgewiesen worden. Die Anwendung dieses Mittels kann sowohl als verbotene Medikation“ als auch als Doping“ eingestuft werden – je nachdem, ob es zur Schmerzlinderung oder zur Hypersensibilisierung der Gliedmaßen eingesetzt wurde. Das Tribunal entschied auf Medikation“.
Beerbaum geht gegen den Verband in die Offensive
Während der Reiterspiele in Hongkong waren die Beine der teilnehmenden Springpferde regelmäßig untersucht worden. Weder bei Ahlmann noch bei den drei weiteren Capsaicin-Fällen hatte es Beanstandungen gegeben. Trotzdem geht die FN mit ihrem Vorgehen unausgesprochen davon aus, dass Ahlmann die Substanz auf Cösters Beine aufgetragen hat. Ich finde das Urteil der FEI schlüssig“, entgegnet Otto Becker, der designierte Bundestrainer, denn auch vorsichtig. Ich bin für klare Regelungen und klare Strafen, wenn gegen sie verstoßen wird.“
Ludger Beerbaum dagegen geht gegen den Verband in die Offensive. Bei aller Liebe“, sagt er, aber welche gefühlten Vergehen in Warendorf die Runde machen, das darf keine Rolle spielen. So geht es nicht.“ Reinhard Wendt, der Sportchef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, findet hingegen das FEI-Urteil unzureichend: Was an Schaden angerichtet wurde und was am Ende als Strafe herausgekommen ist, steht in keinem Verhältnis.“ Die FN stehe unter erheblichem öffentlichem Druck.
Das Tour-de-France-Prinzip
Die größte Bedrohung kommt von den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die nicht nur im Radsport immer empfindlicher gegen Doping-Fälle werden. ARD und ZDF haben, wie ein FN-Sprecher bestätigte, in schriftlicher und telefonischer Form wirkungsvolle“ Maßnahmen gefordert. Sie wissen doch, wie sensibel die Medien zur Zeit auf alles reagieren“, sagt Wendt.
Dies wiederum lässt die Veranstalter Sturm laufen. Der Ausstieg des Fernsehens aus dem Reitsport nach dem Tour-de-France-Prinzip könnte das System der Top-Turniere wie etwa die Riders-Tour-Etappe in Hannover an diesem Wochenende zum Zusammenbruch bringen. Wenn wir das Problem nicht in den Griff kriegen, ist unser Sport tot“, sagt Turnierveranstalter Paul Schockemöhle.
Es herrscht Sprachlosigkeit, Wut und Unverständnis
Berichte über tierquälerisches Springpferde-Training, wie dieser Tage unter Berufung auf anonyme Pferdepfleger in einer Fachzeitschrift, beschädigen das Image der deutschen Reiterei zusätzlich. Unsere eigene Mitgliedschaft versteht nicht mehr, was bei uns vorgeht“, sagt Wendt. Ständig träfen Briefe in Warendorf ein, mit Unterschriften-Aktionen forderten Mitglieder den Verband auf, etwas zu unternehmen gegen illegale Methoden im Spitzensport.
Die Tierschutz-Organisation Peta gab zudem am Freitag bekannt, sie habe Strafanzeige gegen Ahlmann gestellt. Gleichzeitig häufen sich die Fälle, in denen Reiter versuchten, sich trotz Sperren ihr Startrecht vor einem Zivilgericht zu erstreiten. Dies war jüngst dem in den Niederlanden stationierten Wiesbadener Daniel Deusser auch gelungen. Christian Ahlmann war mit einem ähnlichen Vorstoß gescheitert.
Es herrscht Sprachlosigkeit, Wut und Unverständnis“, sagt Wendt. Die Lage erinnert ihn schmerzlich an die bisher schwersten Zeiten der Springreiterei hierzulande, den Barr-Skandal des Jahres 1990 um die Auktionspferde im Stall Schockemöhle. Was zur Zeit täglich auf uns hereinprasselt, das hat eine ähnliche Vehemenz“, sagt er. Das ist durchaus vergleichbar.“ Unter den Aktiven allerdings wird der neue Offensivdrang eher als autoaggressiver Akt gewertet. Ludger Beerbaum fordert die längst überfällige Grundsatzdiskussion, wie weit Leistungssport mit Pferden heute überhaupt noch vertretbar ist. Ich bin gegen diese Scheinheiligkeit“, sagt er.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa
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