Basketball in Amerika

Schlechte Karten für Spätzünder - doch Nowitzki hofft

Von Jürgen Kalwa, New York

17. April 2008 Es gibt eine Erfahrung, die sich über Jahre aus dem Play-off-System des amerikanischen Profi-Basketballs ableiten lässt. Sie besagt: Eine Mannschaft, die in der langen Aufwärmphase der Saison mit ihren 82 Pflichtspielen nicht richtig in Schwung gekommen und nur auf einem mittleren Rang in der Tabelle der Conference gelandet ist, kommt als ernsthafter Teilnehmer der K.-o.-Runde nicht in Frage. Niemand entwickelt in dem Augenblick, wenn es wirklich zählt, eben in der K.-o.-Runde im April und Mai, genau die Stärken, die man braucht, um in einer Best-of-seven-Serie beharrlich einen Gegner nach dem anderen aus dem Weg zu schieben. Das System ist nichts für Spätzünder.

Diese Einschätzung wird jedoch in diesem Jahr niemandem sehr viel nützen, wenn er die Chancen der Teams im Westen der NBA ausloten will. Selten einmal war die Spitze im sportlich besseren Teil der Liga so breit. Und selten waren Mannschaften so ausgeglichen. Weshalb zum Beispiel niemand die Dallas Mavericks abschreiben wird, nur weil sie bei der Endabrechnung am Mittwochabend auf dem siebten Platz der Conference landeten und am Wochenende in der ersten Play-off-Runde gegen den Tabellen-Zweiten antreten werden: die New Orleans Hornets.

Nowitzki patzt, wird aber durch die Nebenleute aufgefangen

Zwar gibt es mittlerweile viele Basketball-Experten in den Vereinigten Staaten, die sich fragen, ob sich das Team rund um den deutschen Nationalspieler Dirk Nowitzki nicht auf einem langsamen, aber stetigen Weg nach unten befindet. Ein Abwärtstrend, der vor zwei Jahren mit der verlorengegangenen Finalserie gegen die Miami Heat begann und vor einem Jahr nach einer Rekordbilanz in der regulären Saison mit einem peinlichen frühen Aus gegen die Golden State Warriors fortgesetzt wurde. Aber ein solcher Pauschalverdacht ignoriert einen simplen Tatbestand: Gegen die Hornets haben die Mavericks durchaus Chancen, die zweite Runde zu erreichen.

Das konnte man im direkten Vergleich der beiden am Mittwochabend in Dallas zum Abschluss des ersten Saisonabschnitts sehen. Was Nowitzki beim 111:98 an einem schlechten Tag mit zahllosen verpatzten Würfen vergab, machten seine Nebenleute mit Ehrgeiz, Tempo und Ausdauer mehr als wett. Endlich traf auch mal Spielmacher Jason Kidd, der bei der Gelegenheit mit 27 Punkten, zehn Rebounds und zehn Vorlagen den hundertsten Triple Double seiner NBA-Karriere zustande brachte. Die statistische Kategorie – zweistellige Resultate in drei Leistungswertungen – ist Ausdruck für die Vielseitigkeit und Mannschaftsdienlichkeit eines Spielers.

Abstand zwischen dem Ersten und Siebten nicht der Rede wert

Kidd war vor acht Wochen von den New Jersey Nets geholt worden, um eine schwächelnde Interessengemeinschaft mit einem Aufbauspieler von Format zu verstärken. Im Tausch für den bereits 35-Jährigen musste Dallas eine ganze Reihe von Talenten abgeben. Außerdem war Klubbesitzer Mark Cuban gezwungen, tief in die Tasche zu greifen. Kidd verdient 19,7 Millionen Dollar, drei Millionen mehr als Kapitän Nowitzki (Siehe auch: Basketball in Amerika: Ein kleiner Fehler kostet 19,4 Millionen Dollar - pro Saison). Die Investition trieb natürlich die Erwartungen hoch. Wirklich besser wurde das Team jedoch nicht. Noch nicht.

Doch weil in der Western Conference jeder jeden schlagen kann und es auch tut, rutschten die Mavericks nie aus dem Achter-Feld heraus, das sich für die Play-offs qualifiziert. Und obwohl das Team am Ende nur Siebter wurde, war der Rückstand zum Ersten Los Angeles Lakers beim besten Willen nicht der Rede wert. Ganz abgesehen davon: Von allen denkbaren Erstrunden-Gegnern sind die Hornets vermutlich am leichtesten zu schlagen. Der jungen Mannschaft von Trainer Byron Scott mit dem hochbegabten Spielmacher Chris Paul und dem athletischen und beweglichen Center Tyson Chandler fehlt es an Erfahrung und Kaltschnäuzigkeit. Die Hornets gehörten in den letzten Jahren zu den Klubs, für die die Saison bereits im April zu Ende ist.

„Er ist einer der klügsten Typen in der Liga“

In der Serie steckt ähnlich wie in der Konfrontation zwischen den Mavericks und den Warriors im vergangenen Jahr ein besonderer Reiz. Kidd hatte einst in New Jersey unter Byron Scott trainiert, der die Mannschaft zweimal ins Finale geführt hatte. Doch weil dem Superstar und Nationalspieler, der bei Sommer-Olympia in Peking für Ordnung im Spiel der Amerikaner sorgen soll, der ständige Drill seines Coaches auf die Nerven ging, sorgte er hinter den Kulissen dafür, dass dieser geschasst wurde.

Scott ließ sich in dieser Woche nicht in die Karten schauen, als er gefragt wurde, wie er sich Kidds Schwächen zunutze machen werde: „Er ist einer der klügsten Typen in der Liga. Er wird versuchen, die Sachen, die wir für Nachteile halten, in Vorteile für sich selbst umzuwandeln.“



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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