NBA-Play-offs

Kobe Bryant, der selbstverliebte Basketball-Artist

Von Jürgen Kalwa, New York

24. April 2008 Die Rufe tauchten vor ein paar Monaten auf und schallten von den Zuschauerbänken in Atlanta, Toronto, Sacramento und sogar in Boston, wenn der Spieler mit der Nummer 24 an die Freiwurflinie trat. „M - V - P“, brüllten Fans im Stakkato. „M - V - P.“ Wie überall auf der Welt gelten die Anfeuerungsrufe in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga (NBA) normalerweise den Spielern der eigenen Mannschaft. Aber Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers scheint eine Ausnahmestellung zu genießen. Sonst würden ihm nicht quer durch Amerika die Anhänger lauthals ihren Respekt entbieten und ihn zum „Most valuable player“ ausrufen, dem wertvollsten Spieler der Saison.

Die Akklamation hat zwar keinen unmittelbaren Einfluss auf die Wahl, mit der in diesen Tagen 120 Medienvertreter per Stimmzettel den Ehrentitel vergeben. Aber sie war das erste Anzeichen dafür, dass es der 29-jährige All-Star-Spieler im Laufe seiner zwölfjährigen Profikarriere zu einer Entourage an Claqueuren und Lobbyisten gebracht hat, die sich nicht scheuen, ihre Meinung zu äußern.

81 Punkte an einem Abend - Bryant als Fernseh-Highlights

Weshalb sich auch niemand wunderte, dass eine informelle Umfrage der „Los Angeles Times“ bei einem Teil der stimmberechtigten Journalisten eine deutliche Tendenz erbrachte: starke Sympathien für Kobe Bryant. Und das trotz solcher auffälliger und verdienstvoller Figuren wie Chris Paul, dem Spielmacher der New Orleans Hornets, und Kevin Garnett, jenem Mann, der in Boston eine scheinbar tote Mannschaft zum Leben erweckte.

Das Wohlwollen basiert auf einem unzerstörbaren Mythos. Danach gilt Kobe Bryant, der vor zwei Jahren in einem Match gegen die Toronto Raptors die bemerkenswerte Zahl von 81 Punkten erzielte und es im zweiten Play-off-Spiel gegen die Denver Nuggets (122:107, die Lakers führen 2:0 in der „Best-of-Seven“-Serie) auf 49 Punkte brachte, als der beste Spieler in der NBA, in der an diesem Wochenende die Play-off-Runde beginnt. Diese Einschätzung teilen vor allem Fans, die einen Stil von Basketball mögen, der in den Sportnachrichten im Fernsehen floriert. Hier zeigt man am liebsten spektakuläre Einzelleistungen - die sogenannten Highlights.

Mit Mannschaftssport hat Bryants Show wenig zu tun

Und Bryant liefert derlei fast jeden Abend: Beim weiten Flug zum runden roten Ring über die Köpfe der wehrlosen Verteidiger hinweg. Oder bei Zirkuseinlagen wie Korblegern mit anderthalbfacher Schraube, bei denen der Ball noch von einer Hand in die andere wechselt, ehe er endgültig im Netz versinkt.

Mit der Mannschaftssportart Basketball und der Frage nach dem besten oder - in diesem Fall - wertvollsten Spieler haben diese Showeinlagen nur wenig zu tun. Zumal sie von einem hochbegabten Narziss dargeboten werden, der bereits mit drei Jahren das Spiel gelernt hat, mit 18 Profi wurde und der seitdem nur mit einem Gegner kämpft: dem Schatten eines gewissen Michael Jordan, dem mutmaßlich besten, sprunggewaltigsten, kreativsten, ausgekochtesten und ehrgeizigsten Basketballer aller Zeiten.

„Untrainierbarer“ Bryant in Los Angeles - der Stadt der Stars

Lakers-Trainer Phil Jackson, der im Laufe der Jahre mit viel Geschick und noch mehr Erfolg beide Spieler betreut hat, kam mit Jordan in Chicago eindeutig besser klar. Dort sah er sich nie gezwungen, einen Therapeuten anzuheuern, der die Selbstverliebtheit eines seiner Stars dämpfen sollte. Jackson trat von seinem Amt zurück und schrieb sich in einem Buch über seine Erfahrungen (“The Last Season“) den Frust von der Seele: Bryants egozentrische Ambitionen und die von ihm ausgelösten Spannungen in der Mannschaft. Der Spieler sei „untrainierbar“.

Der untrainierbare Kobe Bryant blieb. Jackson - der Lebensgefährte der Tochter von Lakers-Besitzer Jerry Buss - kehrte nach einem Jahr Pause wieder zurück. Für zehn Millionen Dollar pro Jahr, dem höchsten Trainerhonorar in der NBA. Die beiden Widersacher fanden sogar ein Arrangement, um ohne den zwischendurch an die Miami Heat abgegebenen Center Shaquille O'Neal eine sportlich schwache Zeit durchzustehen.

Mannschaftsspieler Gasol macht die Lakers zum Titelanwärter

Aber im vergangenen Sommer riss Bryant mal wieder der Geduldsfaden: Er verlangte einen Trade - einen Spielertausch, um zu einem besseren Team zu kommen. Doch das Lakers-Management behielt die Nerven und landete wenige Monate später einen regelrechten Coup: die Verpflichtung von Center Pau Gasol. Durch ihn wurde das Team auf einen Schlag zu einem Meisterschaftsanwärter.

Ohne den Spanier wäre allerdings auch diesmal Bryants purer Ehrgeiz wenig wert. Denn wenn man das Blendwerk der Showeinlagen weglässt und sich mit der Statistik beschäftigt und etwa die fein austarierte Formel anwendet, die Volkswirtschaftler und Basketballfan Dr. David J. Berri von der California State University in Bakersfield (“The Wages of Wins“) zum Maßstab macht, gehört Bryant nicht mal ansatzweise zu den wirkungsvollsten Spielern in der NBA. Das sind die jungen Profis Dwight Howard von den Orlando Magic und Chris Paul von den New Orleans Hornets.

Nowitzkis Auszeichnung zeigte, wie wenig der „MVP“-Titel wert ist

Doch von solchen Orientierungswerten lassen sich die wenigsten Medienleute bei der Suche nach einem Nachfolger für den amtierenden „Most valuable player“ Dirk Nowitzki beeindrucken. Sie lassen sich von Stimmungen und Vorlieben leiten, die unter anderem besagen, dass Bryant nach so vielen Jahren einfach mal an der Reihe ist, die Ehrung zu erhalten.

Vor allem in einem Jahr, in dem die Lakers in der schwer umkämpften Western Conference den ersten Platz belegten. Dass die Auszeichnung nur wenig Aussagekraft hat, weiß man spätestens seit den letzten „MVP“-Abstimmungen, die Steve Nash und Dirk Nowitzki auf den Schild hoben. Nash kam mit den Phoenix Suns noch nie auch nur bis ins Finale. Und der Würzburger schied im vergangenen Jahr schon in der erste Play-off-Runde aus.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS

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