Eishockey-WM

Russland verdirbt Kanada die Titelparty

Von Hans-Joachim Leyenberg, Quebec

19. Mai 2008 Ausgerechnet bei der ersten Eishockey-WM in Kanada hat Russland seine lange Durststrecke beendet und ist nach einem Triumph über den gastgebenden Titelverteidiger erstmals seit 15 Jahren wieder Weltmeister. Die Russen entthronten den Rekordchampion am Sonntag im Finale in Québec nach toller Aufholjagd mit 5:4 (1:3, 1:1, 2:0) nach Verlängerung. Matchwinner war Ilja Kowaltschuk nach 2:42 Minuten der Extraspielzeit.

Damit verpassten die Kanadier nicht nur ihr 25. WM-Gold, sondern konnten auch nicht den Fluch des Gastgebers besiegen. Zuletzt hatte 1986 die Sowjetunion auf eigenem Eis einen ihrer 22 Titel geholt, dem die Russen 1993 den bisher einzigen weiteren folgen ließen. Den dritten Platz hatte sich am Samstag Finnland mit 4:0 über Schweden gesichert.

Wie ein armer Verwandter des einzig wahren Eishockeys

Mit dem Finale zwischen Kanada gegen Russland ist am Sonntag ein gewagtes Experiment beendet worden: die erste Eishockey-Weltmeisterschaft im Eishockey-Mutterland Kanada. Der Internationale Eishockey-Verband (IIHF) ist vor hundert Jahren gegründet worden, aber in Windsor, der selbsternannten Wiege des Eishockeys, sind sie schon um 1800 auf Schlittschuhen mit einem Stock in der Hand dem Puck aus Holz hinterher gerannt. Aber diese Pionierleistung reklamieren sie auch in Montreal und Kingston für sich. Dass die Kanadier damit angefangen haben, ist unbestritten.

Als die Nummer eins in diesem Sport - wenn es um Erfolge, Tradition und Aktivenzahl geht - sind sie davon ausgegangen, nach den Tagen von Halifax und Québec mit einem neuen Zuschauerrekord glänzen zu können. Tatsächlich sind sie mit 450.000 Zahlenden um rund 100.000 hinter der Besucherzahl der WM 2004 in Prag und Ostrau zurückgeblieben. Tapfer räumte Bob Nicholson, der Präsident des kanadischen Verbandes, ein, mit der WM ein wenig im Schatten der Profiliga NHL geblieben zu sein. Dort ist nämlich Play-off-Zeit. Die WM in Kanada hat nichts daran ändern können, dass sie in Nordamerika wie ein armer Verwandter des einzig wahren Eishockeys, der Variante NHL, wahrgenommen wird.

Was wirklich zählt, ist der Stanley-Cup

Man kann auch nicht behaupten, dass die Nation einem weiteren WM-Titel in ihrer Sammlung entgegengefiebert hätte. Was wirklich zählt, ist der Stanley-Cup, die Trophäe für den NHL-Meister. Seit nunmehr 15 Jahren kommt der Champion aus den Vereinigten Staaten. Das schmerzt. Eines unter 100 Exponaten, die in der Kunsthalle zu Halifax auf drei Ebenen zum Thema Eishockey gezeigt werden, illustriert den Schmerz auf ironisierende Weise: Dort hockt ein Skelett auf einem Stuhl, ein Maple-Leaf-Trikot um die Knochen und einem Schild um den Hals. „Waiting for Cup“ lautet die Aufschrift, das Warten auf den Pokal zehrt also gewaltig an der Substanz.

Kanada setzt andere Prioritäten als die Europäer, wenn es um Eishockey geht. Als Kanada im vergangenen Mai Weltmeister wurde, waren 1,8 Millionen Kanadier via Fernsehen live dabei. Beim Finale der Junioren-Weltmeisterschaft im Dezember waren es 4,1 Millionen. Ohne die Play-off-Konkurrenz der NHL, mit den tatsächlich Besten ihres Jahrgangs. Denn das ist und bleibt die Crux am Termin Ende April, Anfang Mai: Für den Eishockeyprofi hat die NHL Vorrang. Nur wer aus dem Play-off-Rennen ist, kommt als Extrapower für die WM in Frage. Doch der eine oder andere von der Saison gestresste Profi sagt im Zweifelsfall dankend ab. Etwa wie die Schweden Peter Forsberg und Mats Sundin. Zudem sind Tomas Holmström, Nik Lidström und Henrik Zetterberg noch in den Play-offs beschäftigt. So kam es, dass der Olympiasieger selbst das Spiel um Platz drei gegen die Finnen mit den Superstars Saku Koivu und Teemu Selänne 0:4 verlor.

Trostpreis für Finnland

Rang drei war für Finnland nicht mehr als ein Trostpreis hinter den das Turnier dominierenden Teams aus Russland und Kanada. Sie hatten selbst die Tschechen und Slowaken weit hinter sich gelassen, einst heiße WM-Kandidaten. Als Kollektiv boten diese einst kurzfristig zusammengestellten Teams aus Kanada Paroli. Inzwischen reichen weder Talent noch Zusammenhalt.

Auf lange Sicht bleibt es bei der Vorherrschaft der Kanadier, solange sie die WM nur ernst genug nehmen. Sie greifen aus einem schier unerschöpflichen Reservoir an Talenten. Seit sie 1982 erstmals bei einer Junioren-WM auftauchten, prompt gewannen, gelangen ihnen weitere 13 Triumphe. Jährlich vergibt der Verband 2800 Stipendien für Spieler, auf das sie Sport und Studium miteinander vereinbaren können. Von den momentan 941 Spielern aus 21 Nationen in der NHL sind allein 496 kanadischer Herkunft. Selänne, ein Kenner kanadischer Verhältnisse, behauptet, dass das Eishockey-Mutterland drei, vier oder gar fünf konkurrenzfähige Nationalteams stellen könnte. „Sie haben die Auswahl unter 500 Spielern, die alle das Zeug dazu haben, den WM-Titel zu gewinnen.“

„Ich hoffe, wir müssen nicht wieder hundert Jahre warten“

Mit der WM just dort, wo Eishockey Volkssport ist, ja sogar Teil der kanadischen Identität, glaubte die IIHF Boden gegenüber der NHL gutmachen zu können. In Halifax und Québec ist das für den Moment gelungen. Doch die NHL bleibt, die WM geht. Sie kehrt für das nächste Jahrzehnt zurück nach Europa. 2009 in die Schweiz nach Bern und Kloten. „Ich hoffe, wir müssen nicht wieder hundert Jahre warten“, hat René Fasel, der Präsident des Internationalen Verbandes, den Kanadiern zum Abschied gesagt.

Mit diesen Worten ermunterte der Zahnarzt aus der Schweiz die Kanadier, sich doch bitte schön wieder als Gastgeber zu bewerben. Abwarten. Bei aller Liebe zum Eishockey stehen vergleichende Zahlenstudien an: die der Sponsoren, die der Akzeptanz der Fernsehzuschauer zu nachtschlafener Zeit in Europa und zum Teil am frühen Nachmittag in Kanada. Das Publikum in Halifax und Québec hat mehr als gewohnt für Eishockey zahlen müssen und dabei mitunter einen Klassenunterschied erlebt, wie er in der NHL undenkbar ist.

Der kanadische Konsument staunte über Letten und Deutsche

Die deutsche Mannschaft (Zehnter) hat bei ihren zeitlich und qualitativ limitierten Auftritten nicht gerade Werbung in eigener Sache betrieben. Das lag nicht zuletzt an der Führungscrew des Verbandes, die im Vorfeld der WM amateurhaft agierte. Punkten konnten wenigstens die weit gereisten Anhänger der Nationalmannschaft. Besser, weil noch bunter, origineller und fröhlicher waren nur die lettischen Fans.

Da staunte der kanadische Konsument. Er ist es gewohnt, sich zurückzulehnen. Wenn Team Canada spielt, ist der Sieg garantiert. So war es jedenfalls vor einem Jahr bei der WM in Moskau und bis zum finalen Anpfiff in Québec. Zum Jubiläum gab es dann aber doch ein Novum: Nie zuvor waren Kanadier und Russen einander in einem WM-Endspiel begegnet. Allein für diese Konstellation hat sich das Experiment auf kanadischem Boden gelohnt.

Erste WM-Niederlage nach 17 Spielen

Im Finale ging die „Sbornaja“ nach nur 83 Sekunden in Führung, als Alexander Sjomin ein Zuspiel von Alexander Owetschkin verwertete. Verteidiger Brent Burns (4.), Chris Kunitz (10.) mit Kanadas 50. WM-Tor und erneut Burns (15.) bei 5:3-Überzahl sorgten dann für das verdiente 3:1 der Gastgeber nach dem ersten Drittel. Sjomin (22.) verkürzte mit seinem sechsten WM-Tor für die Russen, die nun weniger Strafzeiten kassierten. WM-Torschützenkönig und Topscorer Dany Heatley (30.) schien mit seinem zwölften WM-Tor Kanadas Heimtriumph sicher zu stellen.

Alexej Tereschtschenko (49.) und Ilja Kowaltschuk (55.) sorgten im Schlussabschnitt aber noch für den Ausgleich und für Hochspannung. Am Ende stand die erste Niederlage der Kanadier bei Weltmeisterschaften nach 17 Spielen.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, REUTERS

 
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