Von Jürgen Kalwa, New York
25. April 2008 Wenn Trainer die Mitglieder einer Mannschaft motivieren wollen, verzichten sie bisweilen ganz bewusst auf lautstarke Sprüche. Nicht nur weil vor einem wichtigen Match der Worte irgendwann genug gewechselt sind. Man kann schließlich Sportlern das gemeinsame Ziel auch anders vor Augen führen. Zum Beispiel mit einem dieser dicken Ringe am Finger, mit denen in den Vereinigten Staaten traditionell die Gewinner von Meisterschaften beschenkt werden. Bei den Dallas Mavericks kann kein Spieler mit solch einer Preziose protzen. Dazu hat es bisher sportlich noch nicht gereicht. Anders ist das bei Chef-Coach Avery Johnson, der am Dienstag seinen glitzernden schwarzen und goldenen Reif aus dem Jahr 1999 aus der Schublade holte, um ihn beim Spiel seiner Mannschaft gegen die New Orleans Hornets zu tragen.
Die Botschaft dieser Ring-Vorführung an Dirk Nowitzki und seine Nebenleute war leicht zu entschlüsseln: Wenn ihr auch mal Meister werden wollt, so wie ich, dann müsst ihr euch ein bisschen mehr anstrengen. Der Hinweis mag durchaus bei den Spielern angekommen sein. Aber ihre Leistung – mal abgesehen von den Anstrengungen von Dirk Nowitzki, den man noch nie motivieren musste, und dem starken Zug von Brandon Bass zum Korb – spiegelte nicht wider, wie sie diese Anspielung verstanden hatten.
Von Trainer Johnson kamen keine nützlichen Impulse
Die meisten Mavericks wirkten im zweiten Match der Playoff-Serie gegen die quicklebendigen Hornets eher wie müde Matadoren. Selbst die ganz konkreten Regieanweisungen von Johnson, etwa den beeindruckenden Dribbler Chris Paul in Doppeldeckung zu nehmen, nutzten nichts. Der Spielmacher marschierte entweder trotzdem weiter, oder er spielte einen öffnenden Pass an einen freigelaufenen Mitspieler.
Der Mann auf der Bank sah durchaus, dass seine Spieler den unbekümmert angreifenden Hornets konzeptlos ausgeliefert waren. Aber während des Spiels kamen von ihm keine nützlichen Impulse. Die Sache mit dem Ring wird er wohl nicht noch einmal probieren. Ich schätze mal, das hat heute Abend nicht motiviert“, sagte er nachher. Wie er die anderen Beobachtungen im weiteren Verlauf der Serie in ein brauchbares taktisches Korsett bringen will, wurde allerdings auch nicht klar.
Niemand sollte überrascht sein, wenn Johnson gefeuert wird, heißt es in Dallas
Wir müssen verhindern, dass er den Ball bekommt“, sagte Johnson nach der heftigen 103:127-Niederlage über den gerade 22-jährigen Chris Paul. Er hat einen sehr starken Willen und ist zäh, und er ist schnell auf dem Weg zum Ball.“ Er hätte auch sagen können: Chris Paul ist ein besserer Aufbauspieler, als ich jemals war, und ich habe keine Ahnung, wie man gegen einen solchen Mann verteidigt.“ Aber das wäre vermutlich zu viel verlangt gewesen.
So räusperte sich Kolumnist Jean-Jacques Taylor am nächsten Tag kurz und sprach im Lokalblatt Dallas Morning News“ öffentlich aus, was mittlerweile viele Anhänger des Clubs denken: Falls Avery nicht herausfinden kann, wie er seine Mannschaft dazu bringt, zu reagieren und diese Serie zu gewinnen, sollte niemand überrascht sein, wenn Cuban ihn feuert.“
Die Mavericks müssen nun vier von fünf Spielen gewinnen
Nur drei Jahre nachdem er eine der besten und attraktivsten Mannschaften der NBA übernahm und wie von magischer Hand durch eine Umorientierung auf intensive Defensivarbeit zum Titelaspiranten machte, ist von dem alten Schwung und der Begeisterung nicht mehr viel zu spüren.
Das wäre alles nur halb so schlimm, wenn das Team an diesem Freitag nicht auch mit den in der Vergangenheit geschürten hohen Erwartungen in eine vielleicht schon wegweisende Begegnung der Serie gehen würde. Denn mit einem bisschen Aufbäumen ist es nicht getan. Dallas liegt in der Serie 0:2 zurück und müsste von den maximal noch fünf restlichen Begegnungen vier gewinnen. Und das, obwohl die Mavericks in den bisherigen Spielen kein Rezept gefunden haben, um die unerfahrene, aber enthusiastische Gruppe von Basketballern aus Louisiana auch nur in Verlegenheit zu bringen.
Letzter Strohhalm: Der Glaube an die Statistik
Da wirkte es denn auch bezeichnend, dass man am Mittwoch im Umfeld der Mavericks auf eine andere alte Einschwörungsformel aus dem Repertoire der Trainerpsychologie zurückgriff: auf das Gesetz der Serie. Denn die Hornets haben in den letzten zehn Jahren kein einziges Spiel in Dallas gewonnen. Warum das so ist, weiß niemand. Dennoch möchte jeder daran glauben, dass dies ein brauchbares Omen ist. Inzwischen wirkt bereits jeder Strohhalm wie ein Rettungsring.
Das wissen auch die Hornets. Sonst würden sie nicht so gelassen in die Begegnung gehen. Center Tyson Chandler, der Dallas-Fans mit seinen von Chris Paul eingefädelten Alley-Oop-Dunks und seinen Defensiv-Rebounds ständig auf deutliche Weise dokumentiert, wie groß das Defizit ihrer Mannschaft auf der gleichen Position ist, lassen solche Spieltheorien ziemlich kalt: In diesem Jahr haben wir eine ganze Menge Trends beendet.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS
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