Von Constanze Döring
Your art ist great when you successfully focus your experience to reveal some profound new understanding of the world that had previously eluded us. (James Kochalka, The Horrible Truth About Comics)
Den Titel Breakdowns hat Art Spiegelman für seine Sammlung ausgewählter Kurzgeschichten mit Bedacht gewählt. Denn dieser Band versammelt nicht nur Geschichten über Zusammenbrüche und Umbrüche oder stellt selbst einen Umbruch in Spiegelmans Leben dar. Breakdowns hat auch eine weitere Bedeutung, die programmatisch für den Originalband ist: die der Aufschlüsselung und Auflistung. Vorsorglich wurde im Beiheft zur deutschen Übersetzung des Originalbands aus dem Jahr 1981 auch auf diese Lesart hingewiesen. Und so, wie die ersten beiden Bedeutungen den persönlichen Anteil in Spiegelmans Comics anreißen, enthält der zusätzliche Aspekt den Hinweis auf die Analyse und Abstraktion des Mediums Comic, die die Kurzgeschichten aus den Jahren 1972 bis 1977 formal miteinander verbindet.
Eine solche Demontage von Comics ist aber nicht für jeden Leser verständlich, geschweige denn interessant. Darum ist auch die Neuauflage von Breakdowns mit einem einführenden Essay in Comicform (Porträt des Künstlers als junger %@§*!) sowie einem ausführlichen Nachwort versehen. Diese Ergänzungen sind für den ungeübten Comicleser sinnvoll und hilfreich, liefern sie doch den Hintergrund für die Kurzgeschichten und helfen dabei, Spiegelmans Bedeutung für die Comicgeschichte einzuschätzen.
Der Comic-Künstler als Kartograph
Diese Positionierung geht weit darüber hinaus, den Pulitzer-Preis bekommen oder als Mentor und Förderer in seinem Magazin Raw junge Talente unterstützt zu haben. Art Spiegelman ist ein echter Erforscher des Mediums Comic und dessen Möglichkeiten. Er trägt den Entdeckerdrang in sich, das Objekt seiner Begierde komplett zu dekonstruieren, um es in sich zu verstehen - dessenFunktionsweise, Ausdrucksmöglichkeiten, Herstellung. Die Kurzgeschichten setzen um, was im Essay und im Nachwort thematisiert wird: das Erschließen der graphischen und erzählerischen Möglichkeiten des Mediums Comic, das Ausloten seiner Grenzen, die Kartographie von Neuland.
Der Comic-Künstler als Kartograph - dieses Bild wurde schon mehrfach heraufbeschworen. Der neuseeländische Zeichner Dylan Horrocks unterschied in seinem Comic Hicksville zwischen Karten, die die Geographie des Raums abbilden, und Karten, die die Geographie der Zeit aufzeichnen. Horrocks lässt eine seiner Figuren Comics mit Karten gleichsetzen - mit der Begründung, dass beide sowohl räumliche als auch temporale Beziehungen abbildeten. Die Zeichnerin Alison Bechdel, die mit ihrem Comic-Roman Fun Home in Amerika den Preis Book of the Year der Wochenzeitschrift Time gewann, brachte in einem Interview ihre Sicht der Nähe von Comics zu Karten auf den Punkt: Sie vereinfachten die komplexe Dreidimensionalität der Wirklichkeit und bildeten sie zweidimensional ab. Bechdel selbst zeigt in ihrem Comic eindrucksvoll, wie dies aussehen kann. Wie topographische Karten in unterschiedlichem Maßstab zoomen die Kapitel ihres Buchs immer näher an das Problemfeld Familie heran, prominente Eckpunkte werden mit jedem Kapitel immer deutlicher.
Die Inhalte und Grenzen der graphischen Möglichkeiten
Und doch unterscheidet sich die Kartographie Art Spiegelmans von der Horrocks oder Bechdels. Wo sich die beiden letzteren eher auf die narrative Seite des Comics beziehen, bildet Spiegelman vorrangig die Inhalte und Grenzen der graphischen Möglichkeiten ab. So ist Breakdowns eher eine Sammlung von Karten zu einem Gebiet, auf dem sich viele tummeln, aber nur wenige zurecht finden. Einige von ihnen bewegen sich blind hindurch, andere sind durch Zufall auf Gold gestoßen, aber Spiegelman will nichts dem Zufall überlassen. Mit nahezu wissenschaftlichem Forschungseifer erkundet er jede kleinste Ecke, inspiziert seine Fundstücke, lässt sich von Abhandlungen über verwandte Gebiete inspirieren, und vor allem übt er sich, das Gelernte umzusetzen. Breakdowns ist also eine Auflistung all dessen, womit Art Spiegelman experimentiert hat, und eine Aufschlüsselung der Möglichkeiten des Mediums.
In den Kurzgeschichten Witze reißen und Kleine Zeichen von Leidenschaft macht er sich Gedanken über den Humor und dessen zeichnerische Umsetzung sowie generell über das Erzählen mit Text und Bildern. Er demonstriert die Möglichkeiten, Zeit im Comic darzustellen, wie das sein Protégé Chris Ware zwanzig Jahre später in der Acme Novelty Library einem größeren Publikum gezeigt hat. Spiegelman reißt in Schaltkreis des Tages nur an, was Ware ausformuliert hat: Comic-Panels in Form von Diagrammen anzuordnen und so Zeitabläufe nicht mehr nur linear, sondern auch in ihrer Gleichzeitigkeit darzustellen.
An der Kluft zwischen Kunst und Comic
Neben der Narrativität des Comics erforscht Spiegelman auch dessen visuelle Ausdrucksmöglichkeiten. Er verwendet klassischen Cartoonstil neben holzschnittartigen, vom Expressionismus inspirierten Graphiken, experimentiert mit der Zweidimensionalität von Comics und arbeitet häufig mit Appropriationen. Besonders die Kurzgeschichte Ass. Loch: Zwergdetektiv wimmelt von solchen bewussten Kopien in kritischer Absicht. In einer Traumsequenz findet sich der kleine Privatdetektiv plötzlich bei Little Nemo in Slumberland, dem Comic über Träume schlechthin. Auch zeigt sich der Einfluss Picassos auf Art Spiegelman: Picasso selbst hat einen Kurzauftritt in besagter Traumsequenz, die Protagonistin ist eine kubistische Schönheit, und ein Panel verbindet Picassos Guernica mit dem Comics Code, der Szenen mit übermäßiger Gewalttätigkeit verbietet - Kunst darf, was dem Comic untersagt ist.
Diese Kluft zwischen bildender Kunst und Comic hat Spiegelman intensiv beschäftigt. Er selbst widmet sich dem Comic mit einer Ernsthaftigkeit, die keinen Zweifel daran lässt, dass es sich hierbei um einen Forschungsgegenstand handelt, der diese bedingungslose Liebe tatsächlich verdient, und so sagt er im Nachwort über sich selbst aus: Er wagte es, sich einen Künstler zu nennen und sein Medium eine Kunstform. Nicht nur die Anleihen bei den bildenden Künsten zeugen davon, auch erzählerisch hat sich Spiegelman von dem Dogma gelöst, dass Comics nur komische Themen transportieren dürfen. Die Kurzgeschichte Maus ist eine erste Auseinandersetzung mit dem Holocaust - ein Thema, das Spiegelman noch lange beschäftigt hat und ihm in Folge den besagten Pulitzer-Preis bescherte. In der Geschichte Gefangener auf dem Höllenplaneten setzt er sich ebenfalls mit einem sehr persönlichen und sehr ernsthaften Thema auseinander, dem Selbstmord seiner Mutter.
Autobiographisch inspiriert, politisch dimensioniert
Mit beiden Themen bricht Spiegelman Tabus, er bewegt sich auf bislang kaum erforschtem Terrain. Zwar hatte auch Bernie Krigstein schon 1955 eine meisterhafte Kurzgeschichte über Menschen geschrieben, die sich aus einem Vernichtungslager kannten ( Master Race), Spiegelman ging aber noch einen Schritt weiter und brachte in diese heikle Thematik den persönlichen Aspekt hinein. In einem Interview mit Christian Gasser sagte er dazu selbst: Nur die Verbindung des Persönlichen mit dem Politischen erzeugt sinnvolle Geschichten. Sonst ist man entweder zu ich-bezogen oder macht Propaganda. Damit charakterisiert er seine wichtigsten Arbeiten, deren Themen zwar autobiographisch inspiriert sind, die aber immer das Persönliche transzendieren und eine politische Dimension aufweisen.
Mit dieser Art des Umgangs mit seinen Themen hebt sich Spiegelman wohltuend von vielen anderen Verfassern autobiographischer Comics ab. Er gibt sich keiner puren Nabelschau hin, sondern findet über ein gewisses Maß an Abstraktion zu allgemeingültigen Wahrheiten. Dieser Schritt weiter ist es dann auch, der Spiegelmans Comics tatsächlich zu Kunst macht. Selbst wenn die Lesbarkeit dabei manchmal auf der Strecke bleibt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, Constanze Döring