Einführung: „Breakdowns“

Was der Comic zu leisten vermag

Von Andreas Platthaus

26. November 2008 Vor dreißig Jahren erschien in den Vereinigten Staaten ein Comic, wie ihn dort noch niemand gesehen hatte: Großformat, sorgfältige Verarbeitung, ein echtes Buch. Etwas anderes als Hefte auf meist billigem Papier kannte man dort nicht, und selbst wenn im Jahr zuvor mit Will Eisners „Ein Vertrag mit Gott“ der erste Comic erschienen war, der vom Autor selbst als „graphic novel“ bezeichnet wurde, also als gezeichneter Roman, war kein Denken daran, dass der Comic seinerzeit als ernsthafte Literaturform betrachtet worden wäre. Dass sich seitdem auch in Amerika einiges an dieser Missachtung geändert hat, ist auch das Verdienst des großformatigen Buches.

Sein Titel lautete „Breakdowns“, und gezeichnet waren die darin versammelten Geschichten von einem damals Dreißigjährigen, der nur sehr genauen Beobachtern der amerikanischen Comic-Szene ein Begriff war: Art Spiegelman. Bislang war der 1948 in Stockholm geborene, aber schon als Baby mit seinen Eltern nach New York emigrierte Künstler nur in Anthologien aufgetreten (oder hatte sie gleich selbst herausgebracht). Er war aber einer der wagemutigsten Vertreter der alternativen Comic-Szene, die sich selbst Underground nannte und deren wichtigste Protagonisten Spiegelman in den späten sechziger Jahren in Kalifornien kennengelernt hatte. Alle Comics in „Breakdowns“ waren zuvor schon anderswo erschienen, teilweise in obskuren Publikationen mit Winzauflagen, doch nun wurden sie in einem Band zusammengefasst, dessen Opulenz eher die Werkausgabe eines Klassikers vermuten ließ.

Sein persönlichster Band

Art Spiegelman zeigt Kollegen seine „Maus”-Entwürfe (Szene aus der neuen Einleitung von „Breakdowns”)

Art Spiegelman zeigt Kollegen seine „Maus”-Entwürfe (Szene aus der neuen Einleitung von „Breakdowns”)

Das hatte seinen Grund in einer Fehleinschätzung. Ein engagierter Jungverleger, der mit Spiegelman befreundet war, hoffte auf das große Geld mit populärer Kultur. Nun war Spiegelman nicht populär, aber das wahre Drama ereignete sich, als schon die allererste Publikation des neuen Verlags, ein gleichfalls überformatiges Posterbuch mit Elvis-Fotos, das nach dem Tod des Sängers ein sicherer Verkaufshit zu sein schien, keinen Anklang fand. Das Unternehmen ging bankrott, bevor das bereits gedruckte „Breakdowns“ auch nur ausgeliefert werden konnte. Später übernahm ein kaum minder engagierter anderer Kleinverleger die fertigen Spiegelman-Bücher, und es dauerte an die zehn Jahre, bis die Erstauflage von fünftausend Exemplaren endlich vergriffen war. Da war der Zeichner bereits eine lebende Legende, was allerdings nur zum geringsten Teil „Breakdowns“ zu verdanken war.

Dabei nennt er selbst im F.A.Z.-Gespräch diesen Band seinen persönlichsten - was angesichts von „Maus“, dem Comic, der nach „Breakdowns“ entstand und die Geschichte von Spiegelmans Vater und vom Verhältnis des Sohns zu ihm erzählt, einiges heißen will. Tatsächlich entblößte sich der Zeichner in seinen frühen Arbeiten nach gängiger Underground-Manier bis ins Extreme, aber er entwickelte auch schon seinen spezifischen Umgang mit dem Comic als Genre, indem er formale Experimente durchführte, klassische Vorbilder variierte und nach neuen Erzählweisen suchte. „Breakdowns“ ist dadurch zur Basis eines Werks geworden, das nicht nur zu den berühmtesten in der Comic-Geschichte zählt, sondern auch zu den einflussreichsten.

Nun ist der Band nach dreißig Jahren neu herausgekommen, und diesmal dürfte ihm ein großer Erfolg sicher sein. Er ist noch vor der amerikanischen Ausgabe auf Französisch erschienen und gerade auch auf Deutsch. Hatte sich 1980 nur der politisch engagierte Kleinverlag Roter Stern an eine Übersetzung gewagt, so ist es nun das namhafte Haus S. Fischer, in dessen Programm „Breakdowns“ erscheint. Aber auch Spiegelman ist eben in der Zwischenzeit zu literarischen Weihen gelangt, und das wird in der Neuausgabe dokumentiert durch ein eigens erstelltes Vorwort, an dem der Zeichner mehr als zwei Jahre gearbeitet hat: einem umfangreichen Comic, in dem Spiegelman erzählt, wie aus ihm wurde, was er heute ist. So deckt „Breakdowns“ nun mit einem Mal durch die Erweiterung die ganze Karriere eines der großen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts ab.

>> weiter mit „Breakdowns“-Einführung, Teil 2

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: S. Fischer, Verlag

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