Wahlkampf in Amerika: Anfang November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten - den Nachfolger von George W. Bush. Der Wahlkampf zwischen dem designierten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, gewinnt an Schärfe. Wo wird die Wahl entschieden? F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb reist quer durch das Land und zeichnet ein Stimmungsbild.
Gewiss, so lang und so berühmt wie die US Route 66 ist sie nicht. Aber auf immerhin knapp 1700 Kilometer kommt auch die US Route 29 auf ihrer Streckenführung von der Hauptstadt Washington nach Pensacola in Floridas Panhandle. Auf der US 29 rollt nicht der Hauptverkehr an der Ostküste. Diesen Knochenjob übernimmt die berüchtigte Autobahn I-95, die sich über eine Länge von 3000 Kilometern von Miami im Süden bis an die kanadische Grenze erstreckt - geplagt von Staus, Straßenschäden und Baustellen.
Die US 29 führt von Washington aus in südwestlicher Richtung durchs ländliche Virginia, vorbei an Farmland mit grasendem Fleckvieh, mannshohen Maispflanzen oder sogar Weinstöcken, durch die Täler der sanft geschwungenen Blue Ridge Mountains, durch Städtchen oder Städte wie Culpeper oder Charlottesville. In Charlottesville hat sich Thomas Jefferson, der Autor der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der Vereinigten Staaten, Monticello, seinen Altersruhesitz, inmitten einer elysischen Plantage errichtet und im Jahre 1819 die Universität von Virginia gegründet.
Die US 29 hat allerlei inoffizielle und offizielle Beinamen. Sie heißt etwa Seminole Trail, weil dieser Pfad bis zu den einstigen Siedlungsgebieten der Seminole-Indianer im Südwesten Floridas führt. Auf Schritt und Tritt aber begegnet dem Reisenden die Bezeichnung 29th Infantry Division Memorial Highway. Im Abstand von wenigen Meilen stehen die grünen Schilder mit dieser Bezeichnung am Straßenrand, und es gibt keines, auf das nicht zwei kleine amerikanische Flaggen gepflanzt und um welches nicht gelbe Erinnerungsbänder gewunden wären. Die 29. Infanteriedivision ist eine Einheit der Nationalgarde, sie hat epische Schlachten im Ersten und im Zweiten Weltkrieg geschlagen. In jüngerer Zeit war und ist sie auf dem Balkan und im Nahen Osten im Einsatz.
Das Städtchen Bedford an der US 29 verdankt sein am 6. Juni 2001 eingeweihtes National D-Day Memorial dem Umstand, dass bei der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 keine andere Stadt so viele Gefallene im Verhältnis zur Einwohnerzahl zu beklagen hatte. Weil die 29. Infanteriedivision eine Einheit der Nationalgarde war, stammten die Männer - von den Hauptleuten bis zu den Gefreiten - fast alle aus dem ländlichen Virginia. Bedford hatte seinerzeit etwa 3200 Einwohner. 103 Männer aus Bedford rückten aus, um im fernen Europa die Freiheit zu verteidigen. In den ersten Minuten der Landung an Omaha Beach fielen 19 Männer aus Bedford, weitere drei Soldaten in den folgenden Tagen.
Freiheits- und Gottesglaube sind höchst lebendig hier im ländlichen Süden Virginias, des nördlichsten aller Südstaaten, der mit George Washington, Thomas Jefferson und James Madison drei der vier ersten Präsidenten hervorbrachte und wo heute jedes noch so kleine Dörfchen seine Baptistenkirche hat. Sogar die Tankstellen heißen hier Liberty.
Und in Lynchburg an der US 29 liegt die vom Baptisten-Prediger Jerry Falwell gegründete Liberty University, die größte evangelikale Hochschule der Welt. Hier hielt der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain, der im Jahre 2000 beim Vorwahlkampf gegen George W. Bush den erzkonservativen Christen Falwell noch als Beförderer der Intoleranz bezeichnet hatte, im Mai 2006 eine Rede zur Graduierungsfeier. Zum Abschluss seiner Versöhnungsgeste an Falwell sagte McCain, Freiheit und Menschenrechte stehen über dem Staat und jenseits der Geschichte - denn sie sind von Gott gegeben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.