Fort Stewart (Georgia)

Unerschöpflicher Vorrat an Flaggen

Von Matthias Rüb

03. August 2008 Anfang November wählen die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten - den Nachfolger von George W. Bush. Der Wahlkampf zwischen dem designierten demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama und dem Kandidaten der Republikaner, John McCain, gewinnt an Schärfe. Wo wird die Wahl entschieden? F.A.Z.-Korrespondent Matthias Rüb reist quer durch das Land und zeichnet ein Stimmungsbild.

Ralph Dixon verteilt amerikanische Fähnchen. Jeder erwachsene Besucher bekommt eine, die Kinder zwei - an Nationalflaggen soll es nicht fehlen. Zusammen mit einigen Kameraden von den „Vietnam Veterans of America“ (VVA) ist Ralph Dixon zur Empfangszeremonie auf das Aufmarschfeld Cottrell Field in Fort Stewart nahe Savannah gekommen, wo die Dritte Infanteriedivision des amerikanischen Heeres zu Hause ist. Dieser Tage werden hier aus dem Irak heimkehrende Truppen begrüßt. „So wie uns damals soll es den Soldaten heute nicht gehen“, sagt Dixon: „Als wir aus Vietnam zurückkamen, wurden wir einfach nach Hause geschickt, niemand hat uns begrüßt.“

Aus seinen Worten klingen noch Reste einer fast vier Jahrzehnte lang bewahrten Bitterkeit heraus. Jedenfalls soll es nach dem Willen Dixons und seiner Kameraden vom Verband VVA heute anders sein, wenn amerikanische Soldaten vom Krieg in fernen Ländern heimkehren. Und es ist anders - nicht nur wegen der Veteranen, die bei jeder „Homecoming Ceremony“ mit Fähnchen, „Welcome Home“-Spruchbändern und Erfrischungsgetränken für die wartenden Angehörigen zur Stelle sind. Auch die Streitkräfte selbst haben ein genaues Protokoll mit viel Pomp und Patriotismus festgelegt.

Tiffany Hievs aus Savannah wartet auf ihren Verlobten, Feldwebel Donal Gomez - zusammen mit Töchterchen Dadriana, das zwei Fähnchen in der Hand hat und im Sonntagskleid steckt. Die Soldaten der Dritten Infanteriedivision waren seit Februar 2007 im Irak - zum dritten Mal nach März 2003, gleich nach Beginn des Einmarsches in den Irak, und Frühjahr 2005 während des verlustreichen Zermürbungskampfs gegen sunnitische Extremisten. Dieser Tage kehren die letzten Einheiten zurück, die im Zuge der von Präsident Bush beschlossenen Truppenaufstockung ins Zweistromland verlegt worden waren.

Um das Cottrell Field mit dem sorgsam gepflegten Rasen sind in den vergangenen Jahren Alleen von rotblühenden Judasbäumen entstanden. Zum Gedenken an jeden Gefallenen wurde ein Baum gepflanzt - als „Symbol des Lebens für jene, die das höchste Opfer gebracht haben“, wie es heißt. Hinter jedem Baum stecken zwei amerikanische Fähnchen in der Erde, unter den Bäumen haben die Angehörigen so etwas wie Gedenkstätten eingerichtet: mit kleinen Holzkreuzen, mit der Fahne des bevorzugten Football-Teams, mit Fotos des Gefallenen, mit einer leeren Flasche des Lieblingsbiers. 414 Bäume wurden in Fort Stewart für die Toten des Irak-Krieges inzwischen gepflanzt. Fast jeder zehnte Gefallene im Irak ist von hier aus in den Krieg gezogen.

Die Angehörigen derer, die nun lebend zurückkehren, haben auf der Zuschauertribüne Platz genommen und schwenken Fähnchen. Endlich kommen die Busse mit den Soldaten, eskortiert von der Militärpolizei. Mit Helm und schusssicherer Weste marschieren die Männer und Frauen in Uniform im Gleichschritt über den Rasen bis in die Mitte des Feldes. Dort heißt sie ihr Kommandeur mit kurzen Worten des Stolzes und der Dankbarkeit willkommen. Es folgen die Nationalhymne und der „Army Song“. Dann dürfen endlich die Angehörigen von der Tribüne aufs Feld laufen. Kurz darauf liegen sich Tiffany und ihr Verlobter, Dadriana und ihr Vater in den Armen. „Du glaubst nicht, wie viel besser es jetzt in Bagdad ist“, sagt Feldwebel Gomez, der bei seinem zweiten Einsatz im Irak zuletzt durch die Straßen der Hauptstadt patrouillierte. „Ach, und ich bete nur, dass Du nicht noch mal fortmusst“, antwortet Tiffany Hievs.

Bald ist Cottrell Field wieder menschenleer, die wiedervereinten Familien haben es eilig mit der Heimfahrt. Derweil beginnen die Vorbereitungen für die nächste „Homecoming Ceremony“. Ralph Dixon und seine Vietnam-Kameraden werden wieder dabei sein, mit einem unerschöpflichen Vorrat an Fähnchen und patriotischer Dankbarkeit.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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