Kraemer (Louisiana)

Bananenrepublik im Flussdelta

Von Matthias Rüb

06. August 2008 Kapitän Roland Torres ist auf alles vorbereitet - sei es der nächste Hurrikan, sei es ein veritables Armageddon. Denn Kapitän Torres ist ein überaus gläubiger Katholik, der jeden Morgen um halb sechs Uhr aufsteht, beim Morgengebet um Gesundheit für sich und seine Familie bittet und auch darum, „ein besserer Mensch zu werden“. Und er hat Vorräte, viele Vorräte.

Roland Torres hat seinen Heimatstaat Louisiana noch nie in seinem Leben verlassen, und er ist sich sicher, dadurch nichts versäumt zu haben. Die Torres' sind „Isleños“, Nachfahren der von den Kanarischen Inseln stammenden gut 3000 Siedler, welche die Spanier zur Zeit ihrer Herrschaft über die Karibik und den Golf von Mexiko zwischen 1778 und 1783 ins heutige Louisiana gebracht haben.

„Seit sechs Generationen leben wir hier am Bayou Boeuf“, sagt Torres, und die drei Söhne, die alle in der Ortschaft Kraemer, etwa eine Autostunde südwestlich von New Orleans, im Marsch- und Sumpfland leben, setzen die Tradition als Bauern, Alligatoren- und Wildjäger sowie als Touristenführer fort. Das Spanische als Muttersprache haben die Torres' schon lange gegen das Cajun-Französisch der akadischen Franzosen eingetauscht, die zwischen 1755 und 1763 in viel größerer Zahl als die kanarischen Spanier von den Briten aus dem kanadischen Neuschottland nach Louisiana verfrachtet wurden.

Die spanischen „Isleños“ und die französischen „Acadiens“ haben an ihren Bayous - so heißen die Kanäle, Flussarme und kleinen Seen im riesigen Delta des Mississippi - schon manche Flut überstanden. Und sie haben sich auch nach den Hurrikanes „Katrina“ und „Rita“ von 2005 rasch wieder aufgerappelt, die Gemeinschaften blieben intakt. „Hier können Sie nachts bei offener Haustür schlafen“, versichert Kapitän Torres. Gewehr und Munition hat er daheim dennoch immer parat - aus Tradition, nicht aus Angst.

Von der nahen Metropole New Orleans und der Regierung in Baton Rouge - zumal von Bürgermeister Ray Nagin und dessen einstiger demokratischer Gouverneurin Katherine Blanco - hat er keine gute Meinung. Damit steht er nicht allein, denn weithin werden die Regierung von Louisiana und zumal der Magistrat von New Orleans als Herrscherclique von Bananenrepubliken betrachtet, wo einzig Ineffizienz, Korruption und Kriminalität die Katastrophen wie jene vom 29. August 2005 unbeschadet überstehen.

Zwar sind die Deiche und Flutwälle von New Orleans repariert, aber einem Hurrikan der Kategorie 4, wie „Katrina“, könnten sie trotz der inzwischen verbauten sieben Milliarden Dollar auch heute nicht standhalten. Zwar wanken wieder grölende Touristen durch das „French Quarter“ und belegen einige Hotels im Stadtzentrum, zwar hat die Tageszeitung „Times-Picayune“ soeben ihre seit „Katrina“ unterbrochenen Restaurantkritiken wiederaufgenommen.

Aber in dem von den Überschwemmungen besonders schwer getroffenen schwarzen Wohnviertel Lower Ninth Ward sind gerade einmal die Trümmer weggeräumt - nur ein paar wieder aufgebaute Häuser stehen in einer surrealen städtischen Brachlandschaft. Es gibt nach wie vor keinen stimmigen Plan über die künftige Gestalt der Stadt. Statt der ehedem 455 000 Einwohner leben heute allenfalls 295 000 Menschen in New Orleans. Hunderte vor allem schwarzer Obdachloser kampieren unter den Brücken. Mit 209 Morden war New Orleans 2007 im Verhältnis zur Einwohnerzahl die „Mordhauptstadt“ der Vereinigten Staaten, und in diesem Jahr wird sie diesen traurigen Titel wieder erringen. Vier Fünftel der Mordopfer sind schwarze Männer.

Das alles scheint weit weg vom zeitentrückten Ort Kraemer am Bayou Boeuf, und doch ist es nahe genug, um Roland Torres als eines von vielen Zeichen zu gelten. 2000 und 2004 hatte er für Bush gestimmt, ob er im November wählen soll, weiß er noch nicht.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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