Von Regina Mönch
12. Februar 2008 Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt, als zumindest die Welt der Multikulturalisten noch in Ordnung schien, begann eines ihrer Prestigeprojekte zu scheitern: die deutsch-türkische Alphabetisierung. Die Idee, in gemischten Klassen von Anfang an beide Sprachen zu lernen, klang gut, nur hatte man die Deutschen nicht gefragt. Die zogen einfach weg. Die türkische Mittelschicht folgte; und sie suchte nur selten nach Schulen, die Türkisch anboten. Berlins Polen, Italiener, Iraner, Vietnamesen, Russen oder Jugoslawen - um nur einige größere Zuwanderergruppen zu nennen - hatten sich um dergleichen Projekte nie bemüht. Und auch sie dürften kaum daran interessiert sein, ihren Kindern neben der deutschen, der englischen oder französischen Sprache die türkische beizubringen.
Gleichwohl ist um das Türkischlernen, und nur darum, manch eine ideologische Schlacht geschlagen worden, die stets vom Verdacht der Diskriminierung junger Türken begleitet war. Es entstanden trotzdem oder gerade deshalb Schulen mit mehrheitlich türkischen Kindern, was vor allem türkische Migrantenvereine erbitterte, die immer wieder nach besserer Durchmischung riefen. Doch, von Ausnahmen abgesehen, ist das größte Problem dieser Schulen, dass sie immer wieder, mit jeder neuen Schülergeneration, bei null anfangen. Mit sprachlosen, häufig desinteressierten Eltern und sprachlosen Kindern und der fatalen Erwartung, es sei die Bringschuld der Aufnahmegesellschaft, die Sprachdefizite ihrer Zuwanderer zu beheben.
Als sich die Erfinder abwandten, wurde es besser
Die Nürtingen-Schule in Berlin-Kreuzberg, dort wurde das Modell der deutsch-türkischen Alphabetisierung erfunden, ging schließlich andere Wege. Sie hatte mit Schülern begonnen, die noch in der Türkei ihre Muttersprache erlernten. Türkischkenntnisse, die den nächsten Generationen fehlten. Viele Eltern nahmen ihre Kinder aus dieser Schule, weil sie sich weigerten, der Sprachnot türkischer Kinder abzuhelfen, die Nürtingen-Schule hieß nur noch die Türken-Schule.
Als bekannt wurde, dass die deutsche Sprache allererstes Unterrichtsziel ist, spezielle Klassen sich gar der Montessori-Pädagogik verschrieben und tatsächlich wieder ethnisch gemischte Klassen gebildet werden konnten, weil sowohl Architektenkinder als auch die ehrgeiziger Putzfrauen und Gemüsehändler kamen, lief der türkische Elternverein Sturm. Begleitet von üblen Ausfällen türkischer Medien (Apartheid!). Doch seit die Nürtingen-Schule diese Form der Integration, die Assimilation, anbietet, gehört sie wieder zu den gefragten Lernanstalten in diesem schwierigen Kiez.
Für Ministerpräsident Erdogan wäre das wahrscheinlich Verrat
Eine andere Kreuzberger Schule wiederum hat sich für die Zweisprachigkeit entschieden, sie gehört zu den vierzehn Europa-Schulen der Hauptstadt. Einen Ansturm wie die italienisch-deutsche oder die englisch-deutschen und französisch-deutschen Schulen hatte sie nicht zu verkraften. Aber sie ist ein Leuchtturm und wird vor allem von säkularen Deutschtürken hoch geschätzt. Ihr Name Aziz Nesin ist Teil des Programms: der türkische Schriftsteller hat Rushdies Satanische Verse übersetzt, das reicht einem bestimmten orthodox-islamischen Milieu, die eigenen Kinder dorthin nicht zu schicken.
Trotz aller Erfolge aber melden Eltern Kinder, die sehr gut lernen, nach der vierten Klasse (Berlin hat eine sechsjährige Grundschule) in der deutsch-türkischen Europaschule ab und bringen sie an einem der begehrten Berliner Hochleistungsgymnasien unter. Ministerpräsident Erdogan würde diese Assimilation wahrscheinlich als Verrat einstufen. Doch zeigt sich hier nur wieder einmal, dass Bildungsmobilität eigene Wege geht, fernab aller Ideologie. Ein türkisches Privatgymnasium wiederum bietet seinen zahlenden Schülern als Abschluss ein deutsch-englisches Abitur an.
Auf dem Arbeitsmarkt bringen multikulturelle Gewohnheiten nichts
Selten spielt in den immer wieder aufflammenden Streitereien um das Türkischlernen an deutschen Schulen das Ziel derart herausgehobener Pflege einer Muttersprache eine Rolle. Nach Erdogan geht es um die Zuverlässigkeit der Auslandstürken, für die Verfechter der Bilingualität aber geht es um Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Doch hat der renommierte Mannheimer Soziologe Hartmut Esser in einer umfangreichen Studie nachgewiesen, dass der Nutzen muttersprachlichen Unterrichts völlig überschätzt wird. Die wenigen aussagekräftigen Forschungen belegen, dass Bilingualität im Vergleich zu sprachlicher Assimilation von Einwanderern kein Vorteil ist. Bestenfalls ist sie kein Nachteil.
In den Vereinigten Staaten konnte dieser Vorteil nicht einmal bei der großen Gruppe der hispanischen Kinder festgestellt werden. Und auf dem Arbeitsmarkt bringen auch ethnische Netzwerke oder multikulturelle Gewohnheiten nichts. Esser hält die Beherrschung einer Muttersprache für einen zusätzlichen Luxus, aber keinesfalls für nötig, um die zweite, hier die deutsche, Sprache zu erlernen.
Text: F.A.Z., 13.02.2008, Nr. 37 / Seite 31
Bildmaterial: Cinetext/OZ
