Fahrradhelme für Frauen

Schützt die Frau, schont die Frisur

Von Peter-Philipp Schmitt

05. Juni 2008 Ein Schaumstoffkern, darüber ein Stück Folie - aus viel mehr besteht ein Fahrradhelm nicht. Und im Grunde gibt es auch nur ein Modell: die Halbschale für den Schädel nämlich, die von unterschiedlichen Unternehmen wie Abus, Uvex, Alpina und KED auf den Markt gebracht wird. Größe und Farbe variieren, das ist auch schon alles. Besondere Bedürfnisse werden kaum berücksichtigt. Designer scheinen schon seit Jahren nicht mehr Hand an diesen Kopfschutz-Standard gelegt zu haben.

Wie schlecht es um das weitgehend ungestaltete Objekt bestellt ist, hatte Professor Hatto Grosse noch kurz vor Beginn seines Seminars „Fahrradhelme für Frauen“ im vergangenen Herbst erfahren müssen. Auf der Internationalen Fahrradmesse „IFMA Cologne“ in Köln fragte Grosse jeden Hersteller nach einer schützenden Kopfbedeckung speziell für Frauen. Und siehe da: Bei Abus wurde er - scheinbar - fündig. Man sei sogar, hieß es dort, der einzige Produzent, der bewusst auch an die Sicherheit weiblicher Fahrradfahrer denke. Die Modelle allerdings unterschieden sich dann doch nur in einer Hinsicht von den allseits bekannten Helmen: Sie waren entweder pinkfarben oder hatten zum Beispiel „florale Muster“.

Typisch weibliche Anforderungen

Frauen stellen Anforderungen an einen Fahrradhelm, die, man darf es wohl schreiben, „typisch weiblich“ sind. „Warum gibt es keine Fahrradhelme, die unsere Frisuren nicht zerstören?“, lautete vor einem Jahr die Frage einer Kollegin, die erst zur Auseinandersetzung mit dem Thema führte. Wenige Monate später schrieb Hatto Grosse, angeregt durch die Redaktion der Sonntagszeitung, sein Seminar an der „Köln International School of Design“ (KISD) aus. Fünfzehn Studenten meldeten sich, unter ihnen zwölf Frauen. In nur sechs Wochen entstanden 14 sehr verschiedene Entwürfe, die mit den hergebrachten halbschalenförmigen Schutzgebilden nicht mehr viel zu tun haben.

Am Anfang indes stand die Recherche: Wer fährt eigentlich Fahrrad? Laut der Bundesanstalt für Straßenwesen vor allem Frauen. Und welche Verletzungen treten auf? Alle möglichen, doch tödlich verlaufen fast ausschließlich Verletzungen des Hirnschädels. Ungeschützt durch den Helm ist bislang übrigens die Halswirbelsäule, die bei schweren Zusammenstößen sehr oft in Mitleidenschaft gezogen wird. Häufig komme es dabei, so heißt es, zu tödlichen Frakturen.

Unbequem und hässlich

Den Studenten fiel auf, dass, obwohl die meisten Fahrradunfälle mit Kopfverletzungen enden, noch immer sehr wenige Frauen bereit sind, einen Helm zu tragen. Helme seien sowohl unbequem und hässlich als auch unnötig und teuer, lauten die häufigsten Argumente, die deutsche Oben-ohne-Fahrerinnen in den vergangenen Jahren immer wieder äußerten. Eine nicht repräsentative Umfrage an der KISD unter fünfzig Studentinnen ergab zudem Folgendes: Nur vier von ihnen tragen überhaupt einen Fahrradhelm. Hauptgrund für den Helmverzicht sei „die Ästhetik“. Geklagt wurde im Einzelnen über Folgendes: Ein Helm zerstöre die Frisur, lasse sich schlecht mit der Kleidung kombinieren, verhunze die Gesichtszüge und sei schlecht fürs Make-up.

Die Anforderungen an einen weiblichen Kopfschutz sind also wesentlich höher als an einen männlichen. Natürlich muss jeder Helm auch die Sicherheitsbestimmungen (Norm EN 1078) des Gesetzgebers erfüllen. Zudem sollte er unter anderem noch eine gute Passform haben und größenverstellbar sein. Auch aufs Gewicht, auf die Belüftung, auf Reflektoren und eine Stoßdämpfung kommt es an - vom ansprechenden Design gar nicht zu reden.

Integrierte Handy-Freisprechanlage

Dermaßen sensibilisiert, konnten die Seminarteilnehmer erste eigene Ideen zum Thema sammeln. Wie könnte der Kopfschutz aussehen? Worauf darf man nicht verzichten? Wesentlich nach Meinung der Studenten sind eine integrierte Handy-Freisprechanlage, Kopfhörer für den MP-3-Player oder ein Navigationssystem. Ein Blinker wäre nicht schlecht, und ein Nackenriemen, der den Fahrer vorm Abknicken der Halswirbelsäule schützt, lasse sich ebenfalls einbauen. Warum nicht ein zusammenfaltbarer Helm, an den man die Sonnenbrille anstecken könnte? Oder zum Beispiel auch ein aufblasbares Haarnetz?

Besonders beliebt bei den Studenten waren modulartige Helme, die also auseinandergenommen werden können. Vielversprechend ist der „X-protect“ von Bettina Huber. Sie darf sich inzwischen sogar Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit mit der Fahrradhelmindustrie machen. Das Unternehmen KED in Freiberg am Neckar interessiert sich sehr für ihren Entwurf.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: KISD, privat

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