Pendlerboote in New York

Der einzig wahre Weg zur Wall Street

Von Erdmann Braschos

Hier kommt der Boss: “Winchester III“, 1912 gebaut

Hier kommt der Boss: "Winchester III", 1912 gebaut

20. Mai 2008 Staunend betrachtet ein New-York-Besucher die vor Manhattan ankernde Flotte schnittiger Motoryachten. „Das sind die Boote der Wall-Street-Bosse“, erklärt ein Ortskundiger. „Ah, und wo sind die Boote ihrer Kunden?“ Fred Schwed erzählt die Anekdote im 1940 bei Simon & Schuster erschienenen Band „A Good Hard Look at Wall Street“.

Die Dienstfahrzeuge der Business-Barone verbinden die ländlichen Adressen am Long Island Sound oder Hudson River mit Manhattan. 1860 bis 1940 entstehen allein auf Long Island knapp tausend Landhäuser. In Larchmond, Mamaroneck oder auf den idyllischen Wassergrundstücken Connecticuts ist der Ahorn schön groß, duftet es nach Laub und Äpfeln. Für den Weg nach downtown und zurück ist das kräftig motorisierte Pendlerboot die beste Verbindung. Es putzt die 30, 40 Meilen flott weg. Für Astor, Chrysler, Doubleday, Fokker, Ford, Ingersoll, Hearst, Morgan, Olds, Pulitzer, Winchester, Woolworth oder Vanderbilt ist es eine wassernahe Art des Fliegens. So werden die ersten Commuter-Yachten zunächst Flyer, später Business Boats genannt.

Alle paar Jahre ein neues Boot geordert

Fliegender Teppich: “Avalanche III“, 1926 gebaut und 30 Meter lang

Fliegender Teppich: "Avalanche III", 1926 gebaut und 30 Meter lang

Als Anlegestelle und Meereslimousinenparkplatz vor der Stadt verfügt der Montauk Yacht Club in Höhe der 52. Straße über einen eigenen Steg. Der Columbia Yacht Club bietet vor der 86. Straße eine Gelegenheit zum Landgang, der New York Yacht Club hat vor der 26. Straße am East River eine Landestelle. Das Geschäft mit Baumwolle, Eisenbahnen, Geld, Immobilien, Kohle, Stahl, Autos, Schrott oder Waffen, eine gute Konjunktur, niedrige Steuern, manchmal auch das geschäftliche Geschick der Väter haben dem kleinen Kreis der Bootspendler formidabel gepolsterte Verhältnisse beschert. Da können unbesorgt alle paar Jahre ein neues Boot geordert, die Maschinentelegraphen auf „full ahead“ gedrückt und die Sprithähne aufgerissen werden.

Im chronisch heißen New York der Sommermonate bieten die aromatische Seeluft und der Fahrtwind nachmittags auf dem Rückweg vom Büro eine willkommene Erfrischung. James D. Mooney versteht es, bereits frühmorgens das Beste aus der Passage zu machen. Er verlässt um halb acht im Bademantel das Haus und geht barfuß über den taufrischen Rasen an Bord, wo ihn die Besatzung seiner „Rosemarie“ mit warmgelaufenen Motoren und einer Zeitung erwartet. The miles slip by. Nach einer Weile nimmt Chauffeur Johnson die Fahrt aus dem Schiff. Mooney lässt den Bademantel im Rattansessel des Achterschiffs liegen und schwimmt eine Runde. Gibt es eine schönere Art, wach zu werden? Die verbleibende Fahrtzeit nach Manhattan nutzt Mooney zu Rasur, Ankleiden, Frühstück nebst Blick in die Zeitung. So entspannt und erfrischt kann der Arbeitstag beginnen.

Korbsessel auf dem Achterdeck für Genussmensch

Auch Baumwollfabrikant Chaloner Durfee Borden ist ein passionierter Yachtpendler, allein schon wegen des umständlichen Landwegs von Atlantic Highlands am südlichen Ausgang der Lower Bay zu seinem Betrieb zwei Bundesstaaten weiter nördlich. Der Genussmensch lässt sich gern im Korbsessel auf dem Achterdeck mit einer schönen Zigarre nieder und schüttelt die „Herald Tribune“ auf, während seine „Little Sovereign II“ vor einer Bahn weißen Schraubenwassers über die Hudson-Mündung kesselt. Die Welt ist für Borden in Ordnung, bis sich das 25-Knoten-Boot des Schrotthändlers Peter Winchester, dessen Vater mit Handfeuerwaffen ein Vermögen gemacht hat, provozierend nah vorbeischiebt und die Heckwelle von Bordens Schlitten übel durchschüttelt. Am selben Tag bestellt der Baumwollfabrikant beim Commuter-Spezialisten Charles Searburg ein 39-Knoten-Boot. Er wird es diesem verdammten Nabob zeigen. Zu Bordens Leidwesen rüstet der Schrotthändler zur Bootspendler- und Angebersaison 1912 mit einer täuschend ähnlichen, allerdings deutlich schnelleren „Winchester III“ auf.

Solche Spielchen findet John Pierpont Morgan ganz nett, betrachtet sie aber als Kinderkram für Neureiche. Morgan ist schon länger im Geschäft. Als er 1882 einen Dampfer für eine MittelmeerKreuzfahrt mietet, findet er Gefallen am maritimen Leben. Seitdem lässt er alle Jahre was Neues vom Stapel. Morgans Yachten heißen „Corsair“, sind schwarz gestrichen und so kolossal wie die Trusts, die er schmiedet. „Size and importance are brothers“, bemerkt Harold Vanderbilt, auch er ein Pendler, später einmal in anderem Zusammenhang. Mit 93 Meter Länge hat Morgans dritte „Corsair“ das Format der „Gorch Fock“. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt Morgan, dass sich sein Dampfer über private Kreuzfahrten hinaus auch für den Weg zum Büro eignet. Morgan gilt als Pionier des „yacht commuting“. Seine Schiffe befinden sich in einem deutlich besseren Zustand als seine Ehe. So reichen ihm 19 Knoten völlig, zumal seine Aufmerksamkeit eher der einen oder anderen Damenbekanntschaft gilt. Es gibt Lebensumstände, in denen der Weg das Ziel sein kann.

Der Mann ist Romantiker

Wie sein Vater bevorzugt auch der Nostalgiker Jack Morgan die Musik entweichenden Wasserdampfs dem prosaischen Schnauben oder Röhren moderner Verbrennungsmotoren. Mögen andere die schweren und personalintensiven Dampfmaschinen durch zeitgemäß durchzugsstarke Zeppelin- und Flugzeugmotoren ersetzen - die Morgans lassen weiter die Kohle unter die Boiler schaufeln. Der Mann, dessen Kredite unter anderem den Ersten Weltkrieg finanzieren, ist Romantiker.

Gleitende Arbeitszeit: Herbert L. Pratts “Whisper“, Baujahr 1923

Gleitende Arbeitszeit: Herbert L. Pratts "Whisper", Baujahr 1923

Als Gegenstände beinahe alltäglichen Gebrauchs werden die Boote weitergereicht wie Gebrauchtwagen. 1922 bis 1938 ist der kunstsinnige Unternehmer Solomon R. Guggenheim mit einer abgelegten „Winchester“ unterwegs. Auch die vierte „Winchester“ wird lange gefahren, vom Hotelier Astor, später vom Eisenbahner Vanderbilt.

Die ellenlangen Schlachtschiffe, die ihre Geschwindigkeit durch schnittig schlanke Verdränger-Rümpfe erreichen, werden durch voll gleitende, kurze und handliche Boote ersetzt, die dank interessanten Leistungsgewichts ganz andere Geschwindigkeiten erreichen. Der moderne Ottomotor macht es möglich. So absolviert William Kissam Vanderbilt die Strecke Northport-Manhattan in 40 Minuten. Bei glattem Wasser sind 100 Kilometer in der Stunde (54 Knoten) drin. Bemerkenswerter als dieses Tempo erscheint die Tatsache, dass Vanderbilt dabei wiederholt eine verletzungsfreie Nassrasur hinbekommen haben soll. Das beherrscht nicht jeder.

Geblieben von der Raserei, den Rennen, Rekorden und Rasuren ist eine kühne Episode in der recht kurzen Geschichte des Motorbootfahrens. Sie wird an der Ostküste der Staaten mit liebevoll erhaltenen Antiquitäten kultiviert. Vor einigen Jahren saßen wir im kleinen zweisitzigen Séparée der „Liberty“, einem direkt hinter dem Bug eingelassenen Gästecockpit eines Hodgdon-Werftbaus von 1996, Nachbau eines historischen Commuters, der zum stilvollen Yachting an der Küste von Maine genutzt wird. Einzig das Zischen des vom Vorsteven geteilten Wassers und der im Fahrtwind knatternde Wimpel des New York Yacht Club waren zu hören. Eine rasend-schwarze, 24,30 mal 4,60 Meter messende Versuchung von 34 Tonnen Kampfgewicht. Mit kaum merklichem Vibrieren schaufelten die 2000 Pferdestärken der MAN-Motoren das Meer mit 25 Knoten Reisetempo unten durch. Neuengland flog vorbei. God blessed America. Für einen Moment beschlich uns vorn im Séparée ein bodenlos dekadentes Gatsby-Gefühl. Eine Existenz als Millionär ist wahrscheinlich ganz schön, wenn man das passende Gefährt dazu hat. Die echten und nicht bloß gefühlten Millionäre von heute „commuten“ prosaisch und praktisch mit dem Hubschrauber. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass früher manches einfach schöner war. Jedenfalls der Weg zur Wall Street.

C. Philip Moore: Yachts in a Hurry. An Illustrated History of the Great Commuter Yacht; ISBN 0-393-03576-X, New York/London, W.W. Norton 1994 (vergriffen, wird derzeit für vier-, fünfhundert Dollar angeboten). Ross MacTaggart: The Golden Century, Classic Motor Yachts 1830-1930; ISBN 0-393-04949-3, New York/London, W.W. Norton, 2001, 45 $. Vom selben Autor im selben Verlag: Millionaires, mansions and motor yachts, ISBN 0-393-05762-3.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: C. Philip Moore, "Yachts in a Hurry", Ross MacTggart, „The Golden Century”

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