Harley-Davidson Sportster 883 Iron

Die schwarze Serie hält an

Von Walter Wille

Ehrliches Eisen für Solisten: 883 Iron

Ehrliches Eisen für Solisten: 883 Iron

01. Mai 2009 Wir haben noch niemanden getroffen, der sich eine Harley wünschte oder gar kaufte, weil die so günstig sind. Dafür sind die Maschinen aus Milwaukee und Kansas City nicht berühmt. Für eine Harley-Davidson kann man leicht fünfzehn- oder auch dreißigtausend Euro ausgeben, da gibt es fast unbegrenzte Möglichkeiten. Es hat andere Gründe, dass Harley-Fans sich nicht mit einer Hyosung anfreunden können. Sie sind bekannt.

Aber nichts ist mehr so easy, wie es war. Die allgemeinen K-Umstände, die seit Monaten den Geist durchdringen, haben uns auf den Gedanken gebracht, mal nachzusehen, ob es beim Harley-Händler auch für relativ wenig Geld etwas zu holen gibt. Und siehe da: Ganz frisch wartet dort die Sportster 883 Iron. Für 7990 Euro plus Nebenkosten schraubt einem die Motor Company eine Maschine zusammen, die nach was aussieht und auf deren Tank tatsächlich „Harley-Davidson“ steht.

7990 Euro – das ist das Preisniveau japanischer Mittelklässler, die da und dort den Zwang zum Sparen erkennen lassen. Kann das was Richtiges sein? Kommt da echtes Harley-Gefühl auf? Und ist man mit so einem Gerät überhaupt ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde?

Die Sportster ist amerikanisches Kulturerbe

Falsche Fragen. Die Sportster ist amerikanisches Kulturerbe, seit der mittleren Eisenzeit im Programm. Die Ahnenreihe der 883 Iron reicht zurück bis ins Jahr 1957, als die Jugend ihren Freiheitsdrang entdeckte und eine Leistung von gut 50 PS für den reinen Wahnsinn hielt. Der dem Alter nach durchschnittliche Harley-Fahrer von heute kam damals gerade zur Welt. An der Daseinsberechtigung dieses nach den Maßstäben der Marke nicht nur preiswerten, sondern auch schlanken und handlichen Motorrads gibt es keinen Zweifel.

Auch nicht am guten Preis-Leistungs-Gefühl-Verhältnis. Das liegt nicht zuletzt am überraschend urwüchsigen V2-Klang, bollernd, wie es zu sein hat, mit einer Note Landmaschine. Toll! Der kleinste Harley-Motor schöpft aus 883 Kubikzentimeter Hubraum (nach heutigen Maßstäben) bescheidene 39 kW (53 PS), etwa genauso viel wie damals, anno ’57, aber er palavert und pulst wie die Big-Twins aus dem Hause. Man spürt den Freiheitsdrang der Kurbelwelle, wie sie daran arbeitet, irgendwann mal ihr Gehäuse zu verlassen. Das ist erfreulich bis Tacho 130, von da an wird’s kribbelig. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt offiziell 170 km/h, das Drehmomentmaximum 70 Nm bei 3750/min.

Geringer Plastik-, hoher Metallanteil sowie originelle Lösungen

Die Iron-Version der Sportster ist unter den schwarzen Schafen aus den Staaten das jüngste und erschwinglichste. Die Produktlinie puristischer „Dark Custom Bikes“ zieht sich mittlerweile quer durch die Modellfamilien, ihre wichtigste Gemeinsamkeit ist der schockschwarze Auftritt. Auffälligster Farbfleck ist die rote Spitze der Tachonadel. Nightster, Night Train, Night Rod Special, Cross Bones, Fat Bob und Street Bob gehören noch zur Herde der düsteren Serienfahrzeuge, die ein bisschen den Eindruck erwecken sollen, ihre Besitzer hätten sich ihre Maschine mit Hilfe von Black & Decker und einem Rieseneimer Mattschwarz zurechtgewerkelt.

Billig wirkt das nicht: geringer Plastik-, hoher Metallanteil sowie originelle Lösungen wie das Heck ohne Rücklicht (ist in die Blinker integriert), Retroelemente wie die Faltenbälge an der Telegabel, hübsche Räder, dazu automatische Blinkerrückstellung, Zahnriemenantrieb, schlüsselloses Sicherheitssystem – die kleine Iron macht was her. Der metallische Schlag beim Gangeinlegen, der neckische Seitenständer, der jeden Moment wegzuklappen scheint, so dass die Maschine auf die Seite knallt – so gehört das. Was man sich anders wünschte: Die Sicht in den Rückspiegeln ist mau. ABS würde der 883 als Motorrad, das sich auch für Einsteiger und Ungeübte anbietet, gut anstehen. Was ihr gegenüber den Big-Twin-Schwestern fehlt, ist die Souveränität im Antritt, der Eindruck, dass es wegen hoher Kraftreserven fast gleichgültig ist, welcher Gang eingelegt ist. Hier muss geschaltet werden, Überholmanöver sind sorgsam zu planen.

Leichtgängig ist die Kupplung, wunderbar sanft die Gasannahme

Diese Sportster ist kein Sport- und auch nicht ein sportliches Motorrad. Sie wiegt rund 260 Kilogramm, ein stolzer Wert. Es hat keinen Sinn, sie mit hohen Drehzahlen zu quälen. Mit ihrem Fahrwerk, dem großen 19-Zoll-Vorderrad (hinten ein 16-Zöller) ist sie nicht übermäßig agil. Die Sitzposition ist halb defensiv, halb aktiv, lässig auf der Kurzstrecke, anstrengend bei höherem Tempo und auf längerer Tour. Vor allem Großgewachsene sollten genau prüfen, ob das Arrangement aus sehr niedrig angebrachtem Sitz, mittigen Fußrasten und geradlinigem „Drag style“- Lenker zu ihnen passt. Kurvenspaß ist möglich, sehr wohl sogar, kitzelt man die Iron richtig, kratzt sie jedoch alsbald mit den Fußrasten auf dem Asphalt. Leichtgängig ist die Kupplung, wunderbar sanft die Gasannahme.

Die einzelne Scheibenbremse am Vorderrad ist nicht gerade bissig, verlangt nach kräftiger Betätigung per Handhebel, freut sich über jede Unterstützung von der Kollegin am Hinterrad. Man kommt zurecht. Zum Cruisen reicht’s. Wir sind meistens mit weniger als fünf Liter Super auf 100 Kilometer ausgekommen. Fahren und sparen – da muss man für die Zukunft nicht schwarzsehen.

Text: F.A.Z.

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