
Alles kann so einfach sein: Du drückst auf den Starter, drehst dieses leichte Teil in Richtung Straße, setzt dich drauf wie auf einen Roller ohne tiefen Durchstieg und gibst ein bisschen Gas. Der auf sein Kühlmittel, den Fahrtwind, wartende Motor, sagen wir genauer das Motörchen unter deinem Sitz, hat die ganze Zeit munter vor sich hin geblubbert, dezent diensteifrig, aber ganz zahm. Nun stößt er so etwas wie einen gedämpften Kampfschrei aus, und los geht's.
Noch vor der nächsten Ecke hört sich die Maschine an, als wolle sie gleich ihren Pleuel in den Rinnstein pfeffern. Irgendwie wäre jetzt wohl Schalten angesagt. Aber es gibt am Lenker keinen Kupplungshebel, wohl aber neben dem Tacho eine Anzeige, die noch einen zweiten, dritten und vierten Gang verheißt. Und unter deinem linken Fuß siehst du eine Wippe: Mit der Fußspitze treten ist Hochschalten und, klarer Fall, ein Tritt mit dem Absatz: Zurückschalten.
Dieses Motorrädchen stirbt nicht ab
Hast du dich nie gefragt, ob die Bollywood-Biker auch einen eisernen großen Zeh haben, wenn sie barfuß herumpreschen? Nein, sie haben eine Wippe, total bequem. Und falls du das Zurückschalten vergessen solltest: Macht überhaupt nichts. Man kann das Ding auch im vierten Gang anfahren. Es geht dann zwar nur ganz gemächlich, und der Motor hört sich an wie ein japanischer Tourist, der in Prag versucht, einen Germknödel im Ganzen herunterzuschlucken, aber dieses Motorrädchen stirbt nicht ab.
Es ist offensichtlich überhaupt nicht umzubringen: Als Honda Super Cub C 100 kam das „Viertakt-Leichtmotorrad mit Beinschild” vor fünfzig Jahren in Japan auf den Markt und verkauft sich seitdem wie geschnitten Brot: Im ersten Jahr wurden, beginnend im August 1958, knapp 25.000 „Cheap Urban Bikes” - daher Cub mit B und nicht mit P - produziert. Im dritten Jahr war es über eine halbe Million, und im fünften Jahr betrug die Gesamtproduktion bereits 2,2 Millionen Einheiten.
Die Zehn-Millionen-Marke wurde im Jahr 1974 überschritten, zwanzig Millionen waren 1992 erreicht, und im Geschäftsjahr 2006 wurde die Rekordmenge von 5,4 Millionen Super Cubs produziert; gleichzeitig überschritt die Gesamtproduktion die 50-Millionen-Grenze. Allein im April dieses Jahres lag die Produktionsziffer mit rund 506.000 Einheiten so hoch wie etwa 1989 im ganzen Jahr, und in eben diesem April 2008 wurde die Gesamtzahl von 60 Millionen überschritten.
Ein gemeinsames Grundkonzept
Die Super Cubs, die einem rund um den Globus auch unter Modellbezeichnungen wie Wave, Dream oder bei uns als Innova begegnen, wurden in 160 Länder verkauft. Aktuell produzieren fünfzehn Honda-Fabriken in aller Welt die für ihre jeweiligen Zielmärkte angepassten Ausführungen: für Afrika Kickstarter, für Europa Katalysator und Elektrostarter. Gemeinsam haben die Versionen das Grundkonzept - ein laufruhiger Viertakt-Motor, ein Schaltgetriebe mit Automatik-Kupplung, große Räder wie ein Moped, aber ein Preßrahmen mit Durchstieg wie ein Roller hinter dem Beinschild. Kurze Anmerkung: Das ist in Ländern wie Thailand oder Indonesien, wo ein Super Cub als Viersitzer durchgeht, gewöhnlich der Platz für das kleinste Kind. „Honda” ist im Indonesischen ein Wort wie bei uns Tempotaschentuch und bedeutet Moped.
In seiner Autobiographie schreibt der Konstrukteur und Unternehmensgründer Soichiro Honda: „Das Modell Honda Super Cub C 100 hatte einen Motor mit 50 Kubik und entwickelte 4,5 PS. Dieses Ergebnis verdankte ich meinen Versuchen mit Rennmotoren. Tatsächlich brachte es das erste Modell mit 50 Kubik, das ich nach dem Krieg gebaut hatte, nur auf 0,5 PS. Für die Entwicklung hatte ich ein Jahr stiller Arbeit gebraucht. Wir hatten ein neues Transportmittel geschaffen, das den Bedürfnissen der Zeit vollkommen entsprach.”
„You meet the nicest people on a Honda”
Völlig ernsthaft hat man dieser kleinen Maschine attestiert, das Böse-Buben-Image des Motorradfahrens à la „The wild one” während der sechziger Jahre in den Vereinigten Staaten zum Besseren gewandelt zu haben. Honda warb mit dem Slogan „You meet the nicest people on a Honda”, und innerhalb von acht Jahren verkauften die Japaner eine Million Super Cubs als Jugend- und Jedermannfahrzeug, wie es die Beach Boys in ihrem Song „Little Honda” besangen: „Its not a big motorcycle, just a groovy little motorbike . . .” (In dem Video des Songs fährt Carl Wilson allerdings eine sehr frühe Form eines Downhill-Mountainbikes und wird von Girls in einer Corvette Sting Ray Cabriolet abgehängt.) Die Super Cub gefiel auch in Amerika als billig, flott, simpel und anspruchslos.
Ob Nord-, ob Südamerika: Genau die gleichen Qualitäten, mit denen die Super Cub ganze Entwicklungsländer mobil machte, bereiteten den amerikanischen Markt für Hondas größere Bikes und die Autos vor.
Den Hardcore-Fans gilt die Super Cub nicht nur als robust, sie sind felsenfest davon überzeugt, dass sie unkaputtbar sei. Wer es aushält, ein Motorrad mit altem Bratfett geschmiert, überladen und gewollt brutal an Bordsteinkanten entlangschrammend bewegt zu sehen, dem sei im Internet der
F.A.S.
Hans-Heinrich Pardey